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Nigel Farage, langjähriger Europa-Abgeordnete und früherer Chef der Ukip-Partei.

Wahlkampf

Torys und Labour sehen dem Desaster ins Auge

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Der britische Nationalpopulist Farage begeistert die Brexit-Anhänger, während sich Mays Konservative tot stellen.

Im Lakeside Country Club drängen sich Männer im fortgeschrittenen Alter. Auf jedem der altmodischen Stühle liegt ein brandneues Plakat der Brexit-Party, und bald strecken die Zuhörer sie begeistert in die Luft: Nigel Farage ist gekommen, der langjährige Europa-Abgeordnete und frühere Chef der Ukip-Partei, dessen neues Vehikel sich anschickt, bei der an diesem Donnerstag anstehenden Europawahl in Großbritannien unangefochten Platz eins zu belegen.

Von Europa spricht der 55-Jährige kaum. Die 15-Minuten-Ansprache im Stil eines Sektenpredigers fokussiert ausschließlich auf das Unterhaus in Westminster. Weil der für Ende März geplante EU-Austritt verschoben wurde, seien die Abgeordneten eines „wissentlichen, dauerhaften Verrats am größten demokratischen Votum“ des Landes schuldig, ruft Farage, und der Saal tobt: „Nigel, Nigel, Nigel!“

EU-Wahlkampfveranstaltung in Bootle mit Labour-Chef Corbyn, der kaum mobilisieren kann.

Die Szene in Frimley, eine knappe Autostunde südwestlich von London, hat sich in den vergangenen Wochen dutzendfach wiederholt. Farage richtete laserartig seine Aufmerksamkeit auf jene Regionen des Landes, die 2016 für den Austritt („Leave“) gestimmt hatten – verarmte Mittel- und Kleinstädte im Norden ebenso wie prosperierende Gemeinden im Speckgürtel der Hauptstadt wie Frimley. Selbst in Schottland, wo Ukip in ihrem besten Jahr 1,6 Prozent verzeichnete, sah eine Umfrage die Brexit-Party zu Wochenbeginn bei 20 Prozent und damit auf Platz zwei hinter der schottischen Nationalpartei SNP.

Das digitale Ukip-Team überschwemmt das Internet mit höchst professionellen Clips der Auftritte von „Team Nigel“. Begeisterte Anhänger gehen an die Urnen, die Unentschiedenen bleiben daheim, lautet die Erfahrung des Ukip-Veterans aus sechs Wahlgängen zum Brüsseler Parlament.

Geschickt macht sich Farage, dem die Umfragen bis zu 37 Prozent prophezeien, die allgemeine Verdrossenheit über das Brexit-Thema zunutze und propagiert den chaotischen Austritt ohne Vereinbarung mit der EU („no deal“). „Wir wollen diese Agonie beenden und unser Leben weiterleben.“ Und natürlich sei an weitere Zahlungen in die Brüsseler Kasse nicht zu denken. Dass es schwierige Details zu lösen gibt, die nun einmal auftreten, wenn sich eine führende Industrienation nach mehr als 40 Jahren Mitgliedschaft aus der engen Verflechtung mit den Nachbarn lösen will, erwähnt der Chef-Brexiteer mit keinem Wort.

Wer will davon schon hören? Die konservative Regierungspartei unter der gerade noch amtierenden Premierministerin Theresa May jedenfalls hat die öffentliche Debatte verweigert, kein Wahlprogramm aufgelegt, keine Tour der Parteichefin oder der Spitzenkandidaten organisiert. Ganz erkennbar wollen die Torys dem ungeliebten Urnengang, der nur durch die Brexit-Verschiebung nötig wurde, die Legitimität entziehen – ein gefährliches Unterfangen in einer Demokratie, die auf regelmäßigen Wahlen basiert. Wenn am Sonntag spätabends – mit Rücksicht auf den Rest Europas halten die Briten das Ergebnis vom Donnerstag bis dahin unter Verschluss – die älteste Partei der Welt bei einem einstelligen Ergebnis landet, wie die Demoskopen vorhersagen, dürften feinsinnige Argumente über Wahlbeteiligung und Bedeutung des EU-Parlaments kaum verfangen.

Eine ähnlich brutale Klatsche wie den Konservativen dürfte auf der anderen Seite des politischen Spektrums der Labour-Party von Jeremy Corbyn bevorstehen. Lange konnte der eingefleischte Euroskeptiker mit gedrechselten Formelkompromissen seine überwältigend EU-freundlichen Anhänger und Aktivisten bei der Stange halten. Jüngsten Umfragen zufolge liegt die alte Arbeiterpartei diesmal mit 13 Prozent deutlich hinter den Liberaldemokraten (19) und beinahe Kopf an Kopf mit den Grünen (12). Beide kleine Parteien setzen uneingeschränkt auf ihre Ablehnung des Brexit, wollen ein zweites Referendum oder notfalls sogar den Austrittsantrag zurückziehen. Schon fürchten Parteistrategen, sie könnten in der Hauptstadt statt bisher vier zukünftig nur noch einen einzigen Europa-Abgeordneten stellen.

Nigel Farage stimmt zum Schluss seiner Rede seine Anhängerschaft auf die nächste Unterhauswahl ein. „Unser Job“, schreit der Freund des US-Präsidenten Donald Trump, sei die komplette Erneuerung des Zwei-Parteiensystems. „Die alten Parteien sind nicht ängstlich, die sind in Panik!“

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