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60 Jahre danach

Der Tod

Roland Wagner ist in der Nacht nach seinem 13. Geburtstag zum ersten Mal dem Tod begegnet. Er schreibt, dass "mich persönlich das Schicksal der mir leider bis heute unbekannt gebliebenen ,Freifrau' noch immer bewegt".

Das Haus steht wie auf dem Präsentierteller. Heute noch wie vor 60 Jahren: Allgäu-typischer Bauernhof, in Holzschindeln gehüllt, vorne der Wohntrakt, zweistöckig, dahinter die Scheune, direkt über dem gekalkten Kuhstall. Es steht in gut 800 Meter Höhe, zu Füßen der Nagelfluhkette. 1945 ist der Hof im Weiler Schindelberg praktisch nur zu Fuß erreichbar, über den schmalen und steilen Karrenweg vom Tal der Weissach herauf.

Schindelberg beherbergt 1944/45 außer den wenigen Einheimischen - fast nur Frauen, Kinder und Alte - einige Flüchtlinge "aus dem Reich". Werktags sind auch noch Kriegsgefangene da, Zwangsarbeiter. Die müssen Bäuerinnen und Mägden bei der Arbeit zur Hand gehen. Derweil deren Männer irgendwo fernab geschunden werden - "für Führer, Volk und Vaterland".

Der 27. April ist mein Geburtstag. Ich werde 13. Gefeiert wird nicht. Es gibt ein Stück Brot mit Bauernkäse, hausgemachter. Dazu ein Glas Milch, kuhwarm. Vom Fenster zum Tal ruft es: "Die Amis sind da!" Tatsächlich, da drüben rollen Panzer auf der Straße von Oberstaufen nach Weissach hinunter.

Der Weg herauf zu uns ist jetzt voll von deutschen Landsern. Sie keuchen den steilen Hang herauf, schmeißen s die Waffen weg. Die Männer ziehen am Hof vorbei, immer weiter hinauf in die Berge, Richtung Hochhädrich. Gleich dahinter ist Österreich.

Wir schauen und staunen. Bis plötzlich ein gewaltiger Donnerschlag den ganzen Hof erschüttert. Die Panzer im Tal schießen! Wir rennen die Treppe hinunter, zur Bäuerin mit ihren Zwillingen und der kleinsten der drei Töchter, wollen in den Keller. Doch da stürmt der Kriegsgefangene in die Stube, jener Mann, der werktags für den Hof arbeitet. Er ist selber Bauer, wissen wir von ihm. Daheim in Jugoslawien. "Ich heiße Sveterlic" sagt er. Oder so ähnlich. Wir nennen ihn "Schmetterling".

Der "Schmetterling" hebt mich an der Hinterfront des Hauses zum Fenster raus. Dort hin sieht niemand von unten aus dem Tal. Auch nicht die Panzerschützen. "Schmetterling" reicht mir die Mädchen der Bäuerin, dann meinen kleinen Bruder. Die Hausfrau und unsere Mutter kraxeln hinterher. Im nahen Wald suchen alle Schutz unter einem Felsvorsprung. Es beginnt zu schneien. Die Panzer aus dem Tal schießen nicht mehr.

Spät am Abend erst bringt uns "Schmetterling" wieder zurück. Das Haus steht noch immer. Nichts ist kaputt. Die Granate schlug in der Tenne ein - ein Blindgänger! Nur die Freifrau und Ärztin hatte das Haus nicht verlassen. Mit ihrem Jungen war sie im Eckzimmer geblieben, hatte es von innen abgeschlossen. Auch "Schmetterling" hatte die junge Frau nicht dazu bewegen können, das Haus zu verlassen. Jetzt heißt ihn die Bäuerin das Zimmer öffnen.

Durch die Tür begegnen wir jäh dem Tod! Mutter und Kind liegen auf ihrem Bett, so als ob sie schliefen. Die Ärztin hatte sich und ihrem Kind Morphium gespritzt. Sie wachten nie mehr auf.

In diesem Frühjahr 1945, als der Krieg tatsächlich zu Ende ist, bin ich zum Friedhof gewandert. Zum Grab der jungen Freifrau und ihres kleinen Sohnes. Aber es gab gar kein Grab. Nicht einmal eine winzige Namenstafel. Selbstmörder wurden seinerzeit dort in Oberstaufen nicht begraben. Sie wurden verscharrt.

Den "Schmetterling" habe ich nie mehr gesehen. Über Nacht war er fort.

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