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Am Ende eine Verneigung vor der Partei: Gregor Gysi bedankt sich für minutenlangen Applaus.

Gregor Gysi

Tränen zum Abschied

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Gregor Gysi kündigt in einer emotionalen Rede beim Linksparteitag seinen Rückzug als Fraktionschef an und gibt seiner Partei den Auftrag, im Bund mitregieren zu wollen.

Auf den letzten Metern flossen die Tränen dann doch noch in Strömen. Nicht nur Gregor Gysi heulte. Zumindest die Genossinnen und Genossen in den ersten beiden Reihen heulten im Licht der Kameras mit. Der 67-Jährige stieg von der Bühne herab und wieder hinauf und wieder herab und wieder hinauf. Zwölf Minuten klatschten die 500 Delegierten in der Bielefelder Stadthalle. Und als alles vorbei war, da schloss der Linksparteitag einfach die Tagesordnung. Nach der Rede des langjährigen Fraktionsvorsitzenden, so die Mehrheitsmeinung, konnte nichts mehr kommen.

Zuletzt war manch Linkem etwas die Geduld ausgegangen. Ein prominenter Kopf aus dem Reformlager der Bundestagsfraktion sagte am Freitag, so, wie deren Chef die eigenen Leute hinhalte mit seiner Entscheidung, weiter zu machen oder auch nicht, könne das nur er tun. Die dem linken Flügel zuzurechnende Inge Höger ging noch einen Schritt weiter. Sie beantragte, den Tagesordnungspunkt „Bericht des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion“ vorzuziehen. Höger wollte dem aus ihrer Sicht Selbstverliebten Grenzen setzen. Es wurde nichts. Antrag abgelehnt.

Als Gysi dann am Sonntag um 13.27 Uhr zu sprechen begann und erklärte, er werde im Herbst nicht erneut für den Fraktionsvorsitz kandidieren und 2017 vielleicht auch nicht wieder für den Bundestag, da war es mucksmäuschenstill im Saal. Alle wussten: Das ist eine Zäsur. Eine Zäsur für die Partei. Ein bisschen aber auch für das Nachwendedeutschland – pünktlich zum 25. Jahrestag der Einheit. Warum das so ist, das zeigte Gysi ein weiteres Mal.

Er erinnerte daran, welch „ungeheuer schwere Aufgabe“ es gewesen sei, aus der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zunächst die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) und dann die Linke zu formen. Dies sei eine Leistung, auf die alle Beteiligten stolz sein könnten. „Ich glaube, dass ich einen Anteil am gewachsenen Respekt habe.“

Immerhin wurde Gysi noch 1989 SED/PDS-Chef, weil sich das vorherige Führungspersonal diskreditiert hatte. Auch machte er kein Hehl aus seinem Verdruss über die Angriffe, die ihn in all den Jahren wegen des Verdachts der Stasi-Mitarbeit trafen. Von Hass war die Rede. Weite Strecken seines lediglich 30-minütigen und damit für Gysi-Verhältnisse eher kurzen Auftritts nutzte er ferner dazu, der eigenen Partei mehr oder weniger deutlich ins Gewissen zu reden.

Abermals trat er nicht als Fraktions- und heimlicher Parteivorsitzender auf, sondern wahlweise als strenger Anwalt oder ungeduldiger Vater, der demonstrierte, dass ihm die Seinen zuweilen tüchtig auf die Nerven gehen. Schon lange ist Gysi ihnen ja entrückt. So trägt er als nahezu Einziger auf Parteitagen einen dunklen Anzug plus Krawatte. Und entweder der Star der Linken sitzt in der ersten Reihe. Oder er ist verschwunden. Nahbar ist Gysi nie.

Dieser Gysi mahnte also, den Rechtsstaat als Errungenschaft zu ehren und auch die positiven Seiten des Kapitalismus zu benennen. So etwas sagt bei der Linken so sonst keiner. Es sind Gysis kleine Sätze, die auf die Weise Sprengkraft entfalten, Sätze wie: „Unser Ziel muss es sein, verstanden zu werden.“ Denn verstanden werden zu wollen, das ist eben nicht das Credo der zahlreichen linken Ideologen. Denen reicht es, wenn sie sich untereinander verstehen.

Sehr konkret warb Gysi denn auch für eine Regierungsbeteiligung im Bund. Wer ständig Haltelinien für eine Zusammenarbeit mit SPD und Grünen formuliere, der zeige bloß, dass er den eigenen Leuten misstraue. Ohnehin wäre es doch zum Beispiel schon ein Fortschritt, wenn es gelänge, Deutschland künftig aus Kriegseinsätzen herauszuhalten. Der Reformer beklagte jedenfalls, manche, die ständig Vorbehalte formulierten, wollten gar nicht, dass die Linke mitregiere. Das war zweifellos auf seine Stellvertreterin Sahra Wagenknecht gemünzt, die bald mit Dietmar Bartsch die Fraktion führen dürfte.

Und schließlich dankte der scheidende Vorsitzende alten Weggefährten wie Hans Modrow und eben Bartsch, aber auch Freunden und Familienangehörigen, für die er während seiner Karriere zu wenig Zeit gefunden habe. An der Stelle stockte Gysi und betonte: „Das tut mir sehr, sehr leid.“

Was jetzt für Gysi kommt?

Was jetzt kommt? An die Spitze der Fraktion werden wohl tatsächlich Wagenknecht und Bartsch rücken, die in Bielefeld bereits demonstrativ und einträchtig nebeneinander saßen – wobei Wagenknecht dort nach dem Urteil vieler härter auftrat als erwartet, so dass mancher sich kopfschüttelnd fragte, ob sie wirklich geeignet sei, die 64 Parlamentarier zu führen. Den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel beschimpfte sie im Kontext der Debatte um das europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen TTIP als Lügner. Immerhin, zwischen Wagenknecht und Bartsch gibt es, wie einer von beiden unlängst bemerkte, „ein dünnes Eis, auf dem man stehen kann“.

Was jetzt für Gysi kommt? Ein weites Feld. Bis zum Oktober, so viel ist jetzt schon gewiss, bleibt er noch im Amt. Die Staatsanwaltschaft Hamburg muss zudem entscheiden, ob sie gegen den werdenden Pensionär Anklage wegen uneidlicher Falschaussage in Sachen Stasi-Mitarbeit erhebt. Ob Gysi als sympathischer Schuft in die Geschichte eingeht oder als derjenige, der die DDR-Funktionseliten verdienstvollerweise mit der Demokratie versöhnte, bleibt also offen.

Radikal verändert hat sich gewiss das politische Umfeld. Während Gregor Gysis Vergangenheit in den 90er Jahren erhitzt diskutiert wurde, fällt es heute allerdings schwer, einen führenden Politiker einer konkurrierenden Partei zu einem kritischen Statement zu bewegen. Das Thema Stasi zündet nicht mehr. Die Dissidenten sind müde.

Was das Persönliche betrifft, so lebt Gysi schon seit einigen Jahren ohne Partnerin in einem großen Haus in Berlin-Pankow. Es heißt, er werde ein Buch schreiben über die letzten 25 Jahre in der Politik. Der Vertrag sei schon unterzeichnet. Und dass er das Alter genießen wolle, das hat der Scheidende vor Tagen auch schon gesagt.

An die Tränen von Bielefeld wird er dabei bestimmt gerne zurückdenken.

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