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Jo Swinson glaubt, sie wäre eine bessere Premierministerin als die beiden Männer im Rennen.

Porträt

Der tiefe Fall der Jo Swinson

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Die Pro-Europäerin könnte dem Brexit zum Sieg verhelfen. Die Chefin der britischen Liberaldemokraten hat sich offenbar extrem verrechnet. Ein Porträt.

Die Umfragen haben Jo Swinson ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt: Je mehr die Menschen von der Chefin der britischen Liberaldemokraten sehen, desto weniger Gefallen finden sie an ihr. Vor wenigen Monaten war das noch ganz anders: Da waren die 39-Jährige und ihre direkte ehrliche Art sehr populär. Sie war die Hoffnung aller Brexit-Gegner.

Joanne Kate Swinson trat mit 17 Jahren bei den Liberaldemokraten ein. Seit 2005 sitzt die Frau, die an der London School of Economics Management studierte und im Marketing gearbeitet hat, für das schottische East Dunbartonshire im Unterhaus.

2018 erregte die Hobby-Marathonläuferin einiges Aufsehen, als sie ihren gerade erst zweieinhalb Monate alten Sohn mit ins Unterhaus brachte. Mit ihrem Gatten Duncan Hames, Chef von Transparency International UK, hat sie noch ein weiteres Kind. Diesen Sommer übernahm Swinson den Vorsitz der „Libdems“; mancher wollte da in ihr schon eine echte Alternative zum (männlichen) Establishment sehen.

Aber Swinson stand zwischen 2010 und 2015 treu zur Koalition ihrer Partei mit den Torys. Sich jetzt zu entschuldigen, damals die Sparpolitik der Tories unterstützt zu haben, scheint wenig zu nutzen. Und zu alten Sünden kommen neue Fehler hinzu: Zunächst kündigten die Liberaldemokraten an, im Fall ihres Wahlsieges den Brexit-Antrag für die EU sang- und klanglos zurückzuziehen. „Undemokratisch!“, „Eine zu extreme Position“, war selbst von Pro-Europäern zu hören. Dann wollte Swinson ihre Teilnahme an der ersten TV-Debatte zwischen Premier Johnson und Labour-Chef Corbyn juristisch erzwingen und sprach von Frauenfeindlichkeit und Sexismus. Ihre Klage wurde abgewiesen.

Aber es passte zumindest zu der selbstbewussten Swinson, die für die beiden Alphatiere der heutigen Wahl nur das Urteil übrig hat: „Wenn ich mir Boris Johnson und Jeremy Corbyn anschaue, dann bin ich absolut sicher, dass ich einen besseren Job als Premier machen könnte.“ Und so lehnt sie einen Pakt mit Labour zum taktischen Abwählen von Torys durch Zurückstehen von Labour- oder Libdem-Kandidaten zugunsten des jeweiligen Favoriten – wahrscheinlich das letzte Mittel, Johnson und Brexit zu verhindern – ab. Die Pro-Europäerin Jo Swinson könnte sich bald außerhalb der EU wiederfinden.

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