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Der Todesbeweis

Die Iraker sind kluge Menschen. Sie glauben nur, was sie sehen. So weit jedenfalls glaubt Donald Rumsfeld, die Iraker verstanden zu haben. Also will er jetzt

Die Iraker sind kluge Menschen. Sie glauben nur, was sie sehen. So weit jedenfalls glaubt Donald Rumsfeld, die Iraker verstanden zu haben. Also will er jetzt Bilder des toten husseinschen Brüderpaares Udai und Kusai veröffentlichen, um auch noch den letzten Zweifler in den kurdischen Bergen von ihrem Tod zu überzeugen. "Es werden Photos veröffentlicht", sagt Rumsfeld in unmissverständlicher Klarheit, und sein Stellvertreter Paul Wolfowitz springt ihm bei: "Wir werden letztlich sicherstellen, dass das irakische Volk uns glaubt."

Glauben wollen wir auch. Aber wie? Wenn, sagen wir, Sie oder ich morgen von amerikanischen Truppen erschossen würden, dürfte die Identifizierung der Leiche ziemlich leicht sein. Denken jedenfalls, davon gehe ich aus, Sie oder ich. Irgendwie sind Sie Sie und ich ich. Auch wenn wir tot sind. Was aber, wenn nach dem Tod alle Deutschen partout der Meinung wären, dass Sie oder ich gar nicht Sie oder ich sind?

Ein Triumphzug mit den Leichen als Macht- und damit Todesbeweis verbietet sich aus stilistischen Gründen. Eine "nahestehende Person" könnte uns identifizieren; wo aber soll eine glaubwürdige, Udai und Kusai nahestehende Person herkommen? Man könnte es mit einer DNA-Analyse versuchen. Womit aber soll man die vergleichen? Üblicherweise werden Haarproben mit dem Mensch verglichen; sollen wir jetzt den Mensch mit der Haarprobe vergleichen? Und wo soll die herkommen? Und ist sie dann von mir oder von Ihnen oder von Udai oder von Kusai? Wir im wissenschaftsfixierten Westen würden der Probe natürlich trotzdem glauben, Iraker können mit DNA-Analysen aber bestimmt weniger anfangen.

Dossier: Irak nach dem KriegBleiben die Fotos als zeitgemäße Form der aufgebahrten Leiche. So sind wir wieder beim Krieg der Bilder, wie noch jeder Krieg der letzten Jahrzehnte ein Krieg der Bilder war - bis zurück zum Zweiten Weltkrieg, der noch zu einem größeren Nachhutgefecht um die Authentizität von Wehrmachtsfotos in unseren Tagen führte. Diese Auseinandersetzungen haben uns gelehrt, dass Bildern nicht zu trauen ist, wie leicht sie zu fälschen, zu manipulieren und zu missbrauchen sind. Wir meinen, die Bilder als bloßes Werkzeug im Machtspiel zu erkennen.

Aber vielleicht hat Rumsfeld ja Recht, und die Iraker glauben wirklich alles, was sie sehen. Viel mehr spricht allerdings dafür, dass die Wahrheit der Bilder in diesem Fall für die Iraker vor allem eine Sache der Glaubwürdigkeit ist - und da haben die Amerikaner kaum mehr Kredit. Und vielleicht sind die Iraker in Bilderfragen sowieso viel gewiefter als Rumsfeld annimmt. Denn selbst wenn die Soldaten der 101. Luftlandedivision jetzt auch noch Saddam zu fassen bekämen, und zwar lebend, könnte er dank gründlicher, früherer Bilderfälschung behaupten, dass er sein Doppelgänger ist. Ein Gegenbeweis wäre zumindest höchst schwierig.

Vielleicht machen die Amerikaner auch etwas ganz anderes, sie könnten gegen ihren Willen gerade dabei sein, Udai und Kusai zu einem irakischen Mythos aufzubauen. Sie starben, wie die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza schrieb, "anders als die Armee des Vaters, die sich wie eine Fata Morgana auflöste, anders als Saddam, der verschwand, mit der Waffe in der Hand". Vielleicht geben die Amerikaner mit der Veröffentlichung der Bilder der toten Brüder den Irakern die ersten Ikonen ihres Widerstands, eines neuen Selbstbewusstseins, so verhasst die beiden auch einmal gewesen sein mögen. Mit Zuneigung zu Amerika würde das dann nichts mehr zu tun haben. PETER MICHALZIK

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