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AfD-Vize Alexander Gauland: Oft berichten die Medien nur dann, wenn die Rechtspopulisten provozieren.

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„Totschweigen geht nicht“

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Sollen Zeitungen berichten oder nicht? Der Medienforscher Marcus Maurer über den richtigen Umgang mit Vertretern der rechtspopulistischen AfD.

Viele klassische Medien wollen die Neuen Rechten nicht totschweigen. Sie wollen ihnen aber auch keine Bühne für die gezielten Provokationen bieten, mit denen beispielsweise die AfD erklärtermaßen Aufmerksamkeit erlangen will. Sitzen die Medien in einer Falle?
Der Begriff Dilemma trifft es besser. Totschweigen ist tatsächlich keine Option. Die Medien müssen im Sinne der Meinungsvielfalt über alle Parteien berichten, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Dann können sich die Menschen selbst ein Urteil bilden. Das Problem ist, dass die AfD den Medien diktiert, wann sie berichten und wann nicht.

Die AfD schafft selbst die Anlässe zur Berichterstattung?
Genau. Das gelingt ihr, weil Journalisten kaum die Initiative ergreifen und von sich aus über die AfD berichten. Weil sie den Rechtspopulisten kein Forum geben wollen oder weil sie nicht in den Verdacht geraten wollen, mit der Partei zu sympathisieren. Deshalb berichten sie immer nur dann, wenn die AfD provoziert. Auf diese Weise kann sich die Partei aussuchen, wann über sie berichtet wird und in welchem Kontext.

Müssen die Medien über jedes Stöckchen springen, das ihnen die AfD hinhält?
Nein. Die Frage ist doch, warum die Medien jeden angeblichen Aufreger aufgreifen. Das hat weniger mit dem gesellschaftlichen Auftrag zu tun als vielmehr mit der Eigenlogik der Medien. Die allgemeine Empörung bringt vielleicht Quote oder höhere Auflagenzahlen. Oder man berichtet, weil es alle tun. Vielleicht gibt es auch das Bedürfnis, unbedingt dagegen argumentieren zu wollen. Es gibt aber keinen Zwang, über diese Provokationen zu berichten.

Was sollte stattdessen geschehen?
Man sollte selbst den Kontext bestimmen. Dies hieße zum Beispiel, einen AfD-Politiker um ein Interview zu bitten, aber eben nicht zur Flüchtlingspolitik, sondern zu einem ganz anderen Thema, das sich die Journalisten selbst aussuchen.

Nach der Dresdner Rede von Björn Höcke, in der er das Holocaust-Denkmal ein „Denkmal der Schande“ nannte, hat die FR nicht nur berichtet, sondern auch die Wahlkampfstrategie der AfD thematisiert, die Medien als Verstärker zu instrumentalisieren. Diese Art der Einordnung nutzt sich allerdings mit der Zeit ab. Was also tun?
Ich möchte Journalisten ungern Ratschläge erteilen, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Das steht mir nicht zu. Aus meiner Sicht sind sie zunächst mal dazu da Fakten darzustellen. In Fällen wie der Höcke-Rede kann man die Fakten allerdings wohl tatsächlich nicht ohne Einordnung stehen lassen – wenn man sich denn für eine Berichterstattung entscheidet. Dann ist es sinnvoll, die Strategie hinter dem gezielten Tabubruch transparent zu machen. Trotzdem bleibe ich dabei: Aus Sicht der Demokratie wäre es das Vernünftigste gar nicht zu berichten. Voraussetzung wäre, dass sich alle Medien darauf einigen. Aber so ein Konsens ist natürlich schwer herzustellen.

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD führt allzu oft dazu, dass deren Themen wie Moscheebau oder Kinderehen eine Aufmerksamkeit bekommen, die in keinem Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen Relevanz steht.
Absolut. Deshalb müssen Sie die Bedingungen diktieren. Die AfD weiß genau, mit welchen Themen sie punktet. Deshalb provoziert sie bei genau diesen Themen. Den Erfolg sieht man zum Beispiel, wenn man sich politische Talkshows im Fernsehen anschaut. Dort werden AfD-Vertreter nur dann eingeladen, wenn es um Einwanderung geht. Man müsste sie eher zwingen, sich zu Themen wie Rente, Arbeitsmarkt, Bildung zu äußern.

Talkshows im Fernsehen sind ein Format, das wie gemacht ist für Rechtspopulisten: selten ernsthafte Diskurse, häufig verbale Scharmützel. Medienwissenschaftler werfen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor, er habe den Aufstieg der AfD befördert. Sollten die Sender über andere Formate nachdenken?
Talkshows sind generell für Populisten geeignet, egal ob links oder rechts. Doch wenn es den Moderatoren gelingt, die Debatte sachlich zu halten, kann das schon ein gutes Format der politischen Auseinandersetzung sein – auch mit Vertretern der AfD. Aber eben nicht nur beim Thema Flüchtlinge, wo sie sich sicher fühlen. Man muss sie mit guten Argumenten entzaubern. Wenn man die AfD von Talkshows ausschließt, gesteht man damit nur die Befürchtung ein, deren Vertreter könnten sich besser verkaufen als die anderer Parteien. Das ist aber doch hoffentlich nicht der Fall.

Vor der Bundestagswahl veranstalten auch viele Zeitungen öffentliche Podiumsdiskussionen. Und sie fragen sich: Sollen wir AfD-Vertreter dazu einladen?
Unbedingt, es geht gar nicht anders. Es nützt doch der AfD, wenn sie sich immer wieder als Opfer verkaufen kann: Schaut, die bösen Medien sind alle gegen uns, lassen uns nicht zu Wort kommen. So gelingt es ihr, ihre Anhänger weiter zu mobilisieren und an sich zu binden. Ich würde natürlich gut überlegen, wen ich mit aufs Podium setze. Da müssen Leute hin, die eine vernünftige, sachliche Diskussion führen und Populisten jeglicher Couleur entgegentreten können.

Sind AfD-Sympathisanten überhaupt noch durch kMassische Medien zu erreichen?
Es gibt immer einen harten Kern von Anhängern, den man nicht erreichen kann. Doch das gilt nicht für diejenigen, die die AfD wählen, weil sie ihnen erfolgreich eingeredet hat, sich als einzige Partei um die kleinen Leute zu kümmern. Aber die Medien dürfen nicht den Eindruck eines konzertierten AfD-Bashings vermitteln. In dem Bemühen, sich deutlich von den Positionen der AfD abzugrenzen, wurde in der Vergangenheit oft nach dem Motto gehandelt: Wer sie am lautesten beschimpft, hat am meisten recht. Das war ein Fehler. Kommentatoren müssen vielmehr zeigen, dass sie die besseren Argumente haben – ohne jemanden persönlich anzugreifen.

Täuscht der Eindruck, dass die politische Kommunikation emotionaler, manchmal hysterisch geworden ist? Vielleicht mit dem positiven Nebeneffekt, dass sich wieder mehr Menschen für Politik interessieren?
Diesen Effekt sehe ich nicht. Was hochgeht, ist die Wahlbeteiligung. Das hat mit der AfD zu tun, der es gelingt, frühere Nichtwähler zu mobilisieren. Die AfD versucht, Emotionen zu schüren. Diese Emotionalisierung der politischen Diskussion beurteile ich aber eher kritisch. Dadurch verfolgen wir Themen nur noch in Aufregungszyklen – gestern Griechenland, heute Flüchtlinge –, statt uns sachlich mit den verschiedenen Positionen auseinanderzusetzen.

Noch ist den Neuen Rechten eine Präsenz in den von ihnen geschmähten klassischen Medien offenbar wichtig. Wie lange noch? Deutet der Ausschluss von Journalisten bei mehreren AfD-Veranstaltungen nicht darauf hin, dass die Partei bald nur noch ihre eigenen Kanäle bespielen will?
Solche Ausschlüsse sind natürlich völlig absurd. Trotzdem glaube ich, dass die AfD auf Dauer nicht ohne die klassischen Medien auskommt. Zum einen gibt es diese eigenen Kanäle – eigene Tageszeitung, eigener Fernsehsender – noch gar nicht …

… aber vielleicht reichen ihr ja Facebook und Twitter?
Die AfD mag eine größere Community in den sozialen Netzwerken haben als die etablierten Parteien. Aber an eine Reichweite, wie wir sie etwa von Donald Trump kennen, kommt sie bei weitem nicht heran. Dazu unterscheidet sich unsere Medienlandschaft doch viel zu sehr von der in den USA, wo es weniger Tageszeitungen und kein öffentlich-rechtliches Fernsehen gibt. Nein, die AfD braucht die klassischen Medien, vor allem das Fernsehen, um eine breite Öffentlichkeit und damit mögliche neue Wähler zu erreichen.

Interview: Karin Dalka und Nadja Erb

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