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Um die Wurst geht es in der Halle des Bundeslandes Brandenburg auf der Internationalen Grünen Woche.

Fleischproduktion

Tierisch anders

Fleisch ist teuer, umweltschädlich und moralisch fragwürdig. Die Suche nach Alternativen läuft auf Hochtouren. Mit dabei sind auch traditionelle Produzenten.

Der Fleischkonsum gerät an seine Grenzen: Er ist teuer, umweltschädlich und moralisch fraglich. Längst arbeiten Forscher und Unternehmen an Alternativen. Doch wie sehen die aus?

Als Godo Röben seiner Belegschaft erklärte, sie solle künftig Schnitzel und Wurst auch aus Pflanzen herstellen, ging ein Raunen durch den Betrieb. Veggie? Wir? Eine Fleischfabrik? Röben, 50 Jahre alt, ist Geschäftsführer der Rügenwalder Mühle und ein Querdenker. Vor gut fünf Jahren begann er, mit seinen Entwicklern die ersten vegetarischen Produkte herzustellen. Bis dahin produzierte der mittelständische Familienbetrieb im niedersächsischen Bad Zwischenahn Wurst und Fleisch ausschließlich von Tieren – seit 180 Jahren und sechs Generationen. Es bedurfte viel Überzeugungskraft, die Menschen für seine vegetarischen Visionen zu gewinnen. Röben legte Daten zu Klimawandel, vegetarischer Ernährung und zum Fleischmarkt vor und hielt flammende Plädoyers dafür, dass man Veränderungen nicht ignorieren sollte. Um die Zahlen des Unternehmens stand es damals schlecht.

Der Mann mit der Vision hat die Kritiker überzeugt. 2014 gelang dem Fleischproduzenten ein fulminanter Start bei der Markteinführung seines Veggie-Sortiments, seitdem geht es bergauf. Mittlerweile macht die Rügenwalder Mühle mehr als 30 Prozent Umsatz mit veganen und vegetarischen Produkten. 24 unterschiedliche Varianten gibt es bereits – von der vegetarischen Pommerschen mit Schnittlauch bis zum fleischlosen Crispy-Burger. Im kommenden Jahr sollen die fleischlosen Produkte 40 Prozent ausmachen.

Auch andere große Fleischfabriken sind auf den Veggie-Zug aufgesprungen, in den Supermärkten liegen die Alternativen neben den Fleisch-„Originalen“ in den Regalen – „Veggie-Zwerge“ von Gutfried, „Bruzzler Veggie“ von Wiesenhof, Meicas „Bratmaxe“ als Veggie-Würste. Vegane Nischenmarken treibt das auf die Barrikaden, denn neben Soja enthalten die Fleischersatzprodukte oft große Mengen an Hühnereiweiß. So rechnen Vegetarier gern vor, dass es etwa zwölf Hühner braucht, um 100 Kilogramm vegetarische Mortadella herzustellen – zumal die männlichen Küken in vielen großen Mastbetrieben getötet werden.

Rügenwalder bringt deshalb immer mehr Produkte hervor, die ganz ohne tierische Inhaltsstoffe auskommen. Firmenchef Röben prognostiziert, dass es in zehn, zwanzig Jahren für jedes fleischhaltige Produkt im Markt eine rein pflanzliche Alternative gibt: „Die Zukunft gehört der veganen Wurst und dem pflanzlichen Schnitzel“, sagt er.

Er ist mit dieser Prognose nicht allein. Eric Schmidt, bis 2015 der Chef von Google und damit Spezialist für disruptive Geschäftsfelder, hält die „vegane Revolution“ für unaufhaltsam. In einem Vortrag listet der Tech-Visionär die sechs bahnbrechendsten Zukunftstechnologien auf. Ganz oben steht die Entwicklung einer pflanzenbasierten Nahrung – dann erst kommen Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren oder 3-D-Druck. „Wir haben die Technologie, um Nahrung auf Pflanzenbasis zu produzieren. Mit der Hilfe von Computern können Wissenschaftler und Forscher die besten Pflanzenkombinationen identifizieren und so leckeren Geschmack und beste Nährwerte erzielen“, glaubt Schmidt. Außerdem sei die heutige Fleischproduktion unökonomisch.

Denn Fleisch frisst Land, viel Land. Laut Welternährungsorganisation wird ein Drittel der weltweiten Anbauflächen in irgendeiner Form für die Produktion von Tierfutter für die Massentierhaltung genutzt. In Europa sind es sogar 60 Prozent. Es geht um Ackerflächen, die die Menschen auch direkt mit Getreide versorgen könnten. Für die Herstellung von einem Kilo Rindfleisch werden etwa 16 Kilogramm Pflanzennahrung und mehr als 15.000 Liter Wasser benötigt. Dazu kommt, dass die hohe Fleischproduktion schädlich für die Böden, das Klima und die Artenvielfalt ist.

Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums und der gestiegenen Lust auf Fleisch in Schwellenländern wie China, könnte sich der Bedarf verdoppeln, prognostiziert die Welternährungsorganisation. In Deutschland ist der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch doppelt so hoch wie im Rest der Welt. Auch wenn der Konsum leicht sinkt – im Schnitt isst jeder Deutsche immer noch 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Das ist doppelt so viel, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Dabei zeigen Studien, dass zu viel Fleisch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und Darmkrebs befördert.

Laut Ernährungsreport der Bundesregierung essen lediglich sechs Prozent der Deutschen konsequent vegetarisch und nur ein Prozent vegan, also ganz ohne tierische Zutaten. Immerhin gaben laut dem Bericht mit 28 Prozent immer weniger Menschen an, dass täglich Fleisch und Wurst auf ihre Teller kommt. Jeder Zehnte bezeichnet sich inzwischen als Flexitarier oder Teilzeit-Vegetarier und erklärt, nur noch ab und zu Fleisch zu essen – und das in hoher Qualität.

Der moralische Druck auf gedankenlose Karnivoren wächst jedenfalls: Ist es ethisch vertretbar, Billig-Fleisch aus der Massentierhaltung zu essen? Von Tieren, die sich, dicht gedrängt und mit Antibiotika vollgepumpt, die Schwänze abbeißen? Von Ferkeln, die bei vollem Bewusstsein kastriert und nach kurzem, qualvollem Leben zur Schlachtbank gezerrt werden?

Das Problembewusstsein ist gewachsen: Aldi-Süd wurde im vergangenen Jahr für ein Schnäppchen-Steak (600 Gramm für 1,99 Euro) mit einem Shitstorm kritischer Verbraucher im Netz abgestraft. Das wäre vor zehn Jahren kaum denkbar gewesen. Vor allem junge Menschen halten den Sonntagsbraten immer öfter für verzichtbar. Glaubt man Pop-Philosoph Richard David Precht, so steht ohnehin bald das Ende der Massentierhaltung bevor. Diese sei, sagt er, „die große Sauerei der Menschheitsgeschichte“. In 20 Jahren werde sich die Mehrheit der Menschen von Kunstfleisch ernähren. Nur Deutschland sei gerade dabei, die Entwicklung zu verschlafen.

Biotechnologiefirmen in den USA, Japan, Israel und den Niederlanden arbeiten tatsächlich längst an Fleisch aus dem Labor. Bald schon soll aus Stammzellen gezüchtetes Muskelgewebe, sogenanntes In-vitro-Fleisch oder „Clean Meat“, überall verkauft werden – als Hühner-Nuggets oder Rindfleisch-Burger aus dem Labor. Was dann auf die Teller kommen soll, hat nie als Stück eines Tieres im Stall oder auf der Weide gestanden. Für das Laborfleisch werden Nutztieren bestimmte Stammzellen entnommen. In einer Nährlösung sollen sie sich so vermehren, dass innerhalb von vier Wochen ein Stück Fleisch entsteht. Bereits 2013 hatte der niederländische Forscher Mark Post die erste Frikadelle aus Stammzellen von Rindern in London präsentiert. Den Testessern schmeckte sie gut – wie echtes Fleisch. Happig waren die Herstellungskosten: 250.000 Euro.

Das soll sich bald ändern. Im kalifornischen Silicon Valley produziert die Firma Memphis Meats Hackbällchen und Chickenburger aus tierischen Zellen. Schon 2020 soll das Kunstfleisch in den höherpreisigen Einzelhandel kommen – zunächst für zehn Cent pro Gramm. Zwei Jahre später sollen Discounter das Kunstfleisch für zwei Cent pro Gramm beziehen können. Ähnliche Pläne hat das israelische Start-up Supermeat, an dem die PHW-Gruppe, das Mutterunternehmen des Geflügelzüchters Wiesenhof, Anteile erworben hat. In wenigen Jahren soll dessen Ware auf dem Markt sein – auch in Deutschland.

Ernährungsexperten gehen davon aus, dass die Bundesbürger den Produkten aus der Petrischale eher skeptisch gegenüberstehen – weil Ernährung für sie eher „natürlichen Ursprungs“ sein soll – oder zumindest so angepriesen wird. Ähnliches gilt für Produkte aus Insektenprotein, Hoffnungsträger der Wissenschaft. Insekten liefern neben hochwertigen Proteinen Ballaststoffe sowie Mikronährstoffe wie Kupfer, Eisen oder Magnesium. Laut Welternährungsorganisation essen weltweit bereits zwei Milliarden Menschen Käfer, Raupen, Heuschrecken und andere Krabbeltiere. In Europa werde der Durchbruch eher unsichtbar in Pulvern und Pasten daherkommen, etwa für Müsliriegel oder Kekse, prognostizieren die Marktforscher vom Zukunftsinstitut in Frankfurt. Umfragen haben ergeben, dass Insekten als Nahrungsmittel nicht massentauglich seien.

Unternehmer Röben sieht die Erfolgschancen für allzu experimentellen Fleischersatz ebenfalls skeptisch. Es sei nun Aufgabe der Unternehmen, vorhandene Produkte besser zu machen, sagt er.

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