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Töne gegen das Trauma

Den Aids-Waisen einer Schule in Uganda sind nach dem Tod der Eltern nur Bildung und Musik geblieben - jetzt kämpft die Einrichtung selbst ums Überleben

Von KATHARINA NICKOLEIT

Ich bin eine wahre Mutter", singt die 14jährige Jolly. Ihr Lied erzählt davon, wie sie sich um ihre kleinen Geschwister kümmert, dafür sorgt, dass sie etwas zu Essen bekommen, sie in den Schlaf wiegt, wenn sie nachts weinen. Begleitet wird sie auf Trommeln und anderen traditionellen Instrumenten, die ihre Schulkameraden spielen. Doch das hier ist keine Musik AG, die sich gerade mit einem sozial anspruchsvollen Thema auseinandersetzt. Das hier ist bittere Realität: Eine Schule in Uganda, an der von 450 Schülern 350 Waisen sind. Aids-Waisen.

Wenn Jolly singt...

Wenn Jolly davon singt, dass sie für ihre kleinen Geschwister verantwortlich ist, dann erzählt sie ihre eigene Geschichte. Ihre Eltern sind seit zwei Jahren tot, seither kümmert sie sich um ihre vier jüngeren Brüder und Schwestern, die Jüngste ist fünf. Sie haben notdürftig Unterschlupf gefunden bei ihrem Großvater, der Alkoholiker ist und sie schlägt. Deshalb schlafen sie neben der Feuerstelle in der Küchenhütte auf dem Boden. Jolly erzählt das alles mit fast tonloser Stimme und schaut dabei auf den Boden. Das schwierigste sei, das Geld für die Schulsachen zusammen zu bekommen, irgendwie schafft sie es, in dem sie auf dem Markt arbeitet.

Die Kleinen weinen viel. Was sie dann macht? "Ich schicke sie raus zum Spielen mit ihren Freunden." Und wenn sie weinen muss? Jolly weiß, dass diese Frage jetzt eigentlich kommen müsste. Ihre Augen füllen sich mit Tränen und die Unterlippe beginnt zu zittern. Die Frage bleibt ungestellt. Ihretwegen. Aber auch, weil die Antwort nicht zu ertragen wäre.

"Wenn die Schüler über den Verlust ihrer Eltern singen, dann ist das eine Therapie für sie. Sie setzten sich mit ihrer Situation auseinander, sie sprechen darüber und stellen fest, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind." Für die Schuldirektorin Maria Mugambe ist Musik der einzige Trost, den sie den Waisen anbieten kann. Die St. Mary Fairway School galt einmal als eine der besten Schulen der Gegend. Sie war berühmt für ihre ausgezeichnete Musikausbildung auf traditionellen Instrumenten. "Diese alten Instrumente sind sehr teuer, das einzig Wertvolle, was wir an der Schule haben. Ich hoffe, dass wir sie nicht verkaufen müssen - die Kinder brauchen sie jetzt nötiger denn je."

Doch ebenso dringend braucht die Schule Geld. "Ich weiß nicht, wie lange wir den Schulbetrieb noch aufrecht erhalten können", sagt die Direktorin. Denn die Aids-Waisen können keine Schulgebühren bezahlen. Dadurch fehlt Geld, um die Schule in Stand zu halten und die Lehrer zu bezahlen. Die ersten Pädagogen haben bereits zu Schulen gewechselt, die Gehälter nicht nur versprechen können. Die Schulgebäude sind zum Teil roh zusammen gezimmerte Bretterbuden. "Es ist doch klar, dass die Eltern, die Geld für die Ausbildung ihrer Kinder bezahlen können, sie lieber an eine Schule schicken, die in besserem Zustand ist."

"Wir weisen niemanden ab"

Dass die St. Mary Fairway Schule überhaupt noch in Betrieb ist, verdankt sie dem Kolpingwerk, über das ein paar Spenden herein kommen. Aber es ist nicht genug. 1250 Euro bräuchte die Schule pro Trimester, statt dessen muss sie mit 330 Euro auskommen.

Trotzdem kommt es für Maria Mugambe nicht in Frage, die Aids-Waisen abzulehnen. "Ich kann doch keinen Schüler rausschmeißen, nachdem er gerade seine Eltern verloren hat." Auch jenen Kindern, die bereits Waise sind, will sie den Zugang zu Bildung nicht verbauen. "Wir sind eine katholische Schule, wir lassen niemanden vor der Türe stehen."

Im Bezirk Mityana gibt es gerade mal vier staatliche Grundschulen, die kostenlos sind - viel zu wenig für die ständig wachsende Zahl der Aids-Waisen. Jeder, der hier in der Gegend lebt, ist irgendwie von Aids betroffen. Maria Mugambe berichtet offen von ihrer eigenen Familie. "Wir waren mal 14 Geschwister. Jetzt sind wir noch sechs. Wahrscheinlich bald nur noch vier. Und schon jetzt gibt es allein in unserer Familie 75 Waisen."

Der Tod ist allgegenwärtig

Wie viele ihrer Schüler HIV-positiv sind, weiß Maria Mugambe nicht, aber sie geht davon aus, dass es viele sind. "Jedes mal", so erzählt sie, "wenn wieder ein Schüler stirbt, legt sich eine schreckliche Stille über die Schule, weil alle daran erinnert werden, in was für einer Welt wir leben."

Aids-Aufklärung ist ein großes Thema an der Schule, natürlich. "Ja, wir erklären auch den Gebrauch von Kondomen, obwohl das hier eine katholische Schule ist", sagt die Direktorin. Allerdings ist sie von dieser Methode nicht überzeugt. "Die Kondome liegen monatelang in der Hitze rum, manchmal werden gebrauchte Kondome einfach noch mal verkauft. Wie sollen die sicher sein?" Ein kleines ABC zählt die Möglichkeiten auf, sich vor Ansteckung zu schützen: A steht für "Abstain" (Enthaltsamkeit), B für "Be Faithfull" (Sei treu), C für "Condoms" und D für "Death" (Tod).

Das wichtigste sei es, so sagt Maria Mugambe, in der Bevölkerung erst einmal ein Bewusstsein für das Problem Aids zu schaffen. Auch hier setzt sie auf Musik: Ihre Schüler treten mit den selbstgeschriebenen Liedern bei Dorffesten im Umland auf. Manchmal brechen sie mitten auf der improvisierten Bühne in Tränen aus. "Das ist die beste Aufklärung, die man in den Dörfern machen kann. Denn erst dann verstehen viele Menschen, was sie ihren Kindern antun, wenn sie sich nicht vor Aids schützen."

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