Ein Trauernder in Teheran hält ein Foto des Generals Soleimani.
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Ein Trauernder in Teheran hält ein Foto des Generals Soleimani.

Ghassem Soleimani

„Tod den USA“ - Reaktion auf den Tod von Soleimani

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Ghassem Soleimani, ein Frontsoldat aus einfachen Verhältnissen, ist im Iran eine Ikone der Islamischen Revolution.

Zwei verkohlte Autowracks, zerrissene Leitplanken, Flammen, Rauch. Gerade wollte ein Konvoi Bagdads Flughafen verlassen, da trafen die Raketen einer amerikanischen Reaper-Drohne ins Ziel. Fünf Insassen beider Wagen waren sofort tot, einer der iranische Topgeneral Ghassem Soleimani sowie Abu Mahdi al-Muhandis, Vizechef der proiranischen Milizen im Irak.

Reaktion im Iran auf US-Attacke

„Tod den USA“, skandierten Zehntausende Iraner nach dem Freitagsgebet in Teheran als Reaktion auf die US-Attacke. Die Wut schien grenzenlos. Denn der getötete Soleimani war einer der mächtigsten Männer des Iran und als Kommandeur der im Ausland aktiven Al-Kuds-Brigaden der wichtigste Stratege iranischer Militärpolitik in der Region – vom Libanon bis zum Jemen.

Irans Oberster Revolutionsführer Ali Chamenei verkündete: „Die Kriminellen erwartet eine schwere Rache.“ Kommandeure proiranischer Milizen im Irak und der Hisbollah im Libanon befahlen ihren Kämpfern, sich für Vergeltungsaktionen bereitzuhalten. Das Pentagon erklärte – fast mochte man meinen: entschuldigend –, die US-Streitkräfte hätten die Operation auf Anweisung von Präsident Donald Trump ausgeführt, um weitere Attacken auf amerikanische Kräfte in der Region zu unterbinden.

Soleimani - Freunde wie Feinde sahen in ihm einen Vordenker

Der 62 Jahre alte Soleimani war in der Nacht zu Freitag offenbar mit einem Flieger aus Syrien gekommen. Die Vermutung steht, Teheran wollte ihn angesichts der nicht endenden Proteste der Iraker gegen den iranischen Einfluss im Land vor Ort haben. Der General mit dem grauen Vollbart war für die Mullahs seit Jahren schon die erste Wahl in jeder extremen Lage: „Für die Schiiten im Nahen Osten ist er eine Mischung aus James Bond, Erwin Rommel und Lady Gaga“, beschrieb der frühere CIA-Experte Kenneth Pollack den General im US-Magazin „Time“, das Soleimani 2017 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt zählte. „Dem Westen gilt er als der Verantwortliche für den Export der Islamischen Revolution im Iran, die Unterstützung von Terroristen und die Kriege des Iran im Ausland.“ „Meine iranischen Ansprechpartner für Afghanistan machten mir klar, dass sie zwar das Außenministerium informierten, es am Ende aber General Soleimani war, der die Entscheidungen traf“, sagte der ehemalige US-Botschafter Ryan Crocker 2013 der BBC.

Soleimanis Freunde wie Feinde sahen in ihm einen Vordenker, der Irans Einfluss im Irak, in Syrien und darüber hinaus ausbaute. Der Polit-Star mit einer riesigen Zahl von Anhängern im Onlinedienst Instagram erhielt in einer als verlässlich eingestuften Umfrage von 2018 im Iran eine Zustimmung von 83 Prozent – mehr als Präsident Hassan Ruhani. Gerüchte, wonach er 2021 für das Präsidentenamt kandidieren wollte, dementierte er.

Soleimani - an der Front im Krieg gegen den Irak

Soleimani stammte aus armen Verhältnissen im Osten des Iran nahe Kerman und besuchte nur wenige Jahre die Schule. 1979 trat er den neu gegründeten Revolutionären Garden bei. Von 1980 bis 1988 war er an der Front im Krieg gegen den Irak. 1998 ernannte ihn Ajatollah Ali Chamenei zum Kommandeur der Al-Kuds. Mit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 wurde er dann international bekannt, als er das Regime von Baschar al-Assad vor dem Zusammenbruch bewahrte. Fotos zeigten ihn an der Front, er tauchte in Dokumentarstreifen und sogar in einem Zeichentrickfilm und einem Musikvideo auf.

Zuletzt versuchte er vor allem im Irak iranischen Einfluss geltend zu machen. Jede politische und militärische Entwicklung im Nachbarland begleitete er vor Ort – sei es das Unabhängigkeitsreferendum der Kurden oder die Regierungsbildung in Bagdad. Immer führte er mit allen Gruppen und Parteien Geheimgespräche, wie mehrere Beteiligte bestätigen.

Da verwunderte es dann wenig, als sich auf dem Tahrir-Platz in Bagdad die Nachricht von Soleimanis Tod verbreitete, dass die dortigen Anti-Iran-Demonstranten jubelten. Für sie zumindest war klar, wer den Heckenschützen die Schießbefehle gegeben hatte, durch die die Protestbewegung bislang 460 Todesopfer und 15 000 Verletzte zählt. (mit FR/afp)

Al-Kuds-Brigaden und Iraks pro-iranische Milizen

Die Al-Kuds-Brigaden der iranische Revolutionsgarden (IRGC) sind de facto die Militäreinheit des Iran im Ausland, insbesondere in der islamischen Welt. Nach Ahmad Wahidi übernahm Ende der 90er Jahre der nun getötete Ghassem Soleimani das Kommando der Einheit. Ihre offizielle Aufgabe ist es, die dem Iran nahestehenden politischen Gruppen im Ausland zu unterstützen – hauptsächlich gegen islamistischen Terrorismus etwa des Islamischen Staats (IS) in Syrien und im Irak.

Der Westen warf der Al-Kuds vor, militärisch die politischen Interessen des Iran in den islamischen Ländern umsetzen zu wollen sowie terroristische Aktionen im Ausland ausgeführt zu haben. Sie unterstützten auch die Kurden im Irak gegen den damaligen Machthaber Saddam Hussein, ebenso Teile der afghanischen Nordallianz gegen die islamistischen Taliban. Auch arbeitet Al-Kuds eng mit der Schiitenmiliz Hisbollah in Südlibanon zusammen, die sie mitgegründet hatte.

Die Einheit ist dem obersten iranischen Führer, Ajatollah Ali Chamenei, unterstellt. Die Revolutionsgarden verfügen über eine eigene Marine, Luftwaffe und Heereseinheiten. Die Al-Kuds-Brigade soll offiziell 5000 Soldaten haben, aber laut Beobachtern sind es weitaus mehr.

Das Gesicht der Al-Kuds war stets Ghassem Soleimani. Einen geeigneten Nachfolger für ihn zu finden, wird für die iranische Führung nicht einfach sein. Soleimani war nicht nur bei der iranischen Führung geschätzt und geachtet, sondern auch bei den Reformern und sogar bei Oppositionskräften. dpa

Seit Jahren finanziert, bewaffnet und trainiert der Iran schiitische Milizen im Irak. 2014 schlossen sich diese als „Hasched-al-Schaabi“ – „Volksmobilisierungseinheiten“ – zusammen, um gegen die Sunniten des „Islamischen Staats“ zu kämpfen. Sie sind inzwischen offiziell in den irakischen Sicherheitsapparat integriert. Doch viele haben sich mit Hilfe des Iran ihre Eigenständigkeit bewahrt.

Hisbollahbrigaden:Gegen sie richteten sich die US-Vergeltungsangriffe am vergangenen Sonntag nach dem Tod eines US-Zivilisten auf einem Militärstützpunkt im Irak. Die Hisbollahbrigaden ihrerseits sind aktiv seit dem Einmarsch der US-Truppen im Irak 2003. Drei Jahre nach deren Abzug im Jahr 2011 schlossen sich die Hisbollahbrigaden, die mit der libanesischen Hisbollah organisatorisch nicht verbunden sind, im Kampf gegen den IS den Hasched-al-Schaabi an. Ein Teil der Kämpfer agiert aber weiterhin unabhängig von den irakischen Behörden. In Syrien unterstützen Ableger der libanesischen Hisbollah den Diktator Baschar al-Assad. Die Hisbollahbrigaden im Irak verfügen angeblich über Drohnen und Raketen. Ihr Chef ist Abu Ahmed al-Basri – „Kampfname“ eines Unbekannten.

Nudschaba, Imam Ali und andere:Zu den Hasched-al-Schaabi-Milizen gehören unzählige weitere proiranische Gruppierungen mit jeweils mehreren Tausend Kämpfern. Eine davon ist Al-Nudschaba, die vom Iraker Akram Kaabi angeführt wird, der auf der Terroristenliste der USA steht. Auch die Imam-Ali-Brigaden werden von Washington als „terroristisch“ eingestuft – genau wie Dschund al Imam und Charassani. Zusammen mit den Hisbollahbrigaden bilden sie den harten Kern der Hasched-al-Schaabi, halten sich aber weitgehend aus der Politik raus.

Assab Ahl al-Hak:Die „Liga der Tugendhaften“ ist eine Abspaltung der Mehdi-Armee des mächtigen Schiitenführers Moktada Sadr, die zwischen 2003 und 2011 gegen die US-Truppen im Irak kämpfte, bevor sie selbst unterdrückt und schließlich offiziell aufgelöst wurde. Assaib Ahl al-Hak ist im irakischen Parlament über die Partei Sadikun vertreten.
Die USA haben ihren Chef Kais al-Chasali jüngst erst wegen „Entführungen, Morden und Folter“ im Zusammenhang mit dem brutalen Vorgehen gegen die Protestbewegung im Irak auf die Sanktionsliste gesetzt.

Badr-Organisation:Sie gilt als wichtigste und älteste paramilitärische Gruppierung im Irak, gegründet 1982, um an der Seite iranischer Truppen im ersten Golfkrieg zu kämpfen. Ihre mehreren Zehntausend Kämpfer sind am weitesten in die regulären Streitkräfte integriert. Seit vielen Jahren bekleiden Mitglieder aus ihren Reihen auch Regierungsposten. Angeführt wird die Badr-Organisation von Hadi al-Ameri, der auch die Liste der Hasched-al-Schaabi im Parlament anführt. Er soll ein Vertrauter des iranischen Generals Soleimani gewesen sein. Sowohl er als auch der Milizenführer al-Chasali und Hasched-Chef Faleh al-Fajjadh waren am Dienstag beim Trauermarsch vor der Erstürmung des US-Botschaftsgeländes in Bagdad zugegen. US-Außenminister Mike Pompeo bezeichnete sie daraufhin im Kurzbotschaftendienst Twitter als „Terroristen“ und „iranische Handlanger“. (afp)

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