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Tijen Onaran mag es sich knallig bunt zu kleiden. Das lässt sie sich auch von niemanden verbieten. Foto: Andrea Heinsohn
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Tijen Onaran mag es sich knallig bunt zu kleiden. Das lässt sie sich auch von niemanden verbieten.

Internationaler Frauentag

Internationaler Frauentag: „Highheels und Hirn gehen zusammen“

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Frauen wird oft in der Berufswelt Kompetenz abgesprochen. Die Geschäftsführerin des Berliner Unternehmens „Global Digital Women“ Tijen Onaran ermutigt ihre Kolleginnen.

Achtung, Achtung: Lippenstift lässt das Hirn nicht schrumpfen“, postet Tijen Onaran auf ihrem Instagram-Account. Was witzig klingt, hat einen realen Hintergrund. Denn auch 2021 sei die Berufswelt in Deutschland, was die Bewertung von Frauen angeht, gefühlt noch in den 1950ern hängengeblieben. „Sobald eine Frau weiblich auftritt, bunte Kleidung wählt und oh Schreck, hohe Schuhe trägt und vielleicht noch einen roten Lippenstift, wird sie von Männern, aber auch anderen Frauen immer noch oft nicht ernst genommen. Es wird ihr Kompetenz abgesprochen. Als Frau wird dir subtil oder auch ganz offensiv zu verstehen gegeben, dass deine Weiblichkeit, die du auch im Job zeigen willst, eine Art Karrierebremse ist“, sagt Onaran. An dem Punkt fingen Berufsanfängerinnen, aber auch Frauen in Führungspositionen, schon mal an, an sich zu zweifeln.

Die 35-Jährige ist Gründerin und Geschäftsführerin von „Global Digital Women“ und berät Unternehmen in Diversitätsfragen. „Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“, heißt ihr zweites Buch, ein „Spiegel“-Bestseller. In Seminaren und Podcast-Beiträgen ermutigt die Wahl-Berlinerin Frauen, selbstbestimmt aufzutreten, sich ein starkes Netzwerk aufzubauen- und durch aktives Selbstmarketing, ihre Kompetenzen sichtbar zu machen.

Internationaler Frauentag: „Bei Frauen wird das Aussehen doppelt so of thematisiert wie bei Männern“

Onaran selbst trägt gern bunte Kleidung, knalligen Lippenstift und High Heels, nicht etwa aus Protest gegen Old White Men oder Alt-Feministinnen, die glauben, dass Sexyness und Emanzipation nicht zusammenpassen. Sondern weil es ihr gefällt, sich so zu kleiden. In vielen Unternehmen herrsche immer noch der unausgesprochene Business-Dress. „Das sieht man auf den Vorstandsbildern von großen Dax-Konzernen, aber auch bei Bildern der Geschäftsführung von mittelständischen Unternehmen: Das sind überwiegend Männer und die sehen auch noch alle gleich aus. Die tragen meistens dunkle Anzüge. Das höchste der Gefühle ist, dass einer mal die Krawatte weglässt.“

Die Schubladen, in die Frauen gesteckt würden, gebe es auch in der Berichterstattung. „Es gibt diese Studie von Hering Schuppener, die untersucht hat, wie Managerinnen und Manager in den Medien beschrieben werden. Bei Frauen wird das Aussehen doppelt so oft thematisiert wie bei Männern.“ Auch ihr Liebes,- und Familienleben sei doppelt so häufig Thema. Bei Artikeln über Politikerinnen würde oft implizit der Sexyness-Faktor mitspielen. „Und das ist dann genau das, was bei Leserinnen oder Lesern hängenbleibt. Und nicht, für welche Inhalte die Politikerin im Wahlkampf steht.“

Anforderungen an Frauen in der Arbeitswelt: „Lass den Lippenstift weg“

Solche Bewertungen künftig wegzulassen, würde schon viel bringen. Aber zurück zur Arbeitswelt. Onaran sagt: „Frauen berichteten mir, dass ihren auch schon direkt gesagt wurde: ‚Bitte zieh dich nicht so bunt an‘, oder „Lass den Lippenstift weg’. Aber auch wenn sie eine etwas lautere Stimme hatten, zu selbstbestimmt auftraten, fiel der Satz: ‚Also, das passt hier nicht hin.‘“ Auch Onaran hatte Momente in ihrem Leben, in denen sie versucht hat, sich anzupassen. Mit 20 Jahren tritt die Tochter türkischer Eltern bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg als FDP-Kandidatin an.

Sie schafft es zwar nicht in den Landtag, aber sie wird Wahlkampfassistentin und Referentin für die damalige FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin, arbeitet später auch für Guido Westerwelle und dann im Bundespräsidialamt. „Als ich in der Politik war, bin ich nicht so bunt aufgetreten wie ich es heute tue. Einfach, weil ich niemanden gesehen habe, der so aussah wie ich. Die einzige Ausnahme war meine damalige Chefin Silvana Koch-Mehrin, die mir eine neue Welt eröffnet hat: Nämlich, dass High Heels und Hirn zusammengehen. Und das hat mich sehr inspiriert.“ Solche Vorbilder zu haben, sei für Frauen wichtig. Später verlässt Onaran die Politik.

Finanzielle und ideelle Unabhängigkeit: „Emanzipation beginnt im Elternhaus“

Ein Grund: Die männlich dominierten Machtspielchen. Quereinsteiger:innen hätten wenig Chancen. „Ich wollte echte Veränderung bewirken. Die konnte ich in der Politik nicht erreichen. In meiner jetzigen Position kann ich Veränderung von der Pike auf mitgestalten.“ Wie wichtig war ihre Erziehung? „Emanzipation beginnt im Elternhaus. Ich hatte sehr selbstbestimmte Eltern, denn sowohl meine Mutter als auch mein Vater haben mir immer beigebracht: Unabhängigkeit ist das erstrebenswerteste Ziel, das es gibt. Damit meine ich nicht nur eine finanzielle Unabhängigkeit. Sondern eben auch eine ideelle, also sich unabhängig zu machen von der Meinung anderer Menschen. Nicht zwanghaft gefallen zu wollen, was ja oft in der DNA von Frauen verankert ist.“

Ihre Eltern hätten immer gesagt: „Es gibt nichts, was du aufgrund deines Geschlechts nicht erreichen kannst. Und wenn dir das jemand sagt, musst du die Perspektive und Person austauschen und dir ein neues Netzwerk zusammenstellen.“ Auch der Besuch eines katholischen Mädchengymnasiums, das ihre Eltern eigentlich nur wählten, weil sie Vollzeit arbeiteten und es das einzige in Karlsruhe war, das Nachmittagsbetreuung anbot, habe sie bestärkt. „Früher dachte ich, es sei das Langweiligste, was es gibt, auf einem Mädchengymnasium zu sein. Aber im Nachhinein war es die beste Entscheidung, die meine Eltern treffen konnten. Alle hatten das gleiche Geschlecht und wir wurden auf die gleiche Art bestärkt.“

„Als Frau kann ich Sisterhood leben“: Der Weg in die männlichen Machtzirkel

Aber Selbstbestimmtheit könne man auch noch später lernen. Sie rät, sich Verbündete und Mentorinnen zu suchen, die diesen Weg schon gegangen sind. „Wichtig ist es auch, nicht darauf zu warten, dass die Strukturen so sind, dass ich in sie hineinpasse. Sondern dass ich mich frage: Was habe ich selber in der Hand?“. Das seien zwei Dinge: Als erstes Netzwerken. „Männer empfehlen sich den ganzen Tag. Und als Frau kann ich Sisterhood leben: Ich sehe einen Job und weiß, dass eine Kollegin exakt auf diesen Job passt, also schicke ich ihr den Hinweis, empfehle sie sogar für den Job. Durch diese Empfehlungskultur kommen Frauen auch in die bislang männlichen Machtzirkel.“

Das andere Thema sei Sichtbarkeit: „Ich kann dafür sorgen, dass meine Stimme wahrgenommen wird. Das heißt nicht, dass ich wie wild mein Essen auf Instagram poste oder mein Privatleben. Sondern dezidiert überlege, welche Botschaft welche Zielgruppe erreichen soll. Je mehr du zeigst, was du kannst, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen auf dich stoßen, die sonst nie auf dich aufmerksam geworden wären.“ Ist sich anpassen, also den Lippenstift weglassen, eine Option? Klares Nein, sagt Onaran. „Meiner Ansicht nach kommt man nicht weiter, denn zur Karriereerfüllung gehört auch, sich erfüllt zu fühlen. Und wenn ich ausgebremst werde, indem ich nicht akzeptiert werde, wie ich bin, dann passt das Umfeld nicht zu mir, dann muss ich es wechseln.“ Angst vor dem Wechsel sollte man dabei nicht haben. „Denn einige Unternehmen befinden sich gerade in einem massiven Transformationsprozess. Und die Talente, die in diese Unternehmen hineinströmen, werden in Zukunft eine neue Unternehmenskultur prägen.“

Doppelte Standards beim Thema Frauen und Karriere: „Mein Zyklus ist Privatsache“

Aber noch sei der Weg dorthin weit. Wenn Onaran Unternehmen zum Thema Diversität berät, werde sie oft noch als erstes gefragt: „Warum braucht es mehr Frauen in Führungspositionen?“ Onaran sagt: „Wenn wir bei dieser Frage ansetzen müssen, müssen wir ganz von vorne ansetzen. Der Status Quo ist immer noch eine männliche und keine weibliche Karriere. Das gilt es aufzubrechen.“ Die Vorurteile gegenüber Frauen seien nicht nur auf ihr Aussehen begrenzt: „Wenn Frauen ehrgeizig sind, werden sie gleich als ‚bossy‘ bezeichnet. Überhaupt gibt es so Begrifflichkeiten, die nur im Kosmos von Frauenkarrieren genannt werden: Rabenmutter, Karrierefrau, Powerfrau oder auch ‚starke‘ Frau. Starker Mann oder Powermann würde man hingegen in dem Zusammenhang fast nie sagen: Das Adjektiv ‚stark‘ dient dazu, nochmal zu untermauern, dass sie es wirklich geschafft hat. Sie ist da, weil sie sich unfassbar angestrengt hat. Ja, natürlich hat sie das.“

Auch ein großes Thema sei die Frage nach der Kinderplanung. „Auch ich wurde neulich bei einem TV-Interview gefragt: Es sei ja alles schön und gut mit Karriere, aber, ob ich nicht mal bald gedenken würde, Kinder zu bekommen. Mittlerweile reagiere ich massiv auf die Frage: „Ich sage: ‚Mein Zyklus ist Privatsache und geht niemanden was an.’“ Wer nicht ganz so harsch antworten wolle, könne auch sagen: „Stellen Sie diese Frage auch Männern?“

Vorschlag für 2021: „Wir lassen Frauen so sein, wie sie sein wollen“

Aussagen von Unternehmen wie: „Wir haben jetzt eine Frau im Team“, reichten nicht. Wichtig sei es, nicht nur mehr Frauen einzustellen, sondern sie auch teilhaben zu lassen an Entscheidungsprozessen. Und was können Frauen tun, wenn sie einen Kommentar zu ihrem Äußeren am Arbeitsplatz bekommen? Im Hinterkopf sollten sie immer ein Standard-Repertoire an Antworten haben, und die Stimme erheben. „Je stärker wir darüber reden und diese Vorurteile auch öffentlich transparent machen, desto mehr wird sich auch was in der Bewertungskultur verändern.“ Für 2021 schlägt Onaran vor: „Wir lassen Frauen so sein, wie sie sein wollen. Verrückt, ich weiß.“ (Kathrin Rosendorff)

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