Portugal

Todesfall mit politischem Zündstoff

  • schließen

In Portugal wird ein westafrikanischer Student erschlagen – und die Polizei behauptet hartnäckig, es gehe nicht um Rassismus.

Es handelt sich um kein Verbrechen zwischen Rassen oder Nationalitäten“, versichert der Direktor der portugiesischen Kriminalpolizei, Luís Neves. „Hinter diesem Verbrechen stecken nichtige Gründe, ein Streit in einem Vergnügungslokal.“ Dieser Streit endete mit dem Tod eines der Beteiligten. Die mutmaßlichen Täter, fünf junge Männer, sitzen seit Freitagnacht in Untersuchungshaft. Es ist ein Drama mit politischem Zündstoff, weil das Opfer ein junger Schwarzer ist, ein Student von den Kapverden, der gerade erst in Portugal angekommen war. Viele seiner Landsleute haben in den vergangenen Wochen misstrauisch verfolgt, wie die alte Kolonialmacht mit diesem Todesfall umgeht.

Der 21 Jahre alte Giovani Rodrigues war in der Nacht zum 21. Dezember in einen Streit geraten, den er offenbar nicht gesucht hatte. Er war im Oktober nach Bragança gezogen, einer 35 000-Einwohner-Stadt im Nordosten Portugals, um am dortigen Instituto Politécnico (IPB) eine Ausbildung zum Videospieldesigner zu machen. Das IPB hat 9000 Schülerinnen und Schüler. Ein Drittel von ihnen sind ausländischer Herkunft, die meisten, etwa 1200, kommen aus Kap Verde, einem westafrikanischen Inselstaat. Die kapverdischen Studierenden seien in Bragança „perfekt integriert“, sagte IPB-Präsident Orlando Rodrigues der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa. Am Freitagabend vor Weihnachten ging Rodrigues mit drei Mitstudenten aus Kap Verde in Bragança tanzen. In der Diskothek legte sich eine Gruppe Einheimischer mit ihnen an; offenbar hatte einer der Kapverdier eine Frau aus der Gruppe – absichtlich oder unabsichtlich – berührt. Das war der „nichtige Grund“, von dem die Kriminalpolizei spricht, der erst zum Streit und dann zum Tod Rodrigues‘ führte.

Tausende bei Gedenkfeier

Die Sicherheitsleute der Diskothek sorgten dafür, dass die beiden Gruppen den Laden getrennt verließen. Als Rodrigues und seine Freunde auf die Straße gingen, wurden sie ein paar Hundert Meter weiter von den anderen erwartet. Die Portugiesen begannen mit Stöcken auf die Kapverdier einzuprügeln. Dabei verletzten sie Rodrigues so schwer, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste. Zehn Tage später, am Silvestermorgen, starb er an den Folgen seiner Verletzungen.

Sein Tod wurde zum Politikum. Angehörige, Freunde und immer mehr Außenstehende fragten sich, wieso die Polizei so lange brauchte, um die Schuldigen zu finden. Am 11. Januar demonstrierten zum Gedenken an Rodrigues Tausende Menschen in Bragança, in Porto und Lissabon, aber auch in Paris, London, Rotterdam und in Praia, der Hauptstadt Kap Verdes. Dort hatte die Polizei Schwierigkeiten, wütende Demonstrierende von der portugiesischen Botschaft fernzuhalten. Sie warfen den Portugiesen Rassismus vor.

Am vergangenen Freitag nahm die Polizei schließlich fünf verdächtige Männer im Alter von 22 bis 35 Jahren fest, alle stammten aus Bragança, keiner sei vorbestraft, einige von ihnen seien arbeitslos. Am späten Abend erließ das Gericht in Bragança Haftbefehl gegen sie. Die Männer hätten gemeinschaftlich in Tötungsabsicht gehandelt, es gehe also um drei versuchte Morde und einen vollendeten Mord. Möglicherweise gibt es noch mehr Täter.

Die Ermittler sind sich allerdings ganz sicher, dass rassistische Motive für diesen Angriff auszuschließen seien. „Es handelt sich um ein Verbrechen gewalttätiger Leute in einem bestimmten Kontext“, sagte Kriminalpolizeichef Neves auf einer Pressekonferenz am Freitag. Portugal sei ein Land „großer Brüderlichkeit, in diesem Fall mit dem Volk Kap Verdes“. Am Samstag wurde Rodrigues in seinem Heimatort Mosteiros auf der Insel Fogo beerdigt.

Der Bischof des Bistums Santiago de Cabo Verde, Kardinal Arlindo Furtado, las die Messe, unter den Hunderten Trauergästen war die Erziehungsministerin des Landes. Der Bischof sprach nicht von Rassismus, sondern von einem „tragischen Ereignis“. Und er forderte Gerechtigkeit. Ohne die könne menschliche Gemeinschaft nicht funktionieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion