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Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte gegen zornige Steinewerfer: An der venezolanisch-kolumbianischen Grenze ist die Gewalt eskaliert.

Proteste

Tödliches Chaos in Venezuela

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Venezuelas Militär hat die Hilfslieferungen aus Kolumbien an der Grenze mit Gewalt gestoppt. Rückt eine Intervention von außen jetzt näher?

Als die Lkw angezündet, die Medikamente und Nahrungsmittel verbrannt und die Hoffnungen erloschen sind, macht sich die Wut Luft. Vor allem junge Männer maskieren sich, bewaffnen sich mit Steinen, Gasmasken und selbst gebauten Sprengsätzen und stürzen sich am Grenzübergang Francisco de Paula Santander in Cúcuta in die Schlacht. Das Wrack eines ausgebrannten Lastwagens dient als Schützengraben. Immer wieder holen sie aus dem Táchira-Fluss Nachschub an Steinen und schleppen die Wurfgeschosse in Taschen und Kartoffelsäcken nach vorne an die Front. Dort haben die venezolanischen Sicherheitskräfte drei Panzerwagen quergestellt, verschanzen sich und laden die Tränengaswerfer durch.

Schon am frühen Nachmittag ist klar, dass dieser 23. Februar, der von Venezuelas Opposition zum „Tag der Entscheidung“ erklärt wurde, in einem totalen Desaster endet. Kein einziges Medikament rettet Leben in Venezuela, kein einziges Nahrungsmittel füllt Mägen. Aber 285 Verletzte an den venezolanisch-kolumbianischen Grenzübergängen zählt die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) am Abend. Bis zu 14 Tote soll es zudem auf der venezolanischen Seite bei Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Paramilitärs mit der Bevölkerung gegeben haben. Das Vergehen der Menschen: Sie wollten zur Grenze gehen und die Hilfsgüter abholen, auf die sie so sehnlichst warten und die der selbst ernannte Übergangspräsident Juan Guaidó versprochen hatte für diesen Samstag.

Aber statt Hilfspakete in einer Menschenkette zu transportieren, fliegen von Kolumbien aus in hohem Bogen Steine und Brandsätze auf Soldaten und Nationalgardisten keine hundert Meter entfernt in Venezuela. Jedes Mal, wenn an diesem heißen und hitzigen Samstagnachmittag in Cúcuta ein Brandsatz sein Ziel findet und Dächer entflammt, brandet Jubel auf. Als Antwort folgen Gummigeschosse und Tränengasbomben. Im Minutenrhythmus schleppen die kolumbianischen Sanitäter Verletzte und Verwundete aus der Gefahrenzone. Blutende Köpfe, gebrochene Arme, Brandwunden. So geht das stundenlang an diesem Samstag auf der Fußgängergrenzbrücke am Rande von Cúcuta. Venezolaner kämpfen gegen Venezolaner, und die kolumbianische Polizei schaut einfach zu. Noch bis in die Dunkelheit gehen die Auseinandersetzungen weiter.

Wenn Juan Guaidó einen Plan hatte, wie er an den hermetisch versiegelten Grenzen Venezuelas mit Brasilien und Kolumbien die Hunderte Tonnen Hilfsgüter ins Land bringen wollte, dann war es kein guter. Aber wahrscheinlicher ist, dass der 35 Jahre alte Politiker wirklich dachte, die venezolanischen Sicherheitskräfte würden beim Anblick der Lkw und der flehenden Landsleute auf der kolumbianischen Seite einfach zur Seite gehen und sie passieren lassen. Noch am Freitagabend hatte Guaidó in einem über Twitter verbreiteten „Präsidentendekret“ den Streitkräften als „Oberbefehlshaber“ angeordnet, die Grenzen zu öffnen. Niemand hat ihm gehorcht, abgesehen von den rund 60 Mitgliedern verschiedener venezolanischer Sicherheitskräfte, die im Laufe des Samstags desertiert sind.

Vielmehr haben sich die düstersten Prognosen für diesen politisch zum „D-Day“ aufgeladenen Tag erfüllt. Die venezolanische Polizei, die Nationalgarde und die Armee haben auf jeden geschossen, der sich der Grenze mit oder ohne Lkw zu sehr näherte.

Am Abend dann gesteht Guaidó, der sich genau einen Monat zuvor zum Übergangspräsidenten erklärt hatte, seine Niederlage wütend ein. In einer Pressekonferenz mit Kolumbiens Staatschef Iván Duque und OAS-Generalsekretär Luís Almagro sagt er: „Heute hat die Welt das schlimmste Gesicht dieser Diktatur gesehen. Wer kann auf die Idee kommen, Nahrungsmittel und Medizin zu verbrennen, wenn Menschen verhungern, keine Aids-Medikamente bekommen oder ihre Dialysebehandlung nicht weiterführen können“, fragt er. Und erstmals in den vier Wochen, in denen der junge Abgeordnete vom Hinterbänkler zum neuen Politpopstar Lateinamerikas wurde, wirkt er ratlos. „Habt Vertrauen“, ruft er seinen Landsleuten zu, die zu Tausenden von Venezuela nach Kolumbien gekommen waren, um die Hilfspakete ins Land zu begleiten. „Wir werden widerstehen und insistieren, bis wir unser Land von dieser Diktatur befreit haben.“

Der Weg dahin kann aber noch länger werden, als sich Guaidó und die Opposition in Venezuela das vorgestellt haben. Mit dem Samstag ist deutlich geworden, dass Guaidó vielleicht den Großteil des Volkes hinter sich hat, aber Maduro hat den großen und entscheidenden Teil der Militärs auf seiner Seite.

Während die vier Grenzübergänge in Cúcuta in einem kleinen Bürgerkrieg versanken, tanzte der 56-jährige Machthaber angesichts der für ihn guten Nachrichten aus der Grenzregion mit seiner Frau Celia Flores im fernen Caracas beschwingt Salsa. Dafür hatte Guaidó nur ein Wort übrig: „sadistisch“. Aber Maduro ging vor Tausenden Anhängern, die er im Zentrum der Hauptstadt aufmarschieren ließ, noch einen Schritt weiter. Er brach mit der „faschistischen Regierung“ Kolumbiens die diplomatischen Beziehungen ab. Den Schritt begründete er damit, dass das Nachbarland aktiv an dem Versuch mitgewirkt habe, Hilfslieferungen nach Venezuela zu bringen, in denen Maduro einen Vorwand für eine US-Militärintervention sieht.

Es scheint, als werde der Konflikt zwischen Maduro und Guaidó nun auf eine andere Ebene gehoben. Noch am späten Samstagabend twitterte der Oppositionschef, er bitte die internationale Gemeinschaft darum, „alle Optionen offenzuhalten, um Venezuela zu befreien“. Das muss man so lesen, dass der Politiker nach diesem Wochenende jetzt selbst eine militärische Lösung des Konflikts in Erwägung zieht, mit der bisher nur US-Präsident Donald Trump kokettiert hat. In diese Richtung äußerte sich auch US-Außenamtschef Mike Pompeo. „Nun ist die Zeit zum Handeln gekommen, um dem verzweifelten venezolanischen Volk zu helfen“, schrieb der Minister über Twitter. Am Montag will Guaidó mit Vertretern der konservativen lateinamerikanischen Lima-Gruppe und US-Vizepräsident Mike Pence in Bogotá das weitere Vorgehen beraten. Man muss damit rechnen, dass bei dem Treffen die Falken und nicht die Tauben den Ton angeben werden.

Nach diesem Wochenende stehen die Zeichen in Südamerika noch mehr auf Sturm. Maduro hat einen Pyrrhussieg errungen. Er hat die Bevölkerung noch mehr gegen sich aufgebracht und ein Nachbarland zum Feind erklärt. Ein bürgerkriegsähnliches Szenario oder eine gewaltsame Intervention in Venezuela ist jetzt ein Stück wahrscheinlicher. Die Lkw mit der humanitären Hilfe, die nicht abgebrannt wurden, fuhren schließlich zurück in die Sammelstellen. Alles wieder auf Anfang. 

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