+
Entlassene UNRWA-Mitarbeiter protestiern aneinandergefesselt gegen die Stellenstreichungen durch das Hilfswerk.

Palästinenser-Hilfswerk

Todesdrohungen gegen Helfer in Gaza

  • schließen

Das Palästinenser-Hilfswerk UNRWA betreibt im Gazastreifen Schulen und Gesundheitszentren. Nachdem es wegen der US-Kürzungen Personal entlassen musste, ist es jetzt selbst Ziel verzweifelter Proteste.

Neulich mussten sie sogar aus dem Hotel fliehen. Das Hotel, das zu ihrem Büro geworden war, weil sie ihre eigentlichen Büros nicht mehr betreten konnten. Es war Anfang Oktober, zwei Monate nach den Entlassungen. Die Gewerkschaft hatte zum Generalstreik aufgerufen. Vor dem Hauptquartier der UN-Hilfsorganisation für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) blockierten Demonstranten das Gelände.

Die Geschäftsleitung zog sich ins Hotel Al Deira am Strand von Gaza City zurück. Sie wollten beraten, wie sie vorgehen sollen. Aber die Demonstranten tauchten auch hier auf. „Ihr müsst raus hier, schnell!“, riefen Sicherheitsleute. Die UN-Mitarbeiter rannten zum Ausgang, sprangen in ihre Autos, wollten losfahren, ein paar Männer warfen sich auf die Straße, um die Autos zu stoppen. Die ersten drei konnten gerade so ausweichen. Das vierte blieb in der Menge stecken, wurde eingekesselt. „Es war richtig brenzlig“, sagt Matthias Schmale. „Meine Mitarbeiter hatten Angst. Direkt neben ihrem Auto stand ein Motorrad, auf dem Gepäckträger befand sich ein Benzinkanister. Sie dachten, dass sie gleich in die Luft fliegen.“ 

Nicht die Hamas, sondern die eigenen Leute drohen

Matthias Schmale, ein Deutscher, ist der Chef der UNRWA im Gazastreifen, und in diesen Stunden im Oktober traf er eine ungewöhnliche Entscheidung. Er beschloss, seine Mitarbeiter zu evakuieren, sie über die Grenze nach Israel zu schicken, in Sicherheit. Das kommt sonst nur in Kriegen vor, bei schweren Bombenangriffen.

„Es war auch eine symbolische Entscheidung“, sagt Matthias Schmale „Wir wollten den Leuten hier zeigen, dass es so nicht geht, sie fragen: Ist das eure Botschaft? Wir sollen aus der Stadt gejagt werden, statt hier zu arbeiten?“ Schmale ist 56 Jahre alt, ein freundlicher Mann mit weißen Haaren, lila Hemd, dunkler Hose. Es ist zwei Wochen später. Die Gewerkschaft hat die Botschaft verstanden und den Generalstreik abgeblasen, die Mitarbeiter sind zurück in Gaza, Schmale kann wieder in sein Büro im UNRWA-Hauptquartier, das jetzt abgeriegelt ist wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Sicherheitsschleusen, Pass- und Taschenkontrollen, Chipkarten für die Angestellten. 60 Wachmänner beschützen das Gelände, sechs sind alleine für Schmale abgestellt. 

Einer der Bodyguards steht direkt vor der Tür zu seinem Büro, einem lichten Raum mit Korbmöbeln, Grünpflanzen, Klappliege und Gittern vor den Fenstern. Ein Büro, das manchmal zum Schlafzimmer wird. Ende Juli saß Schmale hier 24 Stunden fest und musste von der Polizei befreit werden. Die USA hatten gerade bekanntgegeben, dass sie ihr Budget für palästinensische Flüchtlinge komplett streichen werden, 300 Millionen Dollar alleine in diesem Jahr, ein Drittel aller Mittel. Die UNRWA betreibt in Gaza 21 Gesundheitszentren, zwölf Nahrungsmittelausgabestellen und 278 Schulen. Schmale musste auf einen Schlag 68 Kollegen kündigen. Sie besetzten das Gelände, errichteten auf dem Hof ein Grab, stellten ein Foto von Schmale darauf und ein Schild: „Du wirst Gaza nie verlassen.“ Es gab Todesdrohungen: Wir wissen, wo wir euch finden! Das nächste Mal seid ihr dran! Wir hängen euch am nächsten Baum auf!

Schmales Stimme zittert ein wenig, wenn er davon erzählt. Er ist ein Missionarssohn, in Botswana geboren, in Südafrika aufgewachsen, er arbeitete für das Rote Kreuz in Genf und für die UNRWA in Libanon, bevor er vor einem Jahr nach Gaza kam. Er ist an Leid gewöhnt in seiner Arbeit, an schwierige Bedingungen, aber so was wie hier hat er noch nicht erlebt. Es ist ja nicht die Terrororganisation Hamas, die ihn bedroht, es sind seine ehemaligen Kollegen, die eigenen Leute.

Das ist das Tragische an dieser Geschichte, das Unvorstellbare: 70 Jahre nachdem die Weltgemeinschaft in New York beschlossen hat, alle palästinensischen Flüchtlinge weltweit mit einer eigens gegründeten Hilfsorganisation zu unterstützen, wenden sich die Flüchtlinge gegen ihre Unterstützer. Es sind nicht mehr diejenigen, die im ersten Nahostkrieg 1948 aus ihren Häusern in Israel fliehen mussten, es sind ihre Kinder und Enkelkinder. Der Flüchtlingsstatus wird von Generation zu Generation übertragen. So sind aus 700.000 Flüchtlingen fünf Millionen geworden.

Feinden der Hilfsorganisation passt der Aufruhr in Gaza gut in ihre Argumentation. Donald Trump wirft den Palästinensern vor, undankbar zu sein. Er will die gesamte UN-Agentur zerstören. Seine UN-Botschafterin Nikky Haley sagt: „Wieso sollen wir jemandem Geld geben, der uns den Tod wünscht?“ Der Jerusalemer Bürgermeister kündigt an, das UNRWA-Büro in seiner Stadt schließen zu lassen. Viele UN-Mitgliedsstaaten halten die Politik der USA für unverantwortlich und sammelten am Rande der UN-Vollversammlung im September in New York spontan 40 Millionen Dollar. Ironischerweise hat das die Situation in Gaza noch schwieriger gemacht. Denn die UNRWA zahlte mit dem Geld einen hausinternen Kredit ab, der für die Eröffnung der Schulen in Gaza bereitgestellt worden war. Die entlassenen Mitarbeiter, die darauf hofften, ihre Arbeit zurückzubekommen, fühlen sich nun noch mehr betrogen. 

Einer von ihnen ist Ismail Talla, 37 Jahre alt, verheiratet, fünf Kinder. Er wohnt im Flüchtlingslager Nuseirat südlich von Gaza- Stadt, in einem schönen Haus. Die Fassade ist rosa gestrichen, die Eingangstür mit schmiedeeisernen Blumen verziert, das Treppenhaus sauber und hell. Fünf Etagen geht es hoch, in jeder Etage wohnt ein Sohn der Familie; drei sind arbeitslos, der vierte betreibt einen kleinem Imbiss im Erdgeschoss. Ismail ist der zweitälteste, und der einzige der Brüder, der es geschafft hat, hier im Gazastreifen so eine Art Karriere zu machen, eine UNRWA-Karriere, um genau zu sein.

Er wuchs hier im Flüchtlingslager auf, ging auf eine UNRWA-Schule, machte eine UNRWA-Ausbildung zum Schmied, eröffnete seine eigene Werkstatt. Sie lief gut, sagt er, aber dann wurden an UNRWA-Schulen Werklehrer gesucht. Talla bekam eine Stelle, sicher, damit das große Los gezogen zu haben. „Ich dachte, für eine internationale Organisation zu arbeiten, ist ein super Job. Damit hast du fürs ganze Leben ausgesorgt.“ 

Er war Werklehrer, später Sozialkundelehrer, Gesundheitserziehung habe er auch gemacht, sagt er, er sei der Koordinator gewesen. „Der beste Koordinator.“ Er steht auf und kommt mit einer Folie wieder. In der Folie sind Urkunden, Zeugnisse, Diplome. Er breitet sie auf dem Tisch aus. Auf jedem ist das blaue Zeichen der UNRWA zu sehen. Das letzte ist vom September, ein Diplom für ein Fernstudium. Zum Schluss legt er noch seinen Gehaltsbescheid dazu. Angestelltennummer 10210629, Einsatzgebiet Gaza, Position: psychosozialer Schulungsleiter, 973,92 Dollar mit Abzügen.

Ratlos sitzt er vor seinen Zeugnissen, die nun nichts mehr wert sind und vielleicht nie wieder etwas wert sein werden. In Gaza arbeitslos zu werden, heißt ja nicht, dass man eine Umschulung macht und sich dann nach einem neuen Job umsieht. Es heißt, dass man sich einreihen muss in die lange Schlange derjenigen, die an den Ausgabestellen der UN nach Reis und Mehl anstehen, es heißt, dass man seinen Kredit nicht abzahlen kann, dass man deshalb womöglich von der Hamas ins Gefängnis gesteckt wird. Und für einen Mann wie Ismail Talla heißt es auch, dass man seinen Stolz verliert, seine Würde.

Es ist Mittag. Die Söhne kommen von der Schule, legen die Rucksäcke vors Sofa, setzen sich dazu, spielen ein bisschen mit dem Handy des Vaters, holen die Katzen der Familie aus dem Nachbarzimmer, schöne Katzen mit langem weißem Fell. Ismail sagt, bevor er den Job bei UNRWA bekam, habe er nur Töchter gehabt. Aber mit diesem guten, sicheren Job hatte, konnte er sich mehr Kinder leisten. 2005 sei der erste Sohn geboren, genau ein Jahr, nachdem er die neue Stelle bekommen habe, 2006 der zweite. 

Die Söhne sitzen auf dem Sofa, man sieht ihnen nicht an, was sie darüber denken, dass es sie ohne die UN-Flüchtlingsgelder gar nicht geben würde. Der Vater sagt auch, dass die Söhne nicht mehr in die Schule gehen wollen. „Sie wollen nur gehen, wenn ich auch da bin.“ In Tallas Ratlosigkeit mischen sich Wut und Trotz. Er weigert sich, Lebensmittelrationen abzuholen „wie ein Bettler“, macht Schulden, bezahlt keine Rechnungen mehr, verlässt das Haus nur noch, um auf Demonstrationen zu gehen, steht immer ganz vorne, heizt die Leute gegen die UNRWA auf. Talla, der Lehrer, ist auch mit schuld daran, dass die UN-Mitarbeiter aus Gaza evakuiert wurden. 

Das mit der Evakuierung verstehe er nicht, sagt der Lehrer. Sie hätten doch friedlich demonstriert. Zum Beweis zeigt er ein Video auf seinem Handy: Man sieht Männer und Frauen, die vor dem Hoteleingang stehen, in der Mitte steht er mit dem Megafon, an der Seite das weiße UN-Auto. Auf dem Video sieht die Lage wirklich nicht besonders gefährlich aus, aber es ist nur ein Ausschnitt. 

Was ist mit den Todesdrohungen, dem Sarg vor Schmales Büro? Das sei er nicht gewesen, sagt Talla. Das waren andere. Matthias übertreibe. Der Lehrer nennt seinen ehemaligen Chef beim Vornamen. Es klingt nicht freundschaftlich. Matthias sei schuld an allem, kaum habe er sein Amt angetreten, sei seine, Ismails Stelle, vom Hauptbudget ins Notbudget gerutscht. Matthias hätte ihn längst wieder aus dem Nottopf holen müssen, sagt er. 

Ismail Talla, der Flüchtling, redet jetzt wie ein Beamter. Sein Beispiel zeigt das ganze Dilemma der UNRWA-Flüchtlingshilfe, einer Organisation, die vielen Menschen hilft, aber einige damit auch zu einer Selbstgerechtigkeit erzieht, die in einer Region wie Gaza schnell in Hass umschlagen kann.

Es ist Herbst 2018, die Hamas ist seit elf Jahren an der Macht, die Grenze zu Israel und Ägypten dicht, die Situation verheerend: Boykotte von allen Seiten, jeder kämpft gegen jeden, die Ausschreitungen am Grenzstreifen dauern bis heute an, die Schüsse der israelischen Scharfschützen auch. Überall in Gaza-Stadt sieht man junge Männer auf Krücken durch die Straßen humpeln. Sie kommen meist aus armen, kinderreichen Familien, die – so zynisch es klingt – am ehesten den Verlust eines Kindes verkraften und die Märtyrerprämien der Hamas am nötigsten brauchen können. 

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 53 Prozent, die Selbstmordrate ist so hoch wie nie. Die Folgen der Streichung der UNRWA-Zahlungen sind noch nicht abzusehen.

Matthias Schmale rechnet jederzeit mit neuen gewalttätigen Protesten, die Gewerkschaften hier seien sehr militant und die Leute sehr unzufrieden. „Wenn man Menschen wie Gefangene behandelt, bekommt man das Verhalten von Gefangenen“, sagt er. Man spürt, wie der Deutsche schwankt zwischen dem Verständnis für die Gaza-Bewohner und der Verantwortung für die UN-Mitarbeiter. 

Schmale hat angeboten, bei neuen Ausschreibungen entlassene Mitarbeiter zu bevorzugen, er will Banken überzeugen, Kredite zu verlängern. Es sind Notlösungen, denn auch er weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er spricht von einer „existenziellen Krise der UNRWA“. „Ich würde mich sehr freuen, wenn ich der letzte Direktor hier bin, aber wir haben ein Mandat der Vereinten Nationen, einen Auftrag. Den müssen wir erfüllen.“ In diesem Moment wirkt Schmale fast so ratlos wie sein entlassener Lehrer. 

Kennt er Ismail Talla, den Mann mit dem Megafon? Ja, sagt Schmale, Talla sei ja mehrfach „durch seine aggressive Wortwahl und tätliche Angriffe aufgefallen“. Es klingt nicht so, als könnte sich der Lehrer Hoffnung auf seine alte Stelle machen. 

Warum kämpft Talla ausgerechnet gegen Schmale und nicht gegen Trump oder die Hamas? „Weil Trump weit weg ist und die Hamas auf alle einschlägt, die sich wehren“, sagt er.

Was macht er, wenn er seinen Job nicht zurückbekommt? „Dann steige ich mit meiner Familie in ein Todesboot, so eins, mit dem man übers Mittelmeer nach Libyen flüchtet, das sowieso nie ankommt.“ Falls es aber doch ankomme, sagt Ismail Talla und sieht zu seinen Söhnen, dann gehe er mit seiner Familie nach Europa. Dorthin, wo seine Kinder eine Zukunft haben. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion