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Albtraum eines Flüchtenden: Tod an der EU-Außengrenze

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Von: Pitt von Bebenburg

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Die Tatsache, dass er seinen Bruder nicht hat retten können, belastet Hassan schwer: „Ich habe das Gefühl, ich habe meinem Bruder nicht geholfen.“
Die Tatsache, dass er seinen Bruder nicht hat retten können, belastet Hassan schwer: „Ich habe das Gefühl, ich habe meinem Bruder nicht geholfen.“ © christoph boeckheler*

Auf der Flucht nach Europa kam der Syrer Akram Abdulkadir ums Leben – weil Milizen ihn misshandelten. Sein Bruder schildert die Brutalität an der EU-Grenze.

Hassan kann nicht schlafen, oder besser: Er will nicht schlafen. Er träumt sonst wieder von diesem Wald in Griechenland und von seinem Bruder Akram, der nach ihm ruft. Aber Hassan sieht Akram nicht. Und noch schlimmer: Er kann ihm nicht helfen. Im Traum wie in der Wirklichkeit.

Akram Abdulkadir ist tot, aber Hassan Abdulkadir lebt. Er kann erzählen, was seinem zwei Jahre älteren Bruder zugestoßen ist an jenem 7. Juli 2022. Der 26-jährige Syrer war Zeuge, wie Akram von griechischen Milizen malträtiert wurde. Er kann schildern, wie Akram im Fahrzeug der Milizen starb, während Hassan ihn hilflos in den Armen hielt und die Griechen keine Hilfe leisteten. Er kann berichten, wie er gezwungen wurde, den Leichnam seines Bruders zurückzulassen.

Und wie er ihn später in einem türkischen Krankenhaus wiederfand, denn die Leiche war auf der türkischen Seite des Grenzflusses Evros angeschwemmt worden – mutmaßlich von der griechischen Seite hineingeworfen. Dass Hassan und Akram in Griechenland waren, steht fest. Hassan kann das mit Zeugenaussagen, mit Fotos und mit GPS-Daten von Handys belegen.

Flucht aus Syrien: Das Sterben an der griechisch-türkischen Grenze ist alltäglich geworden

Es ist erstaunlich: Wer Hassan begegnet, merkt ihm keine Wut an, keine Empörung. Aber Trauer, Erschütterung und Erschöpfung. Mit ruhiger Stimme schildert der Syrer die Flucht aus der Türkei, die verzweifelte Situation in Griechenland und die Unmenschlichkeit und Erniedrigung, die er dort erfahren hat. Heute lebt Hassan, dessen Nachnamen die deutschen Behörden „Abdelkadr“ schreiben, in Hessen und er kann, auch dank der Unterstützung der Organisation Pro Asyl, über sein schmerzliches Schicksal sprechen. Und über das anderer Menschen auf der Flucht. Auf Arabisch. Ein Dolmetscher übersetzt unser Gespräch.

Hassan ist nicht allein. Das Sterben an der griechisch-türkischen Grenze ist entsetzlich alltäglich geworden. Seit Hassan auf Facebook geschrieben hat, dass die Leiche seines Bruders auf der türkischen Seite des Evros angeschwemmt wurde, hat er viele Nachrichten von Menschen erhalten, die ebenfalls nach ihren Liebsten suchen, die auf der Flucht verschwunden sind.

Doch Akrams Fall ist anders als viele tragische Fälle, bei denen die Menschen bei der Überfahrt und durch die gewalttätige Zurückweisung, die sogenannten Pushbacks, ertrinken. Wenn Hassans gut belegte Angaben stimmen, kam der schwer erkrankte Akram qualvoll an Land zu Tode, ohne dass griechische Ordnungshüter halfen oder Hilfe holten, gequält zudem durch Stockschläge in den Magen.

Jetzt geht er an die Öffentlichkeit und hat zugleich mit Hilfe einer griechischen Anwältin Anzeige erstattet. Die Vorwürfe sind umfangreich. Sie reichen von extralegaler Inhaftierung und unmenschlicher Behandlung bis zu Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung mit Todesfolge.

Die Botschaft Griechenlands in Berlin teilt der Frankfurter Rundschau auf Anfrage mit, dass nach Angaben der griechischen Polizei „ein behördliches Ermittlungsverfahren eingeleitet“, aber noch nicht abgeschlossen worden sei. Zudem sei kein syrischer Bürger mit Akrams Namen von der Polizei festgenommen worden.

Akram ist in der Nähe der Stadt Idlib in Syrien bestattet worden, dem Ort, aus dem die Familie stammt. Der unverheiratete 28-Jährige hatte seit Jahren in der Türkei gelebt, aber das Leben dort wurde immer schwieriger.

Flucht aus Syrien: Angst vor einer Abschiebung

Seine Aufenthaltsgenehmigung war nicht verlängert worden, er hatte Angst vor einer Abschiebung nach Syrien, wo er um sein Leben fürchten müsse. Zusammen mit Hassan wollte Akram sich auf den Weg nach Europa machen. Zwei Brüder leben bereits in Deutschland und Österreich, ein weiterer in Schweden.

Anfang Juli besorgten sich Akram und Hassan auf türkischer Seite ein Boot und setzten mit anderen Männern über den Grenzfluss über. So beginnt der Bericht von Hassan, den er ganz ruhig vorträgt. Die Angaben stimmen mit den Aussagen von Menschen überein, die zu der Flüchtlingsgruppe gehörten und die er in Deutschland zufällig wiedersah.

Einige Tage lang hielten sie sich in einem Waldstück auf der griechischen Seite auf – wie er heute weiß, war das in der Nähe der Kleinstadt Orestiada. Doch dann ging es Akram zunehmend schlecht. Worunter er litt, ist nicht geklärt; Vorerkrankungen waren nicht bekannt. Doch Akram litt an Bauchschmerzen und Schüttelfrost, er musste sich übergeben, er brach zusammen und konnte nicht weiterlaufen. Dann kamen Halluzinationen hinzu. Hassan wusste, dass er ärztliche Hilfe rufen musste.

Also wählte Hassan die griechische Notfallnummer. Doch es kamen weder ein Sanitäter noch eine Ärztin, sondern die Polizei. „Vom ersten Moment unserer Verhaftung an habe ich die Beamten angefleht, meinen Bruder ins Krankenhaus zu bringen“, gibt Hassan zu Protokoll. Doch die Polizei habe nicht geholfen und scheint die Männer auch nicht registriert zu haben.

Die Beamten warteten vielmehr auf ein zweites Fahrzeug, das nicht als Polizeiwagen zu erkennen war. Darin saßen Männer in schwarzen Shirts und schwarzen Hosen. Unter Flüchtlingen sind diese Männer berüchtigt, die augenscheinlich im Auftrag der griechischen Staatsmacht handeln, ohne deren Insignien zu tragen. Geflüchtete nennen sie die „Kommandos“.

Hassa Abdulkadir: „All unser Hab und Gut wurde uns weggenommen“

Sie griffen Akram und Hassan auf und transportierten sie ab, zu einem Gebäude mit Arrestzellen, in denen viele Menschen warteten, die meisten aus Syrien, manche aus Afghanistan, der Türkei und afrikanischen Ländern. Die Milizen hatten ihnen die Handys abgenommen, sofern sie die Geräte nicht hatten verstecken können – was nicht so einfach war, weil sie einen Großteil ihrer Kleidung ausziehen mussten. Der Eingang wurde bewacht, von einem Mann, der maskiert, militärisch gekleidet und bewaffnet war, so schildert es Hassan.

„Während unserer Gefangenschaft bekamen wir nicht einmal Wasser“, berichtet er. Kein Telefon, kein Kontakt mit der Außenwelt. „All unser Hab und Gut und unser Geld wurden uns weggenommen und nie zurückgegeben.“ Personalien oder Fingerabdrücke seien nicht erfasst und niemand über seine Rechte informiert worden.

In der Zelle war es extrem eng, es herrschte eine zum Ersticken heiße Atmosphäre. Akram lag auf dem Boden. „Akram ging es schlechter“, erzählt Hassan. „Er hat angefangen zu fragen, wo er ist. Dann hat er gesagt: Ich sterbe hier.“ Hassan klopfte an die Zellentür, rief erneut nach Hilfe. „Dann kam ein Mann mit einem Holzstock, den er Akram zwei Mal in den Magen gerammt hat.“

Flüchtlingspolitik

In der Europäischen Union wird über die Flüchtlingspolitik gestritten. An diesem Freitag beraten die Innenministerinnen und Innenminister der EU darüber in Brüssel.

Die Seenotrettung steht dabei im Mittelpunkt. Zuletzt hatte es Ärger gegeben, weil die rechte Regierung Italiens Seenotrettungsschiffe nicht an Land ließ. Frankreich stieg daraufhin aus dem Verteilsystem aus. Es regelt, welche Staaten welchen Anteil der Bootsflüchtlinge aufnehmen.

Die EU-Kommission hat in dieser Woche einen 20-Punkte-Plan zur Flüchtlingspolitik vorgestellt. Er sieht vor, dass die EU Tunesien, Ägypten und Libyen stärker unterstützt, um Migrant:innen zu stoppen.

UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi macht sich für Seenotrettung und ein Ende der gefährlichen und oft tödlichen Zurückweisungen („Pushbacks“) stark. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) traf Grandi am Dienstagabend. „Schwerpunkt des Gesprächs waren die Situationen in spezifischen Herkunfts- und Aufnahmeländern“, hieß es in Berlin. pit

Beim Versuch, seinen Bruder vor den Schlägen zu schützen, sei er selbst mit dem Stock auf Arm und Kopf geschlagen worden. Jetzt spuckte Akram Blut und verlor das Bewusstsein. „Wir lebten in einem Albtraum“, formuliert Hassan. Doch die Bediensteten des Arrests kümmerte das nicht. Der Täter: ein Mann ohne Uniform, mit Sonnenbrille und Maske. Hassan ist sicher: Er würde ihn trotzdem wiedererkennen.

Am Abend des gleichen Tages wurden alle Menschen aus den Arrestzellen geholt und erneut in Minibusse verfrachtet, auch Akram, der nicht mehr alleine laufen konnte. „Könnt Ihr nicht sehen, wie schlecht es ihm geht?“, fragte Hassan. Doch sie seien nur beschimpft worden.

Der Van war überfüllt, „mehr als 20 Leute drin, man konnte kaum atmen“. Akram bekam keine Luft mehr. „Dann hat Akram ein letztes Mal eingeatmet, und das war’s.“ Verzweifelt versuchte Hassan, seinen Bruder wiederzubeleben – vergeblich. Alle im Bus hätten geschrien, aber von den Männern in Schwarz habe niemand reagiert. Akram war tot.

Das Fahrzeug fuhr zum Fluss, also zur Grenze. Alle mussten raus, auch Hassan mit dem toten Akram. „Akrams Körper war weiß und kalt“, erinnert sich Hassan. Er habe die Leiche mit einer Decke zum Flussufer schleppen müssen. Hassan wollte Akrams Leichnam nicht zurücklassen, doch er wurde dazu gezwungen. Am Ende mit vorgehaltener Pistole am Kopf. Hassan wurde von den Männern zurück in den Fluss getrieben, in Richtung Türkei. Bis heute belastet ihn, dass er Akram nicht hat retten können. Bis in die Träume. „Ich habe das Gefühl, ich habe meinem Bruder nicht geholfen.“

Albtraum eines Flüchtenden: Wer waren die Täter?

Karl Kopp, Europa-Referent von Pro Asyl und Griechenland-Kenner, hat schon vieles erlebt, aber „diese Grausamkeit, dieser Sadismus, diese verweigerte Lebensrettung“, das erbost ihn.

Wer waren die Täter? „Während der gesamten Operation, vom Aussteigen aus dem Transporter bis zur Rückführung zum Fluss, sah ich Polizei, Sicherheitskräfte und Armee, einige in schwarzer Kleidung, andere in grüner Kleidung mit einer griechischen Flagge am Ärmel, einige in Militärkleidung, einige mit Waffen“, erinnert sich Hassan. Es habe auch eine Gruppe gegeben, „die wir unter uns Syrern als ,Söldner‘ bezeichnen“, da es sich um Menschen handele, die auch Arabisch sprächen und ihre Gesichter bedeckt hätten. Sie hätten auf Anweisung der griechischen Beamten gehandelt.

Akram ist tot, aufgefunden zwei Tage später auf der türkischen Seite des Evros. Viele Leichen können nicht identifiziert werden. Die von Akram schon. Er verfügte über eine Aufenthaltsgenehmigung in der Türkei, seine Fingerabdrücke waren in den türkischen Datenbanken registriert. Kurz darauf wurde sein Leichnam ins Krankenhaus der Grenzstadt Edirne gebracht, wo der aus Schweden angereiste Bruder ihn identifizierte. Die Angehörigen hoffen, dass die Behörden ihn gründlich obduziert haben. Um belegen zu können, dass er nicht ertrunken, sondern an den Folgen der unterlassenen Hilfe und der Misshandlung gestorben ist. Die türkische Botschaft ließ eine Anfrage der FR unbeantwortet.

Seither hat Hassan einen zweiten und einen dritten Anlauf unternommen, um sich nach Europa durchzuschlagen. Beim zweiten Mal wurde er, nachdem er zwölf Tage lang durch Griechenland gelaufen war, in Thessaloniki aufgegriffen und in die Türkei zurückgebracht. Beim dritten Mal gelang es ihm, bis nach Deutschland zu kommen.

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte Griechenland wegen eines illegalen „Pushbacks“

Dabei wurde Hassan bei seinem zweiten Anlauf auf schreckliche Weise an den Tod seines Bruders erinnert. Denn er wurde nach seinen Angaben am 30. Juli in dieselbe Arrestanstalt nahe des Evros gebracht, in der er gut drei Wochen zuvor mit seinem Bruder untergekommen war. „Es herrschte Terror, wir durften nicht einmal den Kopf heben, wir waren ohne Kleidung, lebten unter erbärmlichen Bedingungen, in absoluter Angst und unter Schlägen“, übersetzt der Dolmetscher den Bericht von Hassan. „Ich habe intensive Gefühle des Schreckens erlebt, weil ich mit einem Bein im Leben und mit dem anderen im Tod stand.“

Die griechische Rechtsanwältin Marianna Tzeferakou, die mit Pro Asyl zusammenarbeitet, will die Verantwortlichen vor Gericht bringen. Sie fordert für ihren Klienten Entschädigung und Schadenersatz. „Ich bin überzeugt, dass Hassans Bericht stimmt“, sagt die Frau, die für die nichtstaatliche Organisation „Refugee Support Aegean“ tätig ist. „Wir haben mit einer Reihe von Zeugen gesprochen.“

Tzeferakou ist überzeugt, dass vieles von dem, was Akram und Hassan erlebt haben, Alltag an der Grenze ist. Es gehe um eine systematische Praxis in der Region am Evros. Daher müsse man davon ausgehen, dass die örtlichen Verantwortlichen auf Anweisung der zuständigen Ministerien handelten. Sie verweist auf die Europäische Menschenrechtskonvention. Danach müssten die griechischen Behörden das menschliche Leben schützen, Folter und Misshandlung seien verboten.

Flucht aus Syrien: Albtraum an der europäischen Außengrenze

In diesem Fall gibt es mehr Beweise, als es sonst häufig der Fall ist. Allein in der Erstaufnahme in Gießen, wo Hassan nach der Flucht nach Deutschland unterkam, traf er mehrere Menschen wieder, die Teile der Tragödie miterlebt haben. Drei Erwachsene aus der Gruppe, mit der Akram und Hassan Abdulkadir nach Griechenland gekommen waren, waren ebenfalls in Gießen. Sie können bestätigen, dass nach dem Notruf keine Ärzte kamen, sondern ein Van mit schwarz gekleideten Männern, die mit Akram und Hassan davonfuhren. Ein weiterer Zeuge war gemeinsam mit den beiden Syrern in der Arrestzelle. Er hat die Misshandlung, die Stockschläge in den Magen und die unterlassene Hilfeleistung mitbekommen. Dieser Zeuge war auch dabei, als Akram starb – auf griechischem Boden.

Patrouille an der Mündung des Evros ins Mittelmeer. Die Vorwürfe gegen griechische Sicherheitskräfte wiegen schwer.
Patrouille an der Mündung des Evros ins Mittelmeer. Die Vorwürfe gegen griechische Sicherheitskräfte wiegen schwer. © AFP

Bei der Staatsanwaltschaft in Griechenland dringt Tzeferakou auf Aufklärung. Doch selbst wenn das gelingen würde, braucht der Rechtsweg viele Jahre.

Acht Jahre dauerte es etwa, bis festgestellt wurde, dass acht Kinder und drei Frauen durch die Schuld der griechischen Küstenwache im Januar 2014 ums Leben gekommen waren. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte Griechenland wegen des illegalen „Pushbacks“ – so der harmlose Begriff für das unmenschliche Vorgehen. Das bereits angeschlagene und völlig überfüllte Flüchtlingsboot war von der griechischen Küstenwache gewaltsam zurück aufs Meer geschleppt worden, in Richtung Türkei. Acht Jahre lang mussten die Überlebenden von Farmakonisi auf Gerechtigkeit warten.

So lange soll die europäische Politik nicht warten, ehe sie Griechenland in die Schranken weist, hofft Hassan. „Akram ist tot, aber das Sterben geht weiter“, sagt er zu seiner Motivation, seine Geschichte einem Journalisten zu erzählen. „Mein Ziel ist, dass keine Menschen mehr sterben.“ Dann spricht er eine Selbstverständlichkeit aus, die an den europäischen Außengrenzen längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist: „Menschen, die Hilfe brauchen, sollen Hilfe bekommen.“

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