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Auch in Deutschland müssen Menschen aus der LGBTQI*-Gemeinde noch für ihre Rechte kämpfen.
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Auch in Deutschland müssen Menschen aus der LGBTQI*-Gemeinde noch für ihre Rechte kämpfen.

LGBTIQ*-Rechte

Trans*-Aktivistin Patricia Schüttler : „Vielleicht sollten wir bei der Geburt das Geschlecht offenlassen“

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Patricia Schüttler sagt, Politikern sei das Leid von trans*Menschen nicht klar. Um das zu ändern schlägt sie unter anderem mehr LGBTIQ*-Bildung für alle vor.

Hinweis der Redaktion: Patricia Schüttler möchte in diesem Interview betonen, dass die Aussagen, die sie hier trifft, ihre persönliche und nicht die Meinung des Vereins widerspiegeln.

Der Bundestag hat im Mai das von Grünen und FDP vorgeschlagene Selbstbestimmungsgesetz für trans* Menschen abgelehnt. Das oft kritisierte Transsexuellengesetz bleibt bestehen. Waren Sie enttäuscht, Frau Schüttler?

Ehrlich gesagt habe ich mit der Ablehnung gerechnet, weil den meisten Politikern nicht klar ist, welches Leid für trans* Menschen dahintersteckt. Sie haben sich meiner Meinung nach nicht ausreichend von Betroffenen beraten lassen. Schwierig bei der Diskussion war wohl, dass viele Angst davor hatten, eine vereinfachte Personenstandsänderung würde zu einem massenhaften Springen zwischen den Geschlechtern führen. Der neue Gesetzesentwurf sah unter anderem vor, dass trans* Menschen ab 14 Jahren einfach per Antrag beim Standesamt ihr Geschlecht und ihren Vornamen in ihren Dokumenten ändern lassen können.

Patricia Schüttler wusste schon Ende des Kindergartens: „Irgendwas ist nicht ganz in Ordnung. Ich unterscheide mich von anderen, für die eindeutig klar ist: Männlein ist so, Frau sein so.“

Wie ist das aktuelle Verfahren bei der Personenstandsänderung?

Momentan ist es so, dass man zwei Gutachten beim Amtsgericht vorlegen muss, die die Transidentität bestätigen. Die Kosten von Gutachten inklusive des Prozesses liegen bei mehreren Tausend Euro und variieren je nach Gegend. Dies wäre mit dem neuen Gesetz weggefallen. Operationen hingegen sind irreversibel. Deshalb muss die Notwendigkeit vorab eindeutig und ausreichend von Psychiatern belegt sein. Das ist auch richtig so. Ich arbeite ja in einer Transgender-Klinik – da würde kein Chirurg einen anderen Weg gehen wollen.

Zur Person

Patricia Schüttler (48) leitet eine Selbsthilfegruppe für Transgender in München. Sie ist zweite Vorsitzende des Vereins Trans-Ident und leistet Aufklärungsarbeit an Schulen, außerdem arbeitet sie als Assistentin in einer Transgender-Klinik in München. Sie selbst outete sich 2010 als Transfrau.

Sie sprachen vom Leid, das trans* Menschen durchmachen. Können Sie das erläutern?

Ich habe mich erst mit 38 Jahren geoutet. Das war Weihnachten 2010, da war ich schon 20 Jahre mit meiner Frau zusammen. An dem Punkt war ich schon sehr depressiv und hielt es nicht mehr aus, mich nicht zu outen. Ich hatte schon gegen Ende des Kindergartens gemerkt: Irgendwas ist nicht ganz in Ordnung. Ich unterscheide mich von anderen, für die eindeutig klar ist: Männlein ist so, Frau sein so. Aber ich dachte, irgendwann geht das wieder weg. Ich hätte mich zu keinem Zeitpunkt getraut, mich in der Schule zu outen oder es meinen Eltern zu sagen, die hätten das nicht mitgemacht. Und ich hatte Angst, als krank oder verrückt abgestempelt zu werden. Ich bin dann sogar zur Bundeswehr. Aber das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, blieb. Bis es unerträglich wurde.

Wie hat Ihre Frau auf Ihr Coming-out reagiert?

Meine Frau hat toll reagiert. Sie sagte, sie liebt den Menschen, nicht den Mann. Wir haben für uns den Begriff der Zwangsverlesbischung erfunden ( lacht ). Ich wollte ihr etwas Zeit geben bis zur OP. Bis März 2014 habe ich noch mit der Therapie gewartet, aber es ging mir immer schlechter. Ich verkaufte meine Zahnarztpraxis. Ich habe gezittert, als ich dann die Psychiaterin anrief, und ihr sagte, ich brauche schnellstmöglich einen Termin, sonst kann ich nicht mehr leben. Eine Woche später begann meine Behandlung, 2015 war dann die OP. Aber ich komme auch heute immer noch an den Punkt, dass ich sage, ich habe keine Lust mehr. Nicht weil ich diskriminiert werde, das erlebe ich nicht. Aber es geht um mein Selbstbild. Ich bin zwar vollkommen glücklich mit dem, was ich habe, aber wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich mich immer noch als Mann. Das ist wie ein Standbild von vor 15 Jahren.

16 Jahre Angela-Merkel-Regierung neigen sich dem Ende zu. Was hat das für trans* und inter* Menschen bewegt?

Das ist schwer zu sagen. 2018 hat es die Einführung der dritten Geschlechtsoption gegeben, aber das war nicht wirklich ein Verdienst der Bundesregierung, sondern ging auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zurück – genauso wie die Veränderungen im Transsexuellengesetz 2009 und 2011. Bis 2009 musste man nämlich für die Personenstandsänderung eine bestehende Ehe auflösen, und erst seit 2011 ist keine Zwangssterilisierung mehr erforderlich. Wahnsinn. Es gibt schon seit Jahren genug Gesetzesentwürfe, um Trans*-Rechte zu verbessern, aber die fallen im Alltagsgeschäft leider immer hinten runter. Sie sind einfach nicht wichtig genug. Das ist schade.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden.Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de . Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um Sport. Sie erscheint am Dienstag, 22. Juni.

Zuletzt erschienen: eine Folge zum Thema Finanzmärkte am Dienstag, 15. Juni.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/Bundestagswahl

Glauben Sie, dass sich das mit einer rot-grün-roten oder grün-rot-roten Regierung ändern würde?

Ich habe die Befürchtung, dass, auch wenn die Linkspartei und die Grünen ziemlich gute Ansätze haben, was LGBTIQ*-Themen angeht, selbst eine solche Regierung sie am Ende nicht umsetzen würde. Dass sah man gerade bei der Abstimmung zum Transsexuellengesetz, da stimmte nur einer von der SPD für die Reform. Alle anderen waren dagegen. Warum sollte es in einer neuen Koalition anders sein? Das Potenzial und die Hoffnung sind da, aber ich glaube nicht daran, dass sich grundsätzlich etwas verändert.

Was müsste die nächste Bundesregierung aus Ihrer Sicht als Erstes angehen?

Abgesehen davon, dass der Weg zu einer Personenstandsänderung deutlich vereinfacht werden sollte und damit die Kosten wegfallen, sollte im Artikel 3 des Grundgesetzes verankert werden, dass auch geschlechtliche Identitäten geschützt sind. Dort steht jetzt, dass man wegen seines Geschlechtes nicht diskriminiert werden darf. Das ist gut. Aber als trans* Mensch fällt man da durch. Es gibt immer noch keine Polizeistatistiken über homo- und transphob motivierte Taten. Deutschland sollte zudem als starkes Land in Europa endlich Position beziehen: Es kann nicht sein, dass es in der EU noch Länder wie Ungarn gibt, die Rückschritte machen. In Ungarn gibt es keine Personenstandsänderung mehr. Es zählt nur noch das Geschlecht, das bei der Geburt festgelegt wurde.

Sie fordern auch Veränderungen bei der deutschen Bildungspolitik.

Es gibt Studien dazu, dass sich viele Lehrkräfte total überfordert fühlen mit dem Thema LGBTIQ*. Es wird aber dennoch nicht dafür gesorgt, dass es in die Ausbildung verpflichtend miteingegliedert wird. Auch wird es nicht in die Lehrpläne aufgenommen. Dabei geht man davon aus, dass sieben bis zehn Prozent der Menschen in Deutschland entweder nicht heterosexuell sind oder sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugeordneten Geschlecht identifizieren. Ich selbst gehe an Schulen in München und kläre über das Thema LGBTIQ* auf. Einerseits erleben wir bei Schülerinnen und Schülern sehr viel Offenheit. Das ist ein positives Zeichen. Aber es gab auch schon den Fall, dass wir vor der Schule standen und der Schulleiter uns aufhielt und sagte: „Also, diesen Workshop können Sie nicht halten, weil manche Eltern dagegen sein könnten.“ Moment mal, warum muss man die Eltern überhaupt fragen? Das wäre ja so, als wenn man die Eltern fragen müsste, ob man über die NS-Zeit reden darf. Das ist indiskutabel.

Was wäre Ihre persönliche Utopie für ein besseres Leben für trans* Menschen?

Ich bin schon so weit gegangen zu sagen: Vielleicht sollten wir bei der Geburt das Geschlecht einfach offenlassen. Also das Kind selbst entscheiden lassen an dem Zeitpunkt, wo es selbst so weit ist. Erst dann trage ich das Geschlecht ein. Das hätte den Vorteil, dass man nicht im Vorhinein in ein Geschlecht eingeteilt ist. Es ist eine Utopie, und ich glaube auch nicht, dass sie umzusetzen ist. Aber ich finde die Aussage von Wissenschaftlern, dass der größte Teil des Geschlechtes nicht zwischen den Beinen liegt, sondern zwischen den Ohren, die stimmt. Unser Geschlecht entscheidet sich im Gehirn. (Interview: Kathrin Rosendorff)

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