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Auf Tradition ist kein Verlass

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Von: Daniela Vates

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Josef Mayer, CSU-Bürgermeister von Rimsting.
Josef Mayer, CSU-Bürgermeister von Rimsting. © FR/Daniela Vates

Für die CSU ist das Betreuungsgeld eine politische Herzensangelegenheit, sagt die Parteispitze. An der Basis sehen das nicht alle so. In Rimsting entsteht jetzt eine neue Kinderkrippe.

Für die CSU ist die Sache so klar, dass sie sogar schon ein Faltblatt gedruckt hat. „Sehr geehrte Damen und Herren, die CSU hat das Betreuungsgeld durchgesetzt“, verkündet darin der Generalsekretär der Partei. Das ist eine bemerkenswerte Interpretation der Lage, denn das Gesetz lässt ja noch auf sich warten. Die FDP wettert, in der CDU gibt es starke Gegenwehr.

Gerade hat Familienministerin Kristina Schröder erklärt, dass es erst ein weiteres Spitzengespräch in der Koalition geben müsse, bevor sie sich an die Arbeit mache. Die CSU hat sich am Wochenende im Kloster Andechs zur Vorstandsklausur getroffen, und Generalsekretär Alexander Dobrindt hat dort gepoltert, es gebe „keine Verhandlungsoptionen mehr“. Sollte sein Satz aus dem Faltblatt stimmen, müsste sich Dobrindt nicht so aufregen. Bislang bedeutet sein Wort nicht mehr als den Wunsch der CSU-Spitze.

In der Parteizentrale in der Münchner Nymphenburger Straße haben sie das Betreuungsgeld zu einem der beiden zentralen Themen der CSU auserkoren, neben der Haushaltssanierung. Dobrindt sitzt dort in einem Büro unter dem Dach, Franz-Josef-Strauß-Büste im Regal, bayerisch-weiß-blauer Blumenstrauß auf dem Tisch. Im kommenden Jahr stehen Landtagswahlen an. Die Aufgabe des Generalsekretärs ist es, die CSU an der Regierung zu halten. Er trägt einen Dreiteiler mit lila Krawatte und sagt, es sei sinnvoll und gerecht, Eltern, die ihre unter Dreijährigen nicht in eine Krippe geben, finanziell zu würdigen. „Zusätzliche Anerkennungs- und Unterstützungsleistung für Eltern“ nennen sie das in der CSU und betonen, dass man die Entscheidungsfreiheit der Eltern fördern müsse, mit 150 Euro. Herdprämie nennen es die gehässigsten der Gegner. Dobrindt sagt, die Gegner redeten an der Mehrheit der Bevölkerung vorbei.

Wenn das so wäre, müsste man schnell fündig werden in Bayern, auf dem Land zumal, bei Zwiebelkirchtürmen und Trachtenträgern, dort, wo man am ehesten Tradition vermuten darf und das, was „traditionelles Familienbild“ heißt. Die Mutter zu Hause bei den Kindern, der Vater im Beruf.

Traditioneller geht es nicht

Auf einem Hügel nahe des Chiemsees – und damit auch nahe an der bayerischen Tradition – liegt Rimstig, die Berge sind nur zwanzig Kilometer entfernt. Es lastet noch viel Schnee auf den Gipfeln der Alpen, das ist von Rimsting aus leicht zu erkennen. 4000 Einwohner hat der Ort, ein Neubauviertel gehört dazu und ein kleines Gewerbegebiet. Im Zentrum neben dem Rathaus stehen alte Bauernhöfe. An den Stamm des Maibaums hat jemand einen Aufkleber gepappt: „Mia redn Boarisch – bayerisches Deutsch“ steht darauf. Und der Hinweis, dass das die Begrüßungsformel „Griaß God“ zur Folge habe.

Und den Abschiedsgruß „Pfia God“. Der Gemeinderat beschäftigt sich in seiner nächsten Sitzung laut Aushang unter anderem mit dem Neubau eines Milchviehstalls bei einem Bauernhof. Die Kirche St. Nikolaus hat zwar keinen Zwiebelturm, dafür aber eine Gedenktafel, die daran erinnert, dass der Papst und sein Bruder hier 1951 ihre Nachprimiz feierten, also ihre erste Messe auf heimatlichem Boden. Die Mutter des Papstes, so heißt es, sei im schönen Rimsting aufgewachsen. Traditioneller geht es kaum.

Der Bürgermeister trägt über dem karierten Hemd ein graues Jackett im Trachtenstil – grün abgesetzter Kragen und Hirschhornknöpfe. Josef Mayer ist ein freundlicher Mann, er hat ein CSU-Parteibuch und natürlich sagt er „Griaß God“. Aus dem Fenster seines Büros sieht er auf eine Pferdekoppel. Mayer ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, mit drei Geschwistern. Ohne Kindergarten, ohne Krippe. Die Eltern waren ja zu Hause, wenn sie auch gearbeitet haben. Seine Kindheit habe ihm wahnsinnig gefallen, schwärmt er. Mayer hat selbst vier Söhne. Auch die sind auf dem Bauernhof aufgewachsen. „Die Mama ist halt zu Hause“, so sei das in seiner Welt und er findet, seine Frau Marianne sei eine tolle Mama.

Sollte so eine tolle Mama nicht Betreuungsgeld bekommen? Mayers Söhne sind schon fast alle erwachsen. Aber wenn es das Geld damals gegeben hätte, als die vier klein waren, vor zwanzig, dreißig Jahren? Mayer überlegt ein bisschen: „Wir hätten es schon genommen“, sagt er dann. So ein bisschen Geld kann man ja immer brauchen als junge Familie. Ist es also gut, wenn ein Betreuungsgeld eingeführt wird? Josef Mayer lächelt. „Ich habe mir schon gedacht: Was soll das?“ sagt er. Gerade erst seien die Gemeinden ja von der Landesregierung zum Bau von Kinderkrippen verdonnert worden, für die ganz Kleinen. In Rimsting haben sie das auch in Angriff genommen.

Es gab noch ein Grundstück neben dem Kindergarten, inzwischen steht der Rohbau. Im September sollen die ersten Kinder einziehen können. Die Kinderkrippe sei nicht Mayers Herzensanliegen gewesen, sagt er. Er finde, die Kleinen seien zu Hause besser aufgehoben. Aber es gab Fördergelder, die Gemeinde hatte ausreichend Geld, um den Rest selber zu finanzieren. Mayer sagt, man müsse die Entwicklung sehen. Nicht alle Eltern könnten die Kinder selber betreuen. Es gebe die Alleinerziehenden, es gebe Eltern, die aus finanziellen Gründen beide arbeiten müssten oder weil bei zu langer Pause der Job weg sei. Die Anmeldungen in der Kinderkrippe seien schon jetzt höher als erwartet. „Das hat uns alle überrascht“, sagt Josef Mayer.

Ungläubiges Gelächter

Und die Tradition? Alles nicht mehr das, was es mal war. Und mit dem Betreuungsgeld sei es so eine Sache: „Für wen bauen wir dann die Krippe?“ sagt CSU-Mann Josef Mayer. Dann rechnet er noch ein bisschen: Wer 150 Euro Betreuungsgeld bekomme, spare sich gleichzeitig die 180 Euro, die ein Krippenplatz in Rimsting mindestens koste. „Der hat dann knapp 400 Euro mehr“, sagt er. Es passt wirklich nicht zusammen für ihn.

Am nächsten Tag bekommt er die offizielle Erklärung seiner Partei und zwar im Gemeindesaal, direkt neben dem Neubau der Kita. Die Frauenunion feiert dort ihr 40-jähriges Bestehen. Siebzig Frauen sind gekommen und ein paar männliche Honoratioren. Sie sitzen alle an langen Tischreihen, auf jedem Platz liegt eine golden verpackte Praline auf einer lilafarbenen Serviette. In einer Ecke steht ein Tisch mit selbst gebackenen Kuchen. Es gibt Glückwunschreden und Ehrungen für lange Mitgliedschaft. Ein Vize-Landrat erntet ungläubiges Gelächter, als er versichert, dass die Männer den Frauen das Kinderkriegen wirklich gerne abnehmen würden. Man könne gut versprechen, was man nicht halten müsse, spottet eine Landtagsabgeordnete darauf.

Die Bezirksvorsitzende der Frauenunion, Ulrike Scharf, kommt ein bisschen später, sie war gerade noch in Andechs bei der Klausur. Dort haben sie viel über das Betreuungsgeld gesprochen. Es sei die „konsequente Antwort auf den gesetzlich geförderten Krippenplatz“, erklärt Ulrike Scharf nun den Rimstinger Frauen. Sie schimpft auf die Gegner, die führten eine ideologische Debatte und hingen dem Irrglauben an, das Betreuungsgeld sei eine Prämie fürs Daheimbleiben.

An einem der Kaffeetische schnauft Mary Fischer tief durch. „Bin ich eine Irrgläubige? Nur weil ich anderer Meinung bin?“, zischt sie. Mary Fischer ist stellvertretende Vorsitzende der Rimstinger CDU und bezeichnet sich selbst als „absolute Gegnerin des Betreuungsgelds“. Sie ist 47 Jahre alt und hat vier Kinder. Als die halbwegs selbstständig waren, hat sie sich per Fernstudium zur Religionslehrerin ausbilden lassen. „Das Beste, was ich im Leben getan habe, ist, die Kinder selber zu erziehen“, sagt sie. Kindererziehung sei eine Selbstverständlichkeit. „Das sollte man nicht mit Geld belohnen.“ Und wenn Geld übrig sei im Haushalt, dann gebe es sinnvollere Projekte, die auch Familien zugute kämen. Ein Netzwerk für die Betreuung kranker Mütter zum Beispiel oder die Förderung schlechter Schüler. Als neulich in einer Talkshow eine Betreuungsgeld-Gegnerin der CSU vorgeworfen habe, einen Mutterkult zu befördern, habe ihr das den Rest gegeben, sagt Mary Fischer. Denn nicht ohne, sondern wegen des Betreuungsgelds sei es jetzt so, dass sie sich scheinbar für ihre Lebensentscheidung rechtfertigen müsse.

Der Euro ist interessanter

„In den eigenen Reihen steht das Betreuungsgeld außer Frage“, erklärt derweil vorn auf dem Podium die Bezirksvorsitzende Ulrike Scharf. Sie schenkt der Chefin der Rimstinger Frauenunion dann noch eine große Flasche Sekt zum Jubiläum. Außer Frage – das stimmt, sofern man in dem Saal die Frau des Bürgermeisters fragt. Marianne Mayer, Dirndl, strahlendes Lächeln, die tolle Mama, sagt, sie fände das eine gute Sache. Eine Anerkennung für ihre Leistung. Auch die Kreisvorsitzende Sabine Balletshofer findet, die Leistung der Mütter sollte honoriert werden. Ein großes Mobilisierungsthema für die Wähler allerdings werde das Betreuungsgeld wohl nicht werden, sagt sie. Die Leute interessiere gerade eher die Euro-Krise und die Frage, was aus ihren Ersparnissen werde.

Der Rimstinger CSU-Chef, Fedor Volckmar-Frentzel, schwärmt von den guten alten Zeiten, in denen er sich in der Jungen-Union noch harte Kämpfe mit den politischen Gegnern über die Atomkraft geliefert hat. Damals habe er Franz Josef Strauß mal in einem Bierzelt in Rosenheim erlebt, rauchgeschwängerte Luft, eine großartige Rede von anderthalb Stunden. Toll sei das gewesen. Polarisierung, das mache Politik spannend. Das Betreuungsgeld? Vielleicht sogar eine gute Sache, findet Volckmar-Frentzel. „Aber ein wenig arg hochgehängt.“

In einer Umfrage des Emnid-Instituts haben sich 76 Prozent der Befragten dafür ausgesprochen, statt Betreuungsgeld lieber weiteren Kita-Ausbau zu bezahlen. 20 Prozent sprachen sich für das Betreuungsgeld aus. Die CSU hat auf ihrer Klausur im Kloster Andechs den Emnid-Chef zu Gast gehabt, 78 Prozent der Bevölkerung sähen keinen Nachteil darin, wenn Kinder in den ersten Lebensjahren von den Eltern betreut werden, berichtete er. Für die CSU ist das ein Beweis. Zumindest für die Parteizentrale.

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