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Neu angelegte Gräber zeugen von Tausenden Toten: Trauernde Angehörige in Bergamo.

Italien

Die Toten von Bergamo

  • vonCedric Rehman
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Die Stadt in der Lombardei war das frühe Zentrum der Pandemie. Familien können endlich ihre Angehörigen beerdigen. Die Hinterbliebenen sind wütend und klagen an.

In der Nacht auf den 19. März passieren 13 Militärtransporter die Via Borgo Palazzo im Zentrum Bergamos. Beladen sind sie mit Särgen. Ein Anwohner wird durch den Motorenlärm wach. Er macht das Foto des Leichenkonvois der italienischen Armee. Tags darauf geht es um die Welt. Es wird zum Symbol des Schreckens dieser Pandemie. Und es macht Bergamo bekannt – als Zentrum, in der die Seuche zu dieser Zeit am schlimmsten wütet.

Nicht weit von dort, vor den Toren der Stadt, in der Kirche San Giuseppe in Seriate, saß in jener Nacht Pfarrer Don Mario Carminati und tat, was er in jenen Nächten immer tat. „Ich habe mit den Toten geredet, die auf dem Boden meiner Kirche lagen“, sagt der Pfarrer. Mit jenen Verstorbenen also, für die woanders kein Platz mehr war, weil die Leichenhallen und Kühlhäuser längst voll waren.

Mit „Angel“ hat der Pfarrer in jener Zeit zum Beispiel viel geredet, wegen dieses besonderen Namens. Angel blieb 20 Tage in der Kirche, in der Obhut des Priesters. Geblieben sind von jener Zeit nur Flecken auf dem Marmorboden. Sie stammen vom Desinfektionsmittel, mit dem die Armee alles geschrubbt hat. Die äußeren Spuren sind ansonsten getilgt. Das Virus ist weitergezogen, es wütet jetzt vor allem in den USA und in Südamerika. Bergamo hat das Schlimmste überwunden, im Krankenhaus Papa Giovanni XXIII., in dem Kranken damals auf den Gängen lagen, wurde gerade der erste Tag ohne Covid-19-Patienten auf der Intensivstation gefeiert. Es gab Applaus.

Doch in den Köpfen und Herzen der Angehörigen sind die Spuren noch präsent. Vor allem die Fragen, die diese Zeit hinterlassen hat. „Die Menschen haben ihre Verwandten in eine Ambulanz gebracht“, sagt Don Carminati. „Und irgendwann erhielten sie eine Urne. Abgesehen vom Todesdatum wissen sie nichts darüber, was dazwischen passiert ist.“ Bergamo hat rund 120 000 Einwohner. 6000 Menschen sind dort an Covid-19 gestorben. Warum so viele? Was ist mit ihnen geschehen? Wer trägt Schuld?

Fragen, die sich viele Angehörige nun stellen. Pfarrer Don Carminati will ihnen helfen, Antworten zu finden. Dass seine Kirche zum Warteraum der Toten wurde, dass sich dort zwei Monate lang die Särge stapelten, lag daran, dass die Krematorien der Stadt ans Ende ihrer Möglichkeiten gelangt waren.

Die Regierung entschied, die Toten östlich und westlich der Stadt in Provisorien aufzubahren. Massengräber wollten die Politiker unbedingt vermeiden. Also wählten sie eine leerstehende Fabrik in Ponte San Pietro für die Aufbahrung – und die Kirche von Serate.

Inmitten des Chaos rang der Priester um Respekt für die Toten. Don Carminati war dabei, als die Särge in die Kirche getragen wurden. Er legte eine Blume auf den Sargdeckel und zündete eine Kerze an. Mit seinem Handy fotografierte er die eingravierten Namensschilder. Dann segnete er die Verstorbenen. Im Schnitt alle drei Tage hielt der Konvoi im Schutz der Nacht vor der Kirche. Soldaten hievten die Särge dann mit einem Gabelstapler auf die Ladeflächen der Lastwagen.

Carminati hat die Fotos der Namensschilder von 270 Särgen gespeichert. Er kann nun Angehörigen von Opfern Auskunft geben. Viele wollen wissen, ob auch ihre Eltern oder Großeltern tagelang auf dem Kirchenboden lagen, bevor Lastwagen sie wie Ware durch Italien zu noch nicht ausgelasteten Krematorien fuhren. Bestattet wurden die Opfer erst nach der Lockerung der Quarantäne. „Der Trauerprozess in der Stadt hat für viele noch nicht mal begonnen“, sagt der Priester.

Das Leben regt sich in Bergamo wieder seit dem 18. Mai – dem Ende des Lockdowns. Doch Touristen meiden die Stadt noch immer. Die über der Stadt auf einem Berg thronende Città Alta mit ihren Basiliken und Trattorien, die Oberstadt, ist zur Mittagszeit so menschenleer wie das Città Bassa genannte Zentrum mit seinen Luxusläden. Die Bergamasken, wie die Einwohner heißen, gehen vormittags und abends wieder auf die Straßen und setzen sich in Cafés; Kellner messen ihnen zuvor Fieber. Eine Maske trägt nahezu jeder. Ältere sind unter den Passanten rar. Viele hätten aus Angst vor dem Virus seit März ihre Wohnungen nicht verlassen, heißt es. Mit Durchhalteparolen versehene Stadtfahnen hängen an vielen Balkonen. Sie verkünden: „Bergamo – mola mia!“, „Bergamo – gib nicht auf!“.

Doch der Geist hinter dem Slogan habe Risse bekommen, findet Stefano Fusco. Fusco bittet zum Gespräch in den Garten seines Hauses im Vorort Brusaporto. Er nimmt erst unter freiem Himmel seine Maske ab. Fusco hat die Organisation „Noi denunceremo“ nach dem Corona-Tod seines Großvaters Antonio gemeinsam mit seinem Vater Luca gegründet. Nach eigenen Angaben haben sich ihr 56.000 Menschen als informelle Mitglieder auf sozialen Medien angeschlossen. Der Zusammenschluss von Angehörigen will 250 Beschwerden bei der Staatsanwaltschaft über das Versagen der Behörden während der Katastrophe übergeben.

Fusco verortet einen Riss durch die Stadtgesellschaft - zwischen Angehörigen der offiziell rund 6000 Coronatoten und jenen, denen persönliche Verluste erspart geblieben sind. Für jene, die das Trauma auf Bergamasker Art bewältigen wollten, mit noch mehr Fleiß und Geschäftigkeit, könnten die Trauernden bald eine Last sein, glaubt Fusco. „Wir Bergamasken sind von Arbeit besessen. Und manche glauben, es wird schon alles gut, wenn die Wirtschaft wieder läuft“, beklagt Fusco. Es könnte auch jener ausgeprägte Geschäftssinn gewesen sein, der die Stadt in den Abgrund gestürzt hat, mutmaßt „Noi denunceremo“. Während die Armee die Regionen um die Städte Lodi und Codogno bereits Ende Februar als „Rote Zonen“ abriegelte, verzichteten die Behörden der von der rechtsgerichteten Lega gestellten Provinzregierung darauf, zwei Gemeinden nahe Bergamo - Nembro und Alzano Lombardo -nach Coronafällen unter Quarantäne zu stellen. Dort befinden sich Industriebetriebe, sie gelten als Filetstücke der wohlhabenden Region.

Die örtliche Sektion des italienischen Industrieverbands Confindustria weist eine Einflussnahme auf die Regierung zurück. Stefano Fusco will die Frage juristisch klären lassen. „Ich will den Verband nicht beschuldigen. Aber Unternehmer wollen nun mal Geld verdienen“, sagt er. Lucas Großvater Antonio steckte sich in einem Heim an, in dem der 85-Jährige sich von einem Schlaganfall erholen sollte. Sein Physiotherapeut kam aus Nembro. „Er hat sogar noch gescherzt und meinen Großvater gefragt, ob er nicht wegen diesem Virus Angst hätte vor ihm“, erzählt Fusco. Als die hustenden Patienten in den Krankenhäusern in der zweiten Märzwoche plötzlich keine Luft mehr bekamen, schickten die Ambulanzen die Patienten mit leichten Symptomen wieder nach Hause oder in Einrichtungen, wie jene, in der Antonio Fusco starb.

Jeden morgen, wenn er aufwache, überkomme ihn Panik, erzählt Fusco. Der 28-Jährige nimmt seit Wochen Medikamente gegen seine Angst. Und da ist die Leere ohne den geliebten Großvater. Wochenlang habe die Familie während des Lockdowns nur am Telefon trauern können. Wie genau Antonio starb, die Angehörigen wissen es nicht. Und dieses Nichtwissen quält sie.

Klinikpfarrer Don Claudio hat vielleicht Antworten auf die Fragen nach Schuld und Sühne und der Zukunft Bergamos. In der Gavanezzi-Klinik starben ihm 400 Patienten unter den Händen weg. „Ich blieb bei ihnen, wenn es zu Ende ging, aber nur zehn Minuten lang, dann wurde schon der nächste kritisch“, erzählt er. Don Claudio sieht eine Ursache für die Katastrophe darin, dass kein Personal die infizierten Ärzte und Pfleger ersetzte und keine Region Erkrankte aufnahm. „In Mailand waren die Kliniken halb leer, aber sie sagten, sie könnten nicht riskieren, dass bei ihnen Ärzte fehlen, wenn das Virus kommt.“ Der Seelsorger tut sich schwer, die Behörden in Mailand zu verurteilen. „Wir hatten es mit etwas völlig Neuartigem zu tun“, sagt er.

„Wir habe alle in Bergamo im selben Moment den Tod gesehen“, sagt Don Claudio. In einer Stadt, in der hart gearbeitet und das Leben in vollen Zügen genossen wurde, könne niemand mehr vor seiner Endlichkeit davonlaufen.

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