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Tod des Al-Kaida-Chefs: Der Angriff der USA wirft Fragen auf

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Al-Sawahiri (r.) konnte unter den Islamisten nie das Ansehen Bin Ladens (l.) erreichen. Foto by Wakil KOHSAR / AFP.
Al-Sawahiri (r.) konnte unter den Islamisten nie das Ansehen Bin Ladens (l.) erreichen. Foto by Wakil KOHSAR / AFP. © dpa

US-Präsident Joe Biden feiert den Schlag gegen den Al-Kaida-Chef als Erfolg. Aber damit holt ihn der chaotische Abzug aus Afghanistan ein: Warum war Aiman al-Sawahiri in Kabul?

Der Anführer von Al-Kaida stand auf dem Balkon seiner Wohnung im Zentrum der afghanischen Hauptstadt, als am frühen Sonntagmorgen kurz hintereinander zwei von einer Drohne abgefeuerte Hellfire-Raketen einschlugen. Es war das tödliche Ende einer Jagd, die mehr als zwei Jahrzehnte gedauert hatte und den letzten Hauptverantwortlichen der Terroranschläge vom 11. September 2001 zur Strecke brachte.

US-Präsident Joe Biden informierte seine Landsleute am Montag über den symbolisch wichtigen Erfolg, den Tod von Aiman al-Sawahiri. Er hielt die Ansprache ähnlich knapp wie sein Vor-Vorgänger Barack Obama, der die Menschen vor elf Jahren über die geheime Kommandoaktion gegen Osama bin Laden in Pakistan informiert hatte. Nach dessen Tod hatte die Nummer Zwei von Al-Kaida, Al-Sawahiri, die Führung übernommen. Daraufhin versteckte sich der aus privilegierten Verhältnissen stammende Ägypter, auf den ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt war, über Jahre hinweg.

Was hat der Krieg gegen den Terror gebracht?

Anfang Juli gab Biden grünes Licht für den Drohnenangriff – nach einer Lagebesprechung mit der Direktorin der Nationalen Geheimdienste Avril D. Haines, CIA-Chef William J. Burns, der Leiterin des Terrorabwehrzentrums Christine Abizaid und anderen Mitgliedern seines Sicherheitsteams. Sie zeigten dem Präsidenten im Lageraum des Weißen Hauses ein Modell des Wohnhauses, in dem sich Al-Sawahiri aufhielt, und informierten ihn, wie sie ihn identifiziert hatten.

Kabul im August 2022. Der Terrorist habe in einem zentralen Viertel Kabuls Unterschlupf gefunden, heißt es aus der US-Regierung. Foto by Wakil KOHSAR / AFP.
Kabul im August 2022. Der Terrorist habe in einem zentralen Viertel Kabuls Unterschlupf gefunden, heißt es aus der US-Regierung. Foto by Wakil KOHSAR / AFP. © AFP

Nach dem Angriff sollen Kräfte, die den Taliban nahestehen, versucht haben zu verschleiern, wem der Angriff gegolten hatte. Die Tatsache, dass sich Al-Sawahiri in Afghanistan versteckte, wirft für Biden unangenehme Fragen dazu auf, was der dortige Krieg gegen den Terror gebracht hat: ein 20 Jahre langer Militäreinsatz, der Unsummen verschlang und Zehntausende das Leben kostete – und der begann, weil das Land Al-Kaida-Terroristen Unterschlupf gewährt hatte.

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Al-Kaida (zu deutsch „Die Basis“) wurde vor fast 34 Jahren, am 11. August 1988, gegründet - zunächst als lose Gruppe von Islamisten. Ihr Plan war es, nach dem Afghanistankrieg und dem Abzug der sowjetischen Truppen den Dschihad gegen „Ungläubige“ weiterzuführen. Gründer und ideologischer Kopf war Osama bin Laden, der sich als Jugendlicher radikalisiert und dann dem Kampf der bewaffneten anti-staatlichen Opposition (den Mudschaheddin) gegen die Sowjets angeschlossen hatte.

Mitte der 90er Jahre schloss sich bin Ladens Al-Kaida mit der ägyptischen Dschihad-Organisation des jetzt getöteten Aiman al-Sawahiri zusammen. Einige Fachleute datieren die wahren Anfänge von Al-Kaida auf diese Zeit, denn nach zwei Anschlägen war die Gruppe zum ersten Mal einer breiteren Weltöffentlichkeit ein Begriff: Bei einem Doppelattentat auf die Botschaften der USA in der kenianischen Hauptstadt Nairobi und im tansanischen Daressalam starben 224 Menschen, mehrere Tausend wurden verletzt.

Am 11. September 2001 verwirklichte die Gruppe mit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, das Pentagon in Washington D.C. und auf ein Flugzeug, bei denen insgesamt etwa 3000 Menschen starben, einen Plan, den sie bereits mehrere Jahre zuvor gefasst hatte. Erste Indizien deuteten bereits kurz danach auf bin Laden und Al-Kaida als Verantwortliche hin.

Die Attentate veränderten die Politik vieler Länder weltweit, die Bekämpfung des islamistischen Terrors gewann enorm an Bedeutung; insbesondere in den USA, die fortan einen „war on terror“ („Krieg gegen den Terror“) führten. Es folgten Kriege in Afghanistan, dem Irak und weitere Einsätze. US-amerikanische Militärs töteten am 2. Mai 2011 Osama bin Laden in Abbottabad, etwa 50 Kilometer von Pakistans Hauptstadt Islamabad entfernt. Seitdem war Al-Sawahiri die Nummer 1 bei Al-Kaida.

Seit einigen Jahren sehen Fachleute Al-Kaida nicht mehr als strukturierte Organisation; vielmehr existieren diverse Untergruppen, die mehr oder weniger eng mit der „Zentrale“ in Pakistan verbunden sind. Im Zusammenhang mit Al-Kaida wird mittlerweile von „Franchise-Terrorismus“ gesprochen: Andere Radikalislamisten können sich unter dem Namen von Al-Kaida zu ihren Taten bekennen - und so deren Botschaft verbreiten. FR/dpa

Wächst unter Führung der Taliban die Gefahr des Terrors wieder?

Al-Sawahiri lebte in Kabul in einer gut geschützten Nachbarschaft hoher Angehöriger der Taliban. Diese Tatsache wird von Fachleuten unterschiedlich bewertet. Kritiker des amerikanischen Abzuges aus Afghanistan wie der republikanische Senator Jim Inhofe sehen in der Rückkehr des Al-Kaida-Führers in das Land ein Indiz dafür, dass unter Führung der Taliban die terroristische Gefahr wieder wächst. Dies zeige „das völlige Versagen der Politik der Biden-Regierung“.

Ex-Präsident Obama wertet den Einsatz genau gegenteilig. Die Supermacht habe bewiesen, dass sie „Terrorismus ausmerzen“ könne, „ohne mit Afghanistan im Krieg zu sein“.

US-Präsident Joe Biden spricht von einem „Präzisionsschlag“: Zivile Opfer habe es nicht gegeben. Foto: Jim Watson/Pool AFP/dpa.
US-Präsident Joe Biden spricht von einem „Präzisionsschlag“: Zivile Opfer habe es nicht gegeben. Foto: Jim Watson/Pool AFP/dpa. © dpa

Das ist auch die Botschaft, mit der Biden das Desaster beim Rückzug aus dem Land vor einem Jahr vergessen machen will. „Die Vereinigten Staaten brauchen nicht länger Tausende Soldaten auf dem Boden in Afghanistan“, rechtfertigte er das von ihm durchgesetzte Ende des längsten Kriegs in der US-Geschichte. „Wir können weiterhin effektiv Terrorabwehr-Operationen in Afghanistan und darüber hinaus durchführen. Wir haben genau das getan.“

Angriff erfolgt unter Regie der CIA

Unter Fachleuten ist dieses Vorgehen als Teil der sogenannten „Over the horizon“-Strategie bekannt. Die USA hätten verstanden, so der frühere CIA-Direktor Michael Morell, „dass es keine gute Idee ist, große Armeen zu stationieren, weil diese Anreize schaffen, Terrororganisationen beizutreten“. Die Kombination aus geheimdienstlicher Aufklärung und Nutzung von Kampfdrohnen sei viel effektiver.

Der in Regie der CIA durchgeführte Schlag gegen Al-Sawahiri beweist nach Ansicht von Asfandyar Mir vom United States Institute of Peace, dass die USA auch ohne Truppen vor Ort „Gefahren erkennen und rechtzeitig ausschalten können“. Aber es bleibe bedenklich, „dass sich die Al-Kaida unter Aufsicht der Taliban dort festsetzen und wachsen könne“.

Die Taliban und Vertreter:innen der USA beschuldigten sich nach dem Drohnenangriff gegenseitig, das Rückzugsabkommen gebrochen zu haben. mit dpa

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