1. Startseite
  2. Politik

Stiller Pazifismus

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Die Gedanken sind frei - auch im russischen Hinterland: Straßenszene in Twer. imago images
Die Gedanken sind frei - auch im russischen Hinterland: Straßenszene in Twer. © Russian Look/Imago

Nicht alle Menschen in Russland stimmen Putins „Spezialoperation“ zu. Ein Stimmungsbild aus der Provinzmetropole Twer. Eine Reportage von Stefan Scholl.

Wie kommt ihr denn in Deutschland jetzt klar?“, fragt Onkel Witja gleich zur Begrüßung. „Bei der Inflation?“ Die Gegenfrage, wie es ihm und seiner Frau jetzt mit ihrer Rente gehe, ignoriert er. „Und wie wollt ihr ohne unser Gas über den Winter kommen?“ Aber Sergej, sein Schwiegersohn, wechselt das Thema: „Stimmt es eigentlich, dass die Deutschen Kölnisch Wasser trinken?“ Man lacht.

Feierabend an der Wolga. Sergejs Eigenheim steht in einem Vorort von Twer, der wie Hunderte andere russische Ortsteile „Sawolschski“ heißt, „Hinter der Wolga“. Ein zweistöckiger Neubau, vor dem Schwitzbad raucht der Grill. Hier ist Russland so, wie es überall gern wäre, die Häuser sind gleichzeitig Datscha und Wohnung, von der man täglich in die Stadt zur Arbeit fahren kann. Blumen-, Erdbeer- und Kartoffelbeete säumen den Rasen, Sergej hat auch die Einbauküche drinnen selbst gezimmert, neben dem blank geschrubbten Spülbecken steht eine italienische Cappuccino-Maschine.

Aber die Idylle hat einen Riss. Niemand am Gartentisch widerspricht Onkels Witjas Behauptung, der Westen habe sich mit seinen Sanktionen selbst ins Knie geschossen. Sergej hat mich gewarnt, sein Schwiegervater sei seit dem 24. Februar sehr patriotisch geworden. Aber Onkel Witja und alle anderen vermeiden das Wort Ukraine. Sie ist trotzdem in den Köpfen. Und tut weh.

Die Leute sprächen von russischen Gefangenen, hat Ira, die Hausfrau, beim Salatschnippeln erzählt. Einem hätten die Ukrainer die Augen ausgestochen, einen anderen kastriert – aber diese Schauermärchen verbreitet die TV-Propaganda schon seit Monaten. Und zwei Brüder aus der Stadt kämpften als Vertragssoldaten in der Ukraine, ihre Mutter redete seitdem nicht mehr mit ihren Frauen: „Weil sie glaubt, sie hätten ihre Jungs aus Geldgier dazu getrieben, sich freiwillig zu melden.“ Der Sohn einer anderen Bekannten wäre vergangenen Monat gefallen. „Sie hat seitdem kein Gesicht mehr.“

Am Tisch kreisen Trinksprüche, es wird auf Onkel Witja angestoßen, der 73 geworden ist. Die Frauen fangen an, Volkslieder zu singen, „Mein Allerliebster, nimm mich mit…“ Onkel Witja langweilt sich, er trägt ein grünblaues T-Shirt mit angelsächsischer Aufschrift: „No rules, no order!“

Onkel Witja selbst weiß nicht, was das auf Russisch heißt. Aber T-Shirts mit englischem Text sind diesen Sommer in Twer seltsame Mode geworden – wie in Moskau oder in Tscheboksary, gut 700 Kilometer die Wolga abwärts. Oder in den anderen russischen Groß- und Kleinstädten, wo 110 von 145 Millionen Russ:innen leben.

Hier ist Russland so, wie es überall gern wäre: Die Häuser sind Datscha und Wohnung in einem. afp
Hier ist Russland so, wie es überall gern wäre: Die Häuser sind Datscha und Wohnung in einem. © afp

Über den Hauptstraßen von Twer, auch an den Türen der Nahverkehrsbusse, hängen Plakate der Obrigkeit: mit einem großen Z, dem Wahrzeichen des russischen Feldzuges in der Ukraine. Aufschrift: „Die Region Twer ist für Russland und für den Sieg.“ Aber T-Shirts mit Z-Zeichen sind in den Städten an der Wolga ebenso selten zu sehen wie Autos mit Z-Aufklebern. Über einem Männerbauch auf dem Bahnhofsplatz spannt sich weißer Stoff mit der Aufschrift „Antihero.“ Jemand mag „New York“, jemand „Revolution“. Immerhin, ein junger Mann in der Fußgängerzone hat sich ein patriotisches Georgsbändchen an die Jacke gebunden. Aber direkt hinter ihm kommt ein Hüne, dessen Sweatshirt aus einem US-Sternenbanner geschneidert zu sein scheint.

Der Kreml hat Amerika und Großbritannien zu Russlands Hauptfeinden erklärt, in der Staatsduma liegt ein Gesetzentwurf, der Reklameschilder mit lateinischen Buchstaben verbieten soll, die Abgeordneten wollen vor allem Anglizismen verschwinden lassen. Aber umso mehr wimmelt es von Baseballmützen mit Nike oder Nasa-Zeichen, außer westlichen Logos tauchen auch angelsächsische Aufrufe und Sinnsprüche auf: „Nicht reden, handeln!“ oder „Kenne die Wahrheit, und dir wird nie langweilig!“ Auf dem knallroten Pulli einer Frau prangt „Eat your Grandma!“ Eher Dadaismus als Widerspruch, aber Antiwestler:innen kleiden sich anders. Eine ältere Frau überquert den zentralen Lenin-Prospekt, auf der schwarzen Bluse unter ihrer offenen Jacke glänzt ein großes, silbernes Peace-Zeichen. Eine Tollkühnheit, selbst für die lateinische Aufschrift „Non bellum“ wurde in Moskau schon jemand festgenommen.

Mehrere Medien publizierten die Resultate einer nicht öffentlichen Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM für den Kreml: Im Juni waren 57 Prozent der Befragten für die Fortsetzung der Militäroperation, 30 Prozent dagegen. Aber dafür waren nur 19 Prozent der Menschen zwischen 18 und 24 Jahren und nur 41 Prozent der Menschen zwischen 25 und 34 Jahren. Mit anderen Worten: Die Mehrheit jener Altersklasse, die an der Front zu kämpfen hätte, ist gegen Putins Feldzug.

Bisher scheinen die Russ:innen weniger wirtschaftlich als moralisch zu leiden. „Mein Gehalt ist gestiegen, um 10 Prozent“, grinst der Twerer Barkeeper Tolja, „der Butterpreis um hundert Prozent.“ Aber er habe vier Jahre im ukrainischen Lemberg gelebt, dort einen Menge toller Leute kennengelernt.

Sergej, der Reifenhändler, sagt, er spüre noch nichts von Krise, die Autos bräuchten ja immer „Gummi“. Andere Familienväter, die mit ihrer zweiten Bierdose am Grill stehen, erzählen von Baumaterial, das wegen der eingebrochenen Holzexporte billiger geworden sei. Fast alle Männer hier sind Eigenheimbauer, reden vom Pkw-Urlaub am Schwarzen Meer. Spezialoperation? Sie glauben der Staatspropaganda, dass es langsam aber sicher vorangeht, dass es Siege und Gefangene gibt. Aber an ein nahes und wirklich gutes Ende glauben sie nicht. Und einer berichtet sichtlich erleichtert von der Gastritis, wegen der sein Sohn untauglich gemustert wurde.

Offiziell unterstützt die Region Twer die „Spezialoperation“, etwa mit einer (hier schwer erkennbaren) Z-Flagge. stefan scholl
Offiziell unterstützt die Region Twer die „Spezialoperation“, etwa mit einer (hier schwer erkennbaren) Z-Flagge. © Stefan Scholl

Es gibt Russ:innen, die sich an Putins Feldzug begeistern. Meist sind es Rentner wie Onkel Witja. Oder Dorfbewohner wie Igor, Klempner aus Filitowo, einem 20-Seelen-Örtchen, 90 Autokilometer oder gefühlte 1200 Schlaglöcher westlich von Twer. „Für dich bin ich doch auch nur ein Untermensch“, spitzt er die aktuellen TV-Phrasen des ukrainisch-europäischen Neunazismus sehr persönlich zu. Aber die meisten Russ:innen aus der Provinz, die merken, dass sie einen Ausländer aus dem Westen vor sich haben, freuen sich aufrichtig. Auch der Fernfahrer Michail aus Jaroslawl, mit dem ich am Kaffeeautomaten einer Tankstelle auf der Wolga-Trasse zwischen Nischni Nowgorod und Kasan ins Gespräch komme. „Die Politiker wollen ihren Ehrgeiz befrieden“, erklärt er Moskaus neuen Weltkonflikt mit dem kollektiven Westen auf sehr russische Weise. „Deshalb müssen wir kleinen Leute alle leiden.“ Auf die Antwort, in der Ukraine müssten Leute deshalb sogar sterben, schweigt er. Aber es wirkt eher nachdenklich als böse.

Viele Menschen aus dem Mittelstand scheinen ins Grübeln geraten zu sein. Zwei Jahrzehnte funktionierte Putins Sozialvertrag: „Ihr haltet euch raus aus unserer Politik, wir lassen euch in Ruhe eure Häuser und Datschen bauen.“ Jetzt wird diese Ruhe vom Dröhnen russischer Raketen in der Ukraine gestört, es scheint sich mit jedem Einschlag tiefer im Bewusst- oder im Unterbewusstsein der Menschen im Hinterland festzusetzen. Viele versuchen die Ukraine zu verdrängen, wie ihre sowjetischen Eltern und Großeltern einst Afghanistan.

Aber als die anderen Gäste fort sind, sagt Sergej: „Das ist nicht unser Krieg.“ Auch das ein Zitat, für das man jetzt hinter Gittern landen kann. Er habe längst aufgehört, TV-Nachrichten zu schauen, auch den russischen Nachrichten sei nicht zu trauen. In Russland herrsche Autokratie, Stalinismus, gäbe es keine Freiheit des Wortes. „Aber wenn wir in diesem Land leben wollen, müssen wir uns an seine Regeln halten“. Es klingt bedrückt.

Am nächsten Abend drängen sich Hunderte junger Leute um „Mister Moose“, eine Szenekneipe im Stadtzentrum. Dort spricht mich Max an, ein Großneffe Onkels Witjas, er war auch beim Grillen. „Für wen bist du?“, will er sehr direkt wissen, „für Russland oder für die Ukraine?“ „Für die Ukraine“, ich fange an, ihm meine Meinung zu erklären, aber Max unterbricht mich. „Alles klar!“ Er reicht mir die Hand. Und sein Lächeln ist so breit, dass er damit zumindest ein Bußgeldverfahren riskiert.

Auch interessant

Kommentare