In der zweitgrößten Stadt Kirgistans ist der Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken zur Schlacht ausgeartet. Nach offiziellen Angaben sterben mehr als hundert Menschen, mehr als tausend Menschen werden verletzt.
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In der zweitgrößten Stadt Kirgistans ist der Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken zur Schlacht ausgeartet. Nach offiziellen Angaben sterben mehr als hundert Menschen, mehr als tausend Menschen werden verletzt.

Hoffen auf Russland

Tödliche Gewalt eskaliert in Kirgistan

  • Christian Esch
    vonChristian Esch
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Allein in Dschalal-Abad sterben über 700 Menschen bei blutigen Unruhen. In Osch kostet der Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken mindestens 140 Menschenleben. Jetzt ruht die Hoffnung auf Russland. Von Christian Esch

MOSKAU. Bei blutigen Unruhen im Süden der zentralasiatischen Republik Kirgistan sind nach Angaben der usbekischen Minderheit angeblich 700 Menschen getötet worden. Das meldete die russische Nachrichtenagentur Interfax am Montag nach Angaben eines hochrangigen Vertreters der Volksgruppe. Diese Zahlen bezögen sich allein auf Dschalal-Abad und nicht das Zentrum der Unruhen in Osch. Eine offizielle Bestätigung gab es nicht.

Allerdings berichteten auch kirgisische Funktionäre, dass bei den Brandschatzungen viele Menschen in ihren Häusern verbrannt seien. Nach Angaben unabhängiger Beobachter waren viele Usbeken "regelrecht abgeschlachtet" und hinterrücks erschossen worden. Das Rote Kreuz hatte zuvor berichtet, dass viele Leichen ohne vorherige Identifizierung begraben worden seien.

Die Gewalt im Süden Kirgistans ist eskaliert. Die Regierung in Bischkek hat eingestanden, die Kontrolle verloren zu haben. Die amtierende Staatschefin Rosa Otunbajewa teilte mit, man habe Russland um die Entsendung von Truppen gebeten. Der Flughafen im Zentrum der Unruhen in der Stadt Osch habe Order, alles für die Landung der Russen in die Wege zu leiten, berichtete ein Korrespondent der Agentur Akipress. Doch Moskau kündigte lediglich an, Fallschirmjäger zum Schutz eigener Militäreinrichtungen zu entsenden.

Jetzt soll die Militärorganisation früherer Sowjetrepubliken eine Lösung finden.

Seit der Nacht auf Freitag tobt in Osch, der zweitgrößten Stadt des Landes, ein Konflikt zwischen Kirgisen und Usbeken. Die Ausschreitungen haben nach offiziellen Angaben mehr als 140 Menschenleben gefordert, mehr als 1500 Menschen wurden verletzt. Über der Stadt hängen Rauchwolken, Geschäfte und Cafés wurden in Brand gesteckt und geplündert.

Angehörige der usbekischen Minderheit verbarrikadierten sich in ihren Vierteln, viele flohen zur nahegelegenen usbekischen Grenze. Agenturen sprechen von 75.000 Flüchtlingen. Es gilt der Ausnahmezustand. Truppen erhielten den Befehl, Plünderer zu erschießen. Helfer richteten im Fergana-Tal Zeltlager für die Flüchtlinge ein.

Am Wochenende hatte sich die Gewalt auf die Stadt Dschalal-Abad ausgeweitet. Dort hat die Familie des im April gestürzten Präsidenten Kurmanbek Bakijew ihren Hauptsitz. Zweimal schon war es im Mai zu Ausschreitungen gekommen, als Bakijew-Anhänger mit örtlichen Usbeken zusammengestoßen waren.

Otunbajewa, deren Übergangsregierung Bakijew für abgesetzt erklärt hat, beschuldigte dessen Familie, die Unruhen angezettelt zu haben. Damit solle ein in zwei Wochen angesetztes Referendum verhindert werden. Bakijew wies die Vorwürfe aus dem weißrussischen Exil zurück.

Otunbajewa hatte am Freitag eine offizielle Anfrage an Russlands Präsident Dmitri Medwedew mit der Bitte um militärischen Beistand geschickt und mit Premierminister Wladimir Putin telefoniert. Medwedews Sprecherin Natalja Timakowa antwortete am Samstag, es handele sich um einen inneren Konflikt. Für eine Intervention im Rahmen des Militärbündnisses OVKS "sieht Russland vorerst nicht die Bedingungen", sagte sie. Der "Organisation des Vertrags für Kollektive Sicherheit" (OVKS) gehören sechs postsowjetische Republiken an, darunter auch Kirgistans großer Nachbar Usbekistan.

Schon 1990 hatte ein ethnischer Konflikt im Süden Kirgistans an die 1000 Opfer gefordert. Er war durch sowjetische Truppen beendet worden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch forderte eine militärische Intervention unter UN-Mandat. (mit dpa)

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