Hunderttausende Iraner wollten am Montag von General Ghassem Soleimani Abschied nehmen.
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Hunderttausende Iraner wollten am Montag von General Ghassem Soleimani Abschied nehmen.

Iran

Tränen, Racheschwüre und viel Diplomatie

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Während Trump poltert, betont der Irak seine Souveränität – und der Iran trauert.

Irans komplette politische Elite nahm Abschied. Revolutionsführer Ali Chamenei, der das Totengebet an den Särgen leitete, schien einen Augenblick lang von seinen Gefühlen überwältigt. Auf den Straßen Teherans drängten sich Hunderttausende, um bei dem offiziellen Staatsakt für den toten Ghassem Soleimani dabei zu sein. Das öffentliche Leben der iranischen Hauptstadt kam zum völligen Stillstand. Fast alle Fernsehkanäle übertrugen das Geschehen live. „Tod für Amerika“, skandierten die Massen auf dem zentralen Azadi-Platz, als die Särge dort ankamen.

An diesem Dienstag soll der populäre Gardenkommandeur in seinem Geburtsort nahe der Stadt Kerman beigesetzt werden. „Dies ist ein schwarzer Tag für die USA“, sagte die Tochter des Getöteten, Zeinab Soleimani, bei ihrer Trauerrede. „Verrückter Trump, glaub’ ja nicht, dass mit dem Märtyrertod meines Vaters jetzt alles vorbei ist“, rief sie unter tosendem Beifall. „Alle Eltern von US-Soldaten, die im Nahen Osten stationiert sind, müssen jetzt auf den Tod ihrer Kinder warten.“

Sarif twittert für Frieden

Unter den regionalen Verbündeten der USA wächst tatsächlich die Angst. Die immer wilderen Poltereien Trumps verfehlen ihre Wirkung nicht – allerdings wirken sie nicht unbedingt auf die, die Trump direkt anspricht. Seine Androhung von Sanktionen gegen den Noch-Verbündeten Irak hat am Montag nur eine Reaktion hervorgerufen: Iraks Regierungschef Adel Abdel Mahdi betonte die Souveränität seines Landes. Die US-Truppen seien aufgrund eines irakischen Beschlusses im Land, erklärte Abdel Mahdi bei einem Treffen mit dem chinesischen Botschafter in Bagdad. Auch ihr Abzug sei eine irakische Entscheidung. Die USA hätten ihren Teil zum Kampf gegen den „Islamischen Staat“ beigetragen, sagte der Ministerpräsident. Aber „wir wollen nicht Partei irgendeines Konflikts werden, und wir werden nicht akzeptieren, dass der Irak Schauplatz zur Begleichung von Rechnungen wird“.

Während der Trauerfeier für Soleimani kam das öffentliche Leben in Teheran zum Stillstand.

Mindestens so heikel ist die Lage für Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die als schärfste Kritiker des iranischen Machtstrebens in der arabischen Welt gelten. Beide Ölstaaten an der gegenüberliegenden Golfküste des – im Übrigen nicht arabischen – Iran befürchten, wegen Trumps Wankelmut im Falle eines Angriffs ohne amerikanische Deckung dazustehen. Riad und Abu Dhabi bemühen sich daher schon seit Monaten, ihr Verhältnis zur Islamischen Republik zu entspannen, eine politische Initiative, an der offenbar auch Soleimani beteiligt war.

Derweil lud die EU Außenminister Mohammed Sarif zu Gesprächen nach Brüssel ein, nachdem der Iran am Sonntag auch den fünften und letzten Teil des 2015 geschlossenen Atomabkommens aufgekündigt hatte. Sämtliche Schritte seien reversibel, betonte Sarif via Twitter. Sein Land kooperiere unverändert mit der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien und werde sofort zur vollen Vertragstreue zurückkehren, wenn die anderen Unterzeichnerstaaten ihrerseits den Verpflichtungen nachkämen. Diese Kritik zielt vor allem auf Deutschland, Frankreich und Großbritannien, denen Teheran vorwirft, sich dem Sanktionsdiktat der USA bisher ohne nennenswerten Widerstand zu beugen. Bundeskanzlerin Angela Merkel will sich am Samstag in Moskau mit Präsident Wladimir Putin treffen, um über die Lage in Mittelost zu sprechen.

Vor lauter Drohungen und Konterdrohungen übersieht offenbar zumindest der Mann im Weißen Haus die lange vor seiner Präsidentschaft festgelegten Verhältnisse: Der Stationierungsvertrag für US-Truppen im Irak beinhaltet eine einjährige Kündigungsfrist. Und für die Resolution zum „sofortigen“ Abzug der G. I.s schaffte das irakische Parlament gerade so das nötige Quorum. Nur 168 der 329 Abgeordneten waren anwesend; die kurdischen und die sunnitischen Volksvertreter blieben der Debatte demonstrativ fern. Zudem verpflichtet die Resolution Iraks Regierung zu nichts – auch wenn sie selbst das Parlament dazu gedrängt hat. Tatsächlich verdeutlicht die Resolution nur einmal mehr die Zerrissenheit des Landes, dessen Einwohner bei ihren Protesten Hunderte Tote zählen müssen. (mit dpa)

Beim Trauerzug für den iranischen General ist es zu einer Massenpanik mit vielen Toten gekommen.

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