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51 Tage lang belagerten Bundesagenten die Sekte Branch Davidian in Waco, Texas. Dann nutzen sie Panzer und Tränengas, um die schwer bewaffneten Apokalyptiker zu überwinden.

Polizeigewalt

Totale Selbstverteidigung der Waffennarren

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Die amerikanische Rüstungsspirale beginnt offenbar im Frühjahr 1993, als Bundesagenten versuchten, eine Sekte in Waco, Texas, aufzulösen. Seitdem rüsten Police Departments auf - und dank der amerikanischen Verfassung auch die Bürger.

Es ist wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei: Was war zuerst da? Waffenstarrende, potenziell schießwütige Polizisten? Oder waffenstarrende, potenziell schießwütige Zivilisten? Das zu ergründen scheint dringend geboten. Waffenfanatiker setzen in den USA gerade alles daran, jegliche Beschränkung von Waffenbesitz wie Waffen tragen gesetzlich auszuhebeln.

Das Gesellschaftsmagazin „Esquire“ vermutet den Anfang der irrsinnigen Rüstungsspirale im Frühjahr 1993, als Bundesagenten versuchten, die Sekte Branch Davidian in Waco, Texas, aufzulösen. Was überfallartig schnell und problemlos geplant war, eskalierte zu einer 51 Tage währenden Belagerung. Am Ende benutzte das FBI Panzer und Tränengas, um die mit schweren Maschinengewehren und Sturmkarabinern ausgerüsteten Apokalyptiker zu überwinden. In den Trümmern ihrer Festung wurden die Reste von gut 1,9 Millionen Patronen gefunden.

Seit Waco rüsten Police Departments auf – und die „zivile“ US-Militärindustrie liefert: Panzerwagen, Ausrüstung wie bei Delta Teams in Somalia, Waffen wie bei den Marines in Afghanistan und Irak. Was die Polizei kaufen kann, das kann auch dank des Zweiten Zusatzartikels zur Amerikanischen Verfassung von 1791 zwecks Bildung von Milizen jeder andere US-Bürger auch. Immer mehr tun das, sie müssen nicht mal Eiferer der Miliz-Bewegung oder Waffennarren der National Rifle Association of America sein. Viele kaufen Knarren, weil sie nicht an den Schutz durch eine oft zu schnell, zu sporadisch ausgebildete und zu selten psychologisch gefestigte Polizei glauben (im Juni waren es laut Gallup-Umfrage nur noch 52 Prozent), weil Kriminelle sich auch mit Kriegsgerät aufrüsten können, weil ihr fetischisiertes Design erregt, weil ihr Besitz Machtfantasien befeuert.

Und selbst die, die keine Waffe tragen, sind nun bewaffnet: mit den Kameras ihrer Smartphones. Kein Polizeieinsatz mehr, ohne dass Schaulustige alles aufnehmen. Und dann so wahrgenommene Exzesse ins Netz befördern. Die Polizisten ziehen nach, immer mehr wollen Bodycams auf ihren Panzerwesten montiert bekommen, um zurückfilmen zu können. In dem Streifenwagen der Todesschützen von Cleveland gab es nicht mal eine Kamera auf den Armaturenbrett. Es gab auch keinen Erste-Hilfe-Koffer – wobei die Polizisten ohnehin überlebenswichtige Minuten lang stockstarr vor Schock nichts taten.

Je unfähiger oder disziplinloser US-Polizisten sind, umso mehr sehen sich die individualistischen Waffennarren im Recht der totalen Selbstverteidigung. Wollte man das umkehren, müsste die USA von ihren föderalen Prinzipien lassen und ihre Polizisten bundesweit bestmöglich ausbilden.

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