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Tod am Wegesrand

  • VonAgnes Tandler
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Das Coronavirus erreicht die vernachlässigte indische Provinz

Der Patient ringt nach Luft. Doktor Sharma versteht ihn kaum, er kontrolliert den Tropf mit Kochsalzlösung und spricht dem Mensch Mut zu. Mehr geht nicht – und Sharma glaubt selbst nicht dran. „Die Leute sterben, überall herrscht Angst“, wird er von der Zeitung „Indian Express“ zitiert.

Sharma, der Ayurveda studiert hat, ist alleine in seiner Ein-Raum-Klinik im Dorf Bargaon im Bundesstaat Uttar Pradesh. Er hat keinen Sauerstoff da, keine diagnostischen Geräte, keine Arzneien. Ein Schreibtisch, ein Stuhl, eine Liege – das war’s. Vor der Klinik am Wegesrand stehen sechs Pritschen mit Kranke darauf. Innen warten ein gutes Dutzend Kranke, draußen stehen besorgte Angehörige.

In den vergangenen Wochen hat der Landarzt unzählige Leute mit Covid-Symptomen behandelt. Die Medikamente, die Sharma verschreibt, wie das Antibiotikum Azithromycin und der Entzündungshemmer Dexamethason sind in der Dorf-Apotheke ausverkauft. Der Preis für einen Beutel mit Kochsalzlösung hat sich verdreifacht und liegt bei zehn Euro – ein halbes Vermögen für die meisten dort.

Das staatliche Gesundheitszentrum in Bargaon, das eigentlich die medizinische Anlaufstelle sein soll, ist leer und verrammelt. Kein Geld, kein Personal. Eigentlich sollte dort auch geimpft werden. Doch der zuständige Arzt ist krank, und Impfstoff kommt nicht. Bargaon ist typisch für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Indien, in dem fast zwei Drittel der Bevölkerung von knapp 1,4 Milliarden Menschen leben. Weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden in den Gesundheitssektor investiert. Indien meldete für den Mittwoch 348 421 Neuinfektionen und weitere 4205 Todesfälle. Nur etwa 13 Prozent der Bevölkerung haben bislang eine Corona-Impfung erhalten und weniger als zwei Prozent haben den vollen Impfschutz.

Die Pandemie hat die urbane Gesundheitsversorgung längst kollabieren lassen, doch das Virus verschont auch die Dörfer nicht, die von der ersten Infektionswelle 2020 kaum berührt wurden. Jetzt trifft es sie umso härter. Am Ufer des Ganges in Uttar Pradesh wurden in dieser Woche mehr als 100 Leichen angeschwemmt, die nach Ansicht der Behörden an der Virusinfektion gestorben waren. Es soll nicht mehr genügend Brennholz zum Bestatten der vielen Toten geben.

Entgegen dem Rat der Wissenschaft wurden im April in Uttar Pradesh mit seinen mehr als 200 Millionen Menschen Kommunalwahlen abgehalten. Das geriet zum Corona-Superspreader. Mehr als 700 Lehrkräfte, die in den Wahllokalen halfen, sind bereits gestorben.

„Was kann ich schon machen?“ Doktor Sharma weiß nicht mehr ein noch aus. „Ich kann nur bei ganz milden Fällen die Symptome lindern helfen und hoffen, dass die Infektion nicht schlimmer wird.“ Die Hoffnung schwindet. Offiziell zählt sein Distrikt knapp 700 Neuansteckungen am Tag. Da Tests kaum zu bekommen sind, weiß niemand, wie hoch die Infektionsrate wirklich ist. Vor einem Monat hatte Sharma maximal zehn Patient:innen an einem Tag, nun kommen bis zu 100. Die schweren Fälle schickt er gleich wieder weg.

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