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Unvergessen: Im Wohnzimmmer der Saremis stehen die Erinnerungen an den Sohn und Bruder.

Vom Taxi überrollt

Tödliche Hilfsbereitschaft

Der junge Salar Saremi hat seine Courage mit dem Leben bezahlt. Die Tatumstände sind noch immer nicht geklärt. Von Felix Helbig

Von FELIX HELBIG

Vom Schlafzimmerfenster aus kann der Vater die Stelle sehen, an der sie auf seinen Sohn einschlugen, die Stelle, an der sie ihn liegen ließen, die Stelle, an der ein Taxi um die Ecke bog und über ihn fuhr. Nur wenige Meter sind es vom Haus der Saremis bis zu jener Stelle, bis zu dem großen Baum an der Promenadenstraße, an dem heute eine Säule aus Spanplatten daran erinnert, was in der Nacht des 28. September 2008 geschehen ist. Fabian Salar Saremi wollte helfen in dieser Nacht. Er wollte mutig sein. Dann war er tot.

Faribourz Saremi, 67, hat die Vorhänge zugezogen am Schlafzimmerfenster. Sein Sohn sei ein Zartoscht gewesen, sagt er, ein Anhänger der Lehren Zarathustras: gute Gedanken, gute Worte, gute Taten. "Wir bekommen nicht zurück, was Salar gegeben hat", sagt er. "Alle wissen, dass nichts passieren wird."

Am Abend des 27. September 2008 lässt sich Fabian Salar Saremi, 29, von seinem Freund Christian G., 26, überreden, ins "Fantasy" zu gehen, in die Disco beim großen Baum an der Bensheimer Promenadenstraße. Ein Türsteher kontrolliert die Gäste, hinter ihm führt eine schmale Treppe hinab in die Keller-Diskothek. Saremi und G. bestellen Drinks, unterhalten sich. Über die Schulter seines Freundes beobachtet Saremi vier Männer, die an der Theke ein junges Mädchen belästigen. Er mischt sich ein.

Im Polizeibericht wird es heißen, an diesem frühen Sonntagmorgen sei es in der Bensheimer Innenstadt zu einer Schlägerei gekommen, in deren Folge ein 29-Jähriger von einem Taxi überrollt wurde. Drei flüchtige Tatverdächtige habe die Polizei bei der Fahndung festnehmen können.

Was genau geschah in dieser Nacht, ist bis heute unklar. Fest steht, dass der Türsteher alle Beteiligten raus schmeißt. Fest steht, dass die Polizei später in dieser Nacht die richtigen Zeugen gehen lassen und die falschen Täter festnehmen wird. Fest steht, dass niemand hilft. Fabian Salar Saremi wird vor dem "Fantasy" verprügelt, so brutal, dass er bewusstlos mitten auf der Straße liegen bleibt, wo ihn ein Taxi überfährt.

Mit schweren inneren Verletzungen wird der einzige Sohn der Saremis ins Krankenhaus gebracht. Vier Wochen lang liegt er im Koma. Am 25. Oktober stirbt Fabian Salar Saremi.

In den vier Wochen zwischen der Tat und dem Tod Salars versucht die Familie Saremi das Verbrechen aufzuklären. Sie hat das Gefühl, die Polizei tue zu wenig. Also beginnt Tochter Salomé Saremi selbst die Recherche. Sie findet heraus, wer die vermutlichen Täter sind, sie stellt fest, dass es eine Überwachungskamera gibt am Eingang des "Fantasy", deren Bänder verschwunden sind. Ihre Erkenntnisse teilt sie der Polizei mit, per E-Mail. Einer der Beamten, sagt sie, habe ihr bedeutet, sich nicht verrückt zu machen, sie würden sich schon kümmern. Salomé Saremi macht sich verrückt. Es geht um ihren Bruder. Die Saremis organisieren eine Gedenkveranstaltung, auf der der Bürgermeister sagt, er könne die Familie verstehen, vor kurzem sei sein Großvater gestorben. Die Saremis bauen aus alten Spanplatten die provisorische Säule, als Mahnmal; das Stadtparlament beschließt eine Resolution gegen Gewalt in Bensheim. Getan werde nichts, sagt Salomé Saremi, an fast jedem Wochenende gebe es Schlägereien, immer irgendwo zwischen dem Haus der Saremis und dem großen Baum an der Promenadenstraße. Man könne zusehen, vom Schlafzimmerfenster aus.

Der Vater verliert seinen Sohn. Und: Ein Widerspruch lastet auf seinem Glauben, auf diesem einfachen Grundsatz mit den guten Gedanken, guten Worten, guten Taten, auf seinem Vertrauen in das Gute dieses kleinen Städtchens an der Bergstraße.

Faribourz Saremi ist vor 47 Jahren aus Persien nach Deutschland gekommen. Er studiert in Frankfurt und gründet in Bensheim eine Familie. Saremi arbeitet anfangs beim Hessischen Rundfunk als Kameramann, die Kollegen dort rufen ihn Fabian. Er zieht eine Tochter und einen Sohn groß, lässt sie studieren, ist stolz, dass sie Arbeit finden. Den Sohn nennt er Fabian. Faribourz Saremi eröffnet ein Restaurant ins Bensheim, später ein Teppichgeschäft.

Wenn er die kurze Strecke von seiner Wohnung hinüber zum Mahnmal geht, dann grüßt ihn der Postbote, winkt ein Handwerker aus seinem Lieferwagen. Doch das Vertrauen in dieses Städtchen, in das Land, das er vor fast 50 Jahren seinem Heimatland vorzog, wegen der besseren Möglichkeiten, wie er sagt, dieses Vertrauen ist weg.

Die Anteilnahme, sagt Faribourz Saremi, sei überwältigend gewesen. "Gleichzeitig aber haben mir alle bestätigt, dass nichts passieren wird, dass die Täter damit durchkommen", sagt er. Es schockiert Vater Saremi, dass es keine Gerechtigkeit zu geben scheint, dass keine Lehren gezogen werden aus dem Tod eines jungen Mannes, der nur helfen wollte, dem Tod seines Sohnes. Es schockiert ihn auch, dass niemand etwas tut und alle überzeugt davon sind, dass niemand etwas tun wird.

Die Polizei lässt drei Tatverdächtige wenige Tage nach der nächtlichen Festnahme wieder frei; sie sind es nicht gewesen. Vier Wochen später haben Salomé Saremi und die Polizei die mutmaßlichen Täter ermittelt, drei Brüder und der Sohn des ältesten. Der mittlere Bruder kommt gegen Kaution frei, gegen die anderen Männer lägen keine Haftgründe vor, heißt es beim Polizeipräsidium Südhessen in Darmstadt.

Wie Fabian Salar Saremi unter das Taxi geraten ist, bleibt bis heute unklar. Christian G. ist von den Männern verjagt worden, ehe sie begannen, auf Saremi einzuprügeln. Der Disco-Betreiber Armin S. gibt an, die Täter nicht zu kennen, andere sagen, sie seien Stammgäste gewesen. Die Überwachungskamera bleibt ein Rätsel. Das Handy des Toten ist verschwunden.

Die Polizei wird erst wieder tätig, als Saremi schon tot ist. "Aufgrund der tragischen Entwicklung" erfolge in dem Fall "nun eine neue Gesamtwürdigung", teilt die Polizei am 28. Oktober mit. Mehr als zwei Monate später erklärt die Staatsanwaltschaft Darmstadt, die Polizei habe ihre Ermittlungen nunmehr abgeschlossen. Derzeit werde noch ein Gutachten erstellt zur Beteiligung des Taxifahrers, zudem würden die DNA-Spuren der vier Tatverdächtigen untersucht, erklärt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft: "Mehr können wir im laufenden Vorgang nicht sagen." Bislang läuft lediglich ein Verfahren, es richtet sich ausgerechnet gegen den Freund von Fabian Salar Saremi, gegen Christian G. Er hatte nach seiner Rückkehr zum Tatort den Taxifahrer geschlagen, weil dieser nicht aussteigen wollte. Obwohl ein Mensch unter seinem Wagen klemmte.

Auf dem Weg zum Mahnmal für diese Nacht, in der scheinbar niemand das Richtige getan hat, auf dem Weg erzählt Faribourz Saremi, wie sein Sohn, der Zartoscht, einmal Schuhe kaufen wollte mit einem Freund, ziemlich schicke Schuhe seien das gewesen. Der Freund sei ein wenig neidisch geworden, weil er sich so schicke Schuhe nicht habe leisten können. Also habe Fabian ihn gebeten, sie auch einmal anzuprobieren. Und einfach beide Paare gekauft. Obwohl er sich das auch nicht wirklich habe leisten können.

Vor einer Woche haben 70 Menschen in der Stadt Bensheim den Verein "Salars Erbe" gegründet. Die Mitglieder wollen sich für ein gewaltfreies Miteinander einsetzen und die Erinnerung an Fabian Salar Saremi aufrechterhalten. "Weil er ein guter Mensch war", sagt sein Vater. "Weil er das wirklich gelebt hat. Wie niemand sonst."

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