1. Startseite
  2. Politik

Kampf um Brasiliens Ressourcen: „Wenn Bolsonaro bleibt, wird das unser Tod sein“

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

„Es gibt niemanden, den man um Hilfe bitten kann“: Magno Souza (stehend) und Angehörige. Jamil Chade (2)
„Es gibt niemanden, den man um Hilfe bitten kann“: Magno Souza (stehend) und Angehörige. © Jamil Chade

In Brasilien werden Indigene mit brutaler Gewalt verjagt, weil sie der von Präsident Jair Bolsonaro betriebenen Ausbeutung des Landes im Weg sind. Von Jamil Chade.

Amambai, Mato Grosso do Sul – Es hat seit Wochen nicht geregnet. Die Stille in den Tiefen des brasilianischen Territoriums wird nur von Windböen und dem Lärm von Lastwagen unterbrochen, die Rohstoffe für den Export nach China transportieren. Überall sind Waffen zu sehen. Der Staat? Ein großes Fragezeichen. Vier Jahre nach dem Amtsantritt des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien, der eine menschenrechtsfeindliche Agenda verfolgt, erleben die Indigenen das, was sie selbst als „Krieg“ bezeichnen: Krieg um Land – und um das Überleben. Sie müssen ständig bewaffnete Angriffe von Viehzüchtern, der Polizei und Drogenbaronen fürchten.

Die Funai – die für indigene Völker zuständige Behörde – ist aufgrund von Haushaltsbeschränkungen nicht mehr in der Lage, Konflikte zu schlichten und die lokalen Gemeinschaften zu unterstützen. Die internationale Staatengemeinschaft scheint sich für die Vorgänge in Brasilien nicht zu interessieren – was sicher auch dem Ukraine-Krieg und seinen Folgen geschuldet ist. Hilflos sind die Menschen in Mato Grosso do Sul Überfällen und Einschüchterung ausgeliefert. Und sie machen keinen Hehl daraus: Sollte Bolsonaro weitere vier Jahre an der Macht bleiben, würde das für sie die pure Verzweiflung bedeuten.

Brasilien: Im Oktober stellt sich Noch-Präsident Bolsonaro zur Wiederwahl

Am 2. Oktober findet in Brasilien die Präsidentschaftswahl statt. Zwei Monate davor bereiste der Reporter für die Frankfurter Rundschau Hunderte Kilometer verschiedener indigener Gebiete und Reservate im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, der für diese Menschen einer der gefährlichsten Orte Brasiliens ist – und ironischerweise eines der Zentren für die Lebensmittelproduktion des Landes. Zwar wurde während der Demokratisierung in den 80er Jahren ein erster Versuch unternommen, den indigenen Gemeinschaften ihr Recht auf Land zu garantieren, doch der „Bolsonarismus“ hat diesen Prozess zum Stillstand gebracht.

Die Region ist größtenteils Land der Guarani-Kaiowá (siehe Infobox). Heute säumen die Straßen des Bundesstaates riesige Plakate mit dem Konterfei Bolsonaros und Sprüchen wie „Brasilien ernährt die Welt“ oder „Gott, Heimat und Familie“. Im Jahr 2021 verzeichnete Mato Grosso do Sul einen Exportrekord im Wert von fast 7 Milliarden Dollar. Die Hälfte der Exporte waren Sojabohnen und andere Produkte für China.

Brasilien: Situation der indigenen Bevölkerung hat sich verschlechtert

Für die Bundesanwaltschaft, eine Behörde, die Pflichtverteidiger für Strafverfahren vor einem Bundesgericht stellt, besteht kein Zweifel daran, dass sich die Situation der indigenen Bevölkerung in den vergangenen vier Jahren verschlechtert hat, einschließlich bewusst unterlassener Hilfeleistung. Die unhaltbaren Zustände und die humanitäre Krise in den indigenen Gebieten haben viele Menschen dazu gebracht, nach Alternativen zu suchen. Dazu zählt auch die Beteiligung an den „Retomadas“.

So wird ein Rückgewinnungsprozess bezeichnet, bei dem Indigene Ländereien besetzen, die einst zu ihrem angestammten Gebiet gehörten. In diesen Gebieten werden sie aber ständig angegriffen, weil ihnen das Betreten von „Privateigentum“ vorgeworfen wird. In den Augen vieler hat die Regierung allen einen Blankoscheck ausgestellt, die den Vormarsch der Indigenen aufhalten wollen. Es herrscht Straflosigkeit, besiegelt durch eine stillschweigende Allianz zwischen Viehzüchtern und der Regierung. „Es handelt sich um einen Versuch der Auslöschung“, sagt Daniele Osório, Pflichtverteidiger des Bundes.

Der Guarani-Kaoiwá Alex Lopes wurde auf der Suche nach Holz mit acht Schüssen getötet

Ein Fall, der die lokale Bevölkerung sehr aufgewühlt hat, war der Tod eines indigenen Mannes in der Region Taquaperi, nahe der Grenze zu Paraguay. Im Laufe der Jahrzehnte war das indigene Territorium auf einen Bruchteil seines ursprünglichen Umfangs geschrumpft, und weil ihnen Land fehlte, begannen mehrere Mitglieder der Gemeinschaft in Coronel Sapucaia, neue Gebiete zu besetzen. Weil ihnen dafür die offizielle Unterstützung fehlte, kam es zu heftigen Konflikten. Am 21. Mai 2022 wurde der Guarani-Kaoiwá Alex Lopes auf der Suche nach Holz mit acht Schüssen in der Nähe einer Farm getötet. Seine Leiche wurde in einen Bach nahe der Grenze zu Paraguay geworfen. Der einzige Zeuge in diesem Fall wurde niemals vernommen und die Kugeln, die sich im Körper des Mannes befanden, blieben verschwunden.

Recht auf Land

Mato Grosso do Sul ist großteils Siedlungsgebiet der Guarani-Kaiowá. Vor etwa 150 Jahren besetzten sie fast 40 000 Quadratkilometer Land, über die Grenze zwischen Brasilien und Paraguay hinweg. Die Indigenen wurden zwischen 1915 und 1928 in acht Reservate von nicht mehr als 36 Quadratkilometern zwangsumgesiedelt.

Der Bundesstaat entwickelte sich zu einem Spitzenexporteur von Rohstoffen aus Brasilien in die ganze Welt. Wälder wurden gerodet, die landwirtschaftlichen Anbauflächen erweitert, die Reservate verkleinert. Um die von der brasilianischen Verfassung garantierten Landrechte müssen die Menschen kämpfen.

Präsident Jair Bolsonaro entschied sich, den Indigenen nicht mehr Land zuzugestehen. Stattdessen verteidigte er bedingungslos die Agrarindustrie, ließ Waffen verteilen und rief rassistische Parolen aus. Sein Vorgehen löste eine beispiellose Offensive in der Region aus. In einem der landwirtschaftlich produktivsten Gebiete der Erde floss viel Blut.

Laut Levi Marques , einem führenden Anthropologen, der die Situation der indigenen Völker in Mato Grosso do Sul untersucht, geht es in der Region nicht nur um das Schicksal der Guarani-Kaiowá. „Was hier auf dem Spiel steht, ist das Projekt der Nation und der Platz der indigenen Völker in diesem Projekt“, sagt er. Nach Jahrhunderten der Sklaverei und der Jagd auf indigene Völker habe es das Bemühen gegeben, diesen Rechte zuzugestehen. Dieser Prozess werde nun abgebrochen. jch

Zur Serie

Die vergessenen Konflikte: In dieser Serie lenken wir den Blick auf Regionen und Länder, die im Schatten stehen, in denen Mächtige gezielt unter dem Radar agieren und für sich ausnutzen, dass der Fokus der Weltöffentlichkeit auf dem Krieg in der Ukraine liegt. Sie treiben Krisen voran, schüren Missstände, schränken Menschenrechte ein.

In der 14. Folge am Donnerstag, 8. September, schildert Julian Busch den Terror, dem die schiitische Minderheit der Hazara in Afghanistan ausgesetzt ist.

FR.de/imschatten

Als Reaktion auf den Mord beschlossen die Indigenen, den Hauptsitz der Farm zu besetzen. „Es war unser traditionelles Land. Alex wurde wie ein Tier getötet“, rechtfertigt sich einer der Anführer der Rückeroberungsaktion; er verbirgt sein Gesicht und will nicht identifiziert werden. „Alex ist kein Einzelfall, und wir können nicht zulassen, dass er als solcher definiert wird“, heißt es in einem Schreiben des Rates der Groß-Kaiowá und Guarani von Aty Guasu. Die Version der Bundespolizei ist eine andere. Sie weist darauf hin, dass es keine Beweise dafür gebe, dass Viehzüchter an der Tat beteiligt gewesen seien.

Brasilien: Die Indigenen haben die Straße zur Farm mit Stämmen und Bäumen blockiert

Doch am Tag, an dem der FR-Reporter die Farm besucht, berichten uns die Indigenen, dass sie weiterhin bedroht würden. Um zum Hauptsitz der besetzten Farm zu gelangen, muss man eine Straße benutzen, die die Indigenen mit Stämmen und Bäumen blockiert haben. Ihre Angst sei berechtigt, meinen sie. Obwohl sie sich den Ort zurückerobert hätten, fahre jeden Sonntag gegen 5 Uhr morgens ein Pickup einer bewaffneten privaten Miliz über einen Teil des Farmgeländes und bedrohe jeden einzelnen von ihnen.

Die Anspannung ist mit Händen zu greifen. Alle Männer sind mit Macheten und Sensen bewaffnet, sie rechnen mit einer Konfrontation. Sie befürchten, dass weitere Indigene getötet werden könnten. „Heute haben wir Angst“, gesteht einer von ihnen. „Seit Beginn der Amtszeit von Bolsonaro haben sie (die Milizen, die Red.) kein Mitleid mehr mit uns. Für ihn existieren wir nicht. Wir sind wertlos“, klagt ein anderer. In der Nähe haben die Indigenen ein Grab für Alex ausgehoben. Doch der Leichnam kam nie an, und das leere Grab ist zu einer Art ständiger Mahnung an den Tod geworden, der sie umgibt.

Denn es gab weitere Vorfälle. In der Region Guapoy, nahe der Stadt Amambai, kam es im Juni zu einem Massaker. Eine Gruppe, die in dem Indigenen-Reservat lebte, hatte im Mai beschlossen, neues Land zu besetzen, weil in dem für 9000 Menschen vorgesehenen Gebiet kein Platz mehr war. Die Bundespolizei führt an, die Besetzung sei ein Vergeltungsakt gewesen, weil illegale Motorräder von indigenen Anführern dieses Dorfes beschlagnahmt worden seien. Im Gespräch mit der FR weisen die Anführer diese Darstellung zurück. Laut Menschenrechtsorganisationen haben die Spannungen bereits vorher bestanden.

Kampf ums Überleben in Brasilien: Die ständige Angst vor dem Tod

Am Morgen des 24. Juni leitete die Polizei vor den Augen von Kindern, Frauen und älteren Menschen eine Aktion ohne richterlichen Beschluss ein. Die Behörden gingen davon aus, dass die Indigenen sich zurückziehen, die besetzte Farm verlassen und in das Reservat zurückkehren würden. Natiele Rodrigues, einer Indigenen, wurde in den Kopf geschossen. Ihrem Ehemann Vilque Vasque wurde bei dem Versuch ins Bein geschossen, sie zu retten. Beide haben überlebt, sagen aber, dass sie aufgrund der Schüsse möglicherweise für immer gesundheitlich beeinträchtigt sein werden. Júlio Carmelo Cavalheiro, erst 14 Jahre alt, wurde aus einem Hubschrauber heraus in den Bauch geschossen, man hielt ihn bereits für tot. Der Junge wurde auf die Intensivstation gebracht, überlebte – und versichert heute, dass er vor Ort bleiben wird, um „beim Widerstand zu helfen“.

Alle Männer haben sich bewaffnet, sie rechnen mit einer Konfrontation.
Alle Männer haben sich bewaffnet, sie rechnen mit einer Konfrontation. © Jamil Chade

Auch auf andere Indigene wurde geschossen. Die Verletzten, die in einem Lieferwagen ins Krankenhaus gebracht wurden, wurden sofort nach ihrer Behandlung festgenommen. Einige verbrachten sogar drei Tage im Gefängnis. „Wir befinden uns im Krieg“, sagt Iris, eine der Überlebenden.

Victor Fernandes, 42, kam nicht mit dem Leben davon. Sein 23-jähriger Sohn Willis steht vor seiner Grabstätte. „Ich werde ihn nicht im Stich lassen. Ich werde bis zum Ende bleiben. Ich beteilige mich an einem Krieg, und ich werde für Gerechtigkeit sorgen“, sagt er unter Tränen. „Ich weiß, wenn Bolsonaro die Wahl gewinnt, werden sie uns fertigmachen. Aber sie kennen uns nicht“, fügt er hinzu.

Für einige der Anführer:innen ist die Angst vor dem Tod bereits Teil ihres täglichen Lebens, das von Misstrauen gegenüber allem und jedem geprägt ist. Zum Beispiel in der Nähe der Stadt Dourados. Hier liegt ein Gebiet, auf dem ein mächtiger Immobilienkonzern ein Einkaufszentrum bauen wollte. Einige der 20 000 Indigenen verließen ihr Reservat und besetzten das Gebiet, auf dem sich Menschengruppen auf engem Raum drängen. „In dem Reservat ist kein Platz mehr. Es gibt keine Möglichkeit, etwas anzupflanzen. Deshalb bin ich gegangen. Wir sind acht Brüder und Schwestern. Es gibt zu wenig Land. Ich denke nicht an mich selbst, sondern an die Kinder, die kommen werden. Sie werden es brauchen“, sagte Magno Souza.

Brasilien: „Wenn Bolsonaro bleibt, wird das unser Tod sein“, fürchtet der 85-Jährige

Weniger als 200 Meter von dem Ort entfernt, den der FR-Reporter besuchte, wurden Wachhäuser errichtet. Darin sind private Milizen untergebracht, die die Indigenen nach deren Aussage ständig bedrohen. „Man spricht nicht mit ihnen. Es geht um Kugeln und Tod“, sagte Magno Souza. Vor Ort erzählen die Indigenen, dass ihre Zelte nachts von Scheinwerfern erhellt würden, die die Milizionäre aus der Ferne auf sie richteten. Die Drohungen hätten nur ein Ziel: Sie sollten die Familien in den Reservaten davon abhalten, neues Land zu besetzen. Magno Souza sagt, dass sich ursprünglich mehr als 100 Familien an der Besetzung beteiligen wollten. Doch seien viele eingeschüchtert worden. „Die Bewaffneten kommen zu den Häusern und sagen, dass sie alle töten und alles verbrennen werden, wenn sie die Region nicht verlassen.“ Eine der Familien verließ den Ort, weil sie mit Waffen bedroht wurden. „Es gibt niemanden, den man um Hilfe bitten kann.“

Auch Magno Souza wird bedroht. Vor drei Jahren verrieten ihm Mitglieder einer Privatmiliz, dass sein Kopf 18 000 Real, etwa 3000 Euro, wert sei. Der 85-jährige Indigene Carlito de Oliveira, dessen Stimme in der Region Gewicht hat, verleiht der Trauer der ganzen Gemeinschaft über die Machenschaften der Regierung Bolsonaro Ausdruck. „Solange Bolsonaro an der Macht ist, wird es keine Abgrenzung geben. Und wenn er bleibt, wird das unser Tod sein“, fürchtet er.

Kurz vor der Brasilien-Wahl gerät Präsident Jair Bolsonaro weiter unter Druck. Im Fokus stehen die Vorwürfe der Korruption und Geldwäsche.

Auch interessant

Kommentare