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Tessa Ganserer: Magazin „Emma“ schießt gegen Transfrau – Grüne sind fassungslos

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Von: Sebastian Richter

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Tessa Ganserer im September 2021, kurz vor ihrer Wahl als eine der ersten trans Personen in den Bundestag. (Archivbild)
Tessa Ganserer im September 2021, kurz vor ihrer Wahl als eine der ersten trans Personen in den Bundestag. (Archivbild) © Daniel Karmann/dpa

Im Bundestag sitzt die Transfrau Tessa Ganserer für die Grünen auf einem für Frauen reservierten Mandatsplatz. Das Magazin „Emma“ übt Kritik – und sorgt für Empörung.

Berlin – In den sozialen Medien ist ein Streit um den Frauenquotenplatz einer Grünenpolitikerin im Bundestag entbrannt: Tessa Ganserer. Die als Markus Ganserer geborene Politikerin sitzt seit 2021 im neuen Bundestag. Neben Nyke Slawik (ebenfalls Bündnis 90/Grüne) ist Ganserer die erste Transsexuelle im Bundestag.

Angestoßen hatte die Diskussion ein Artikel des feministischen Magazins „Emma“. Für das Magazin geht es um die Frage: Wie definieren wir zukünftig das Geschlecht? Mit Ganserer besetze ein Mensch, „der physisch und rechtlich ein Mann“ sei, einen Frauenquotenplatz, heißt es im Artikel der Emma. Denn Ganserer habe weder eine Geschlechtsoperation durchführen lassen, noch beim Amt eine Personenstandsänderung beantragt.

Kritik der Zeitschrift „Emma“: Frauenstatut der Grünen „von deutschen Wahlbehörden übernommen“

Dass Ganserer einen für Frauen reservierten Platz im Bundestag bekommen konnte, liege an den Regeln innerhalb der Partei der Grünen. Mit dem „Frauenstatut“ des Bundesvorstandes will die Partei die „gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in der Politik“ fördern. In der Präambel ist auch definiert, wer als Frau gilt: „Von dem Begriff ‚Frauen‘ werden alle erfasst, sie sich selbst so definieren.“ (sic) Und da Ganserer sich 2018 als Frau geoutet hat, ist sie im Sinne der Grünen auch eine.

„Emma“ kritisiert nun, dass das Frauenstatut der Grünen „de facto von den deutschen Wahlbehörden übernommen“ wurde, Ganserer statistisch und im Bundestag als Frau geführt wird. Es gebe Widerstand gegen Ganserer auf einem Frauenquotenplatz im Bundestag. Die Initiative „Geschlecht zählt“ habe schon im November Einspruch gegen Ganserers Sitz auf einen Frauenquotenplatz im Bundestag eingelegt. „Es geht nicht um den persönlichen Fall Ganserer, sondern um die Neudefinition des Begriffs Geschlecht“, erklärt Hilde Schwathe von der Initiative gegenüber „Emma“.

Tessa Ganserer: 40 Jahre altes Transsexuellengesetz braucht dringend eine Änderung

Diese Definition des Geschlechts wird aktuell vom Transsexuellengesetz juristisch geregelt. Mit der Einführung 1981 war Deutschland damals einem großen Teil der Welt voraus. Durch das Gesetz gab die Bundesrepublik trans-Personen überhaupt die Möglichkeit, ihr Geschlecht und ihren Vornamen ändern zu können. 40 Jahre später ist das Gesetz allerdings veraltet. Geschlechtsänderungen per Gesetz sind teuer, aufwendig und dauern lang.

Bisher blieb trotz mehrfacher Versuche alles beim alten, zuletzt scheiterte im Sommer 2021 eine Abstimmung zu einer Gesetzesänderung, dem sogenannten Selbstbestimmungsgesetz: Grüne, Linke und FDP erhielten für ihre Entwürfe keine Mehrheit, die SPD stimmte damals nicht gegen ihren Koalitionspartner Union. Teil des Entwurfes war, die Regeln für eine Geschlechtsumwandlung zu vereinfachen. Laut „Emma“ sei „die Wahl der Grünen von Ganserer auf einen Frauenquotenplatz eine widerrechtliche Vorwegnahme des von ihnen geplanten „Selbstbestimmungsgesetzes“.

Unterstützung der Grünen Fraktionsspitze für Tessa Ganserer

Unterstützung bekommt Ganserer jetzt unter anderem von Britta Haßelmann, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, und Ulle Schauws, queerpolitische Sprecherin der Grüne-Fraktion. „Wie andere Vorkämpferinnen macht Tessa Ganserer mit ihrem Beispiel vielen Menschen Mut. Wir unterstützen und bestärken Tessa Ganserer in ihrer Haltung, selbstbestimmt zu leben“, so Haßelmann und Schauws gegenüber dem „Tagesspiegel“. Es sei „ungeheuer respektlos, wenn über die Körperlichkeit eines Menschen spekuliert und diese denunziert“ werde. Und weiter: „Das verrät alle Grundwerte der Frauenbewegung auf Selbstbestimmung und körperliche Integrität“.

Unter dem Hashtag #SolidaritätMitTessa formiert sich auch auf Twitter Unterstützung für Ganserer. Irene Mihalic, erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag, schreibt am Freitag (22.01.2022): „Niemand muss uns #Grünen etwas zur Frauenquote erklären. Schon gar nicht, wenn es eigentlich nur darum geht, Vorurteile aufzubauen.“

Eines der Ziele der Ampelkoalition ist es, das Transsexuellengesetz durch ein Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen. Das soll Verfahrensänderungen beim Standesamt beinhalten, außerdem soll der Eintrag zum Geschlecht im Personenstand per Selbstauskunft möglich werden, wie es unter anderem im Koalitionsvertrag heißt. Die Debatte dürfte damit aber längst noch nicht am Ende sein. (spr)

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