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Erfahrene Bergbau-Arbeiter gesucht: Eine Werbetafel an der Straße, die zur Acosta-Mine nahe Somerset County führt.

USA

Tief im Westen

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Während hierzulande über den Ausstieg diskutiert wird, hoffen die Menschen im US-Bundesstaat Pennsylvania auf eine „Renaissance der Kohle“. In Somerset County eröffnete das erste Bergwerk in Trumps Amtszeit. Ein Erfolg der „America-First-Politik“ des Präsidenten? Oder ein Irrweg?

So gut wie heute lief das Geschäft noch nie, sagt John Morocco, dabei ist der 62-Jährige seit drei Jahrzehnten im Geschäft. In Somerset, tief im Westen Pennsylvanias, betreibt er eine Schweißerei. Seine Mitarbeiter rüsten hier, in einer hohen Werkshalle, Kipplaster auf, für den Einsatz im Kohlebergbau. Vor dem Betrieb parken Trucks, drinnen steht Morocco zwischen beißenden Rauchschwaden vom Schweißen und Regalen mit Werkzeug und Ersatzteilen. Er ist ein Kerl von fast zwei Metern, den bulligen Körper in eine Latzhose aus Jeans gesteckt, und sieht zufrieden aus. Er ist kein Mann vieler Worte, sondern klarer Ansagen: „Es läuft gut für uns“, sagt er, „seit der Wahl.“ Seit Präsident Donald Trump regiert. Das sieht in Somerset nicht nur Morocco so.

Kohle hat Gewicht in Trumps Politik. Sie hat seinen Wahlkampf befeuert. Nun heizt sie die Gemüter weiter an. Kehren sie zurück, die goldenen Zeiten für das schwarze Gestein? In Somerset und dem umliegenden Landkreis zeigt sich Amerika wie mit der Spitzhacke gespalten: die einen glauben an die Zukunft der Kohle, andere hoffen auf Alternativen.

Seit Morocco 1990 sein Unternehmen im Südwesten der Kreisstadt eröffnet hat, verfolgt er das Auf und Ab der Kohleindustrie. „Wir haben mehr zu tun als je zuvor“, sagt er. „Ich weiß nicht, wie lange es so gut bleibt, aber ich hoffe, es bleibt so.“

Somerset County, 75 000 Einwohner, Tor zum Mittleren Westen, dem amerikanischen Kernland. 75,9 Prozent haben für Trump gestimmt. Schon immer war der Rückhalt für die Republikaner hier groß.

Zweimal erlangte der kleine Landkreis große Aufmerksamkeit. Im Sommer 2002 waren neun Kumpel für 77 Stunden 70 Meter unter der Erde eingeschlossen, nachdem Wasser einen Schacht geflutet und zum Einsturz gebracht hatte. Die dramatische Rettungsaktion ist als das „Wunder von Quecreek“ bekannt. Dort, wo die Kumpel per Dahlduschbombe, einer Rettungskapsel, aus dem Untergrund stiegen, erinnert ein Denkmal an das gute Ende des Grubenunglücks.

John Morocco: „Es läuft gut für uns.“

Die Bronzefigur eines Bergarbeiters steht direkt an der Straße, die als Center Avenue oder Pennsylvania Route 601 in Somerset mit seinen schlichten Backsteinhäusern und US-Flaggen auf dem Bürgersteig beginnt und sich später aufgabelt in zwei Straßen, die sich wie Lebensadern durch das nördliche County ziehen. Entlang der Straßen haben die meisten Menschen eine klare Meinung zu Trump und der Kohleindustrie. Nicht alle sind solche starken Befürworter wie Morocco; manche leben in der Nachbarschaft und dennoch in einer anderen Welt.

An der Stadtausfahrt wirbt ein Bergbauunternehmen auf einer großen Tafel um neue Arbeiter. Die Straße führt zu einer neuen Mine, die Somerset County jüngst ein zweites Mal zu Aufmerksamkeit über die Landesgrenzen hinaus verhalf. Es ist die erste Kohlemine, die in Trumps Amtszeit eröffnete, am 8. Juni 2017. Der Präsident verkaufte das als Bestätigung seiner Politik. Nach „vielen vielen Jahren“ habe ein Bergwerk eröffnet, tönte Trump in einer Videobotschaft. „Die Kumpel in Pennsylvania werden wieder nach Kohle graben.“ Er werde kämpfen „für all die vergessenen Männer und Frauen“, sagte Trump. „Wir helfen Amerikas Kohle.“ Die Acosta-Mine sei ein Signal für „ein neues Kapitel in Amerikas langer, stolzer Tradition des Kohlebergbaus“. In Somerset stößt man mit solchen Versprechen so leicht auf Zustimmung wie auf Flöze im Boden.

„Somerset County“, sagt Doug Miller, „das sind Farmer, Bergarbeiter und Truckfahrer“. Miller, 66, kurzes graues Haar, müde Augen, ist Controller eines Transportunternehmens namens Barron Trucking. Auf halbem Weg zwischen der Acosta Mine und Somerset liegt das schmucklose Betriebsgelände, drei weiße Laster parken vor einer grauen Wellblechhalle. Die Laster transportieren Kohle; aus Bergwerken zur Kohlenwäsche. Miller sinkt in den Bürosessel, sitzt nun vor einer dunklen Holzwand mit Truck-Bildern: Motive von Wandkalendern aus den vergangenen Jahren. Nach alten Zeiten sehnte sich auch Miller lange. Denn mit den strengen Regeln, die die Obama-Regierung der Industrie auferlegt habe, „waren wir fast erledigt“, behauptet Miller. Obama wollte den den CO2-Ausstoß drastisch begrenzen. Dass Hillary Clinton im Wahlkampf verkündete, sie werde sich für Energiealternativen einsetzen, das Geschäft für Bergleute beenden, kam in der Gegend gar nicht gut an.

Hätte Trump die Vorschriften in der Industrie nicht gelockert, meint Miller, gäbe es Barron Trucking nicht mehr. „Natürlich“ hat Miller Trump gewählt. Und würde das jederzeit wieder tun. „Der Präsident versucht seine Leute zu schützen.“ Trump will den „war on coal“, den Krieg gegen die Kohle, beenden, den Vorgänger Barack Obama und die Demokraten angeblich angezettelt haben. „Der Krieg gegen Kohle vernichtet Jobs“, erklärte Trump im Wahlkampf, „macht uns in der Energie abhängiger von unseren Feinden und schafft einen großen Geschäftsnachteil.“

Wegen solcher Ansagen ist Trumps Rückhalt bei Leuten wie Doug Miller oder John Morocco unverrückbar wie die Berge der Appalachen. „Trump hat Wunderbares für die Kohleindustrie getan“, urteilt der Controller.

Carl Walker Metzgar findet ebenfalls, dass sich sein Land zu lange selbst behindert habe: Zu viele Auflagen beim Umweltschutz hätten den Wettbewerb erschwert. Der republikanische Bezirksvertreter sitzt an seinem Schreibtisch hinter Bergen von Papier und möchte keineswegs missverstanden werden. Niemand, erklärt der junge Politiker, wolle die Umwelt verschmutzen: „Wer hier lebt, ruiniert nicht seine Heimat.“ Unter der Erde ist Pennsylvania reich an Rohstoffen, darüber reich an Wäldern, Wiesen, Flüssen und Seen. Ein Paradies für Wanderer, Rad- oder Skifahrer.

Weltweit wollen 184 Staaten den Klimawandel bremsen, indem sie den Ausstoß von Kohlendioxid reduzieren. In Deutschland hat jüngst die letzte Steinkohlezeche geschlossen, der Ausstieg aus dem Kohlestrom ist im Gange. Trump möchte den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen. Wahlversprechen einlösen. America first.

Den Ausstieg befürwortet auch Transportunternehmer Miller. Er kann nicht nachvollziehen, wieso die USA strenge Vorschriften befolgen sollten, andere Länder aber nicht. So würden in China weiter Schadstoffe in die Luft geblasen und es gebe „keine magische Wand, die die Luftverschmutzung eindämmt“. Die USA schultere die Last für andere, warnt er. Und überhaupt, so Miller „hat niemand bewiesen, dass es die globale Erderwärmung wirklich gibt“.

Die Klimadebatte ist, wie auch Ermittlungen gegen Trump in der Russlandaffäre, umstrittene Personalentscheidungen, das alles ist weit weg ist für die meisten in Somerset. Ganz nah hingegen sind die Aushänge zur Personalsuche in Schaufenstern oder die Bauarbeiter, die endlich die alte Brücke an der Center Avenue, zwischen Starbucks und der Interstate 76, erneuern. Das zeigt Morocco, Miller oder Metzgar im Hinterland der USA, dass ihre Sorgen und Wünsche, plötzlich an erster Stelle stehen beim Präsidenten: Es geht voran. Um knapp drei Prozent ist die US-Wirtschaft im vergangenen Jahr gewachsen.

Doug Miller: „Wir waren fast erledigt.“

Miller gefällt, dass die „Leute leichter Jobs finden“. Die Zahl der Arbeitslosen in den USA ist niedrig wie seit einem halben Jahrhundert nicht. „Was ist falsch, das eigene Land wieder zurück in Arbeit zu bringen?“, fragt er und erwartet keine Antwort.

45 Fahrer beschäftigt Millers Betrieb, plus 25 Leiharbeiter. Weitere Mitarbeiter werden gesucht, noch einmal 25 könnten es sein, berichtet Miller. Endlich wachse das Geschäft wieder, „und es wird weiter wachsen“, lautet seine Prognose.

Trump habe der Region einen Schub versetzt, meint auch Morocco, der Schweißer. 20 Mitarbeiter hat Morocco im ersten Jahr unter Trump neu eingestellt, um ein Drittel ist der Betrieb gewachsen. „Wer jetzt arbeitslos ist, der will nicht arbeiten.“

Der Politiker Metzgar erwartet zusätzliche Arbeitsplätze und Umsätze. Die Eröffnung der Acosta-Mine sei eine „enorme Entwicklung“, findet er, „weitere Bergwerke werden öffnen.“ Jeder Job in einem Bergwerk, ziehe weitere Arbeitsplätze nach sich: zunächst bei nahen Branchen wie Kraftstofflieferanten, Maschinenherstellern, Zementproduzenten, in der Holzindustrie und bei Transportunternehmen. Dann folgten Geschäfte für Kleidung, Möbel, Supermärkte, Restaurants. Tatsächlich ist die Kohleförderung in Somerset und anderen Regionen gewinnbringend gestiegen. Sie stillt den wachsenden Bedarf von Stahlkonzernen in China und Indien. 15, 20 Jahre kann die neue Mine vielleicht arbeiten.

Aber Trump ist nicht dafür bekannt, die Wahrheit zutage zu fördern. Die Mine in Somerset wird nicht den von ihm beschworenen Boom herbeiführen. Was er verschwieg: Der neue Untertagebau ist keine Errungenschaft seiner Politik. Im Gegenteil: Die Mine war lange geplant, drei Monate vor der Präsidentenwahl hatte sie die letzten Genehmigungen erhalten. Außerdem fanden im ersten Jahr nur knapp 100 Arbeiter einen neuen Job, weniger als in anderen Bergwerken. Den Republikaner Metzgar bringt das nicht vom Glauben ab, dass Trump eine Tradition fortsetzen wird. „Seit 100 Jahren ist Somerset ein Kohle-Landkreis“, sagt der 37-Jährige und erwartet eine „Wende“ für die Industrie — „vielleicht sogar eine Renaissance“.

Die Begeisterung der Kohle grenzt bisweilen an religiöse Hingabe. Kein Wunder, hat die Industrie den Aufstieg der USA begleitet wie kaum eine andere. Deshalb ist Trump nun eine Art Erlöser. Immer wieder klingt großer Stolz in den Schilderungen der Menschen mit. In fast jeder Familie, das erzählen die Leute gerne, gibt es Bergarbeiter oder wenigstens Arbeiter in einem benachbarten Industriezweig. Ein Kumpel verdient schnell 100 000 Dollar und mehr im Jahr, kaum ein anderer Job sorgt für einen solch komfortablen Unterhalt. Ein Gehalt, dreimal höher als der Durchschnitt — entsprechend beliebt sind die Arbeitsplätze. Kohle ist hier mehr als nur ein Job. Sie ist der Lebensstil, seit Generationen.

Der Bergbau begann im sogenannten Rust Belt, dem Rostgürtel, der Heimat der amerikanischen Schwerindustrie, im 18. Jahrhundert. Die Hochöfen in Pittsburgh verschlangen bald jeden Tag hunderte Tonnen Steinkohle aus den Appalachen. Der rasante Ausbau der Eisenbahn führte zu einem Boom in der Region.

Lange schlug hier das schwarze Herz Amerikas. Aber es ist schwach geworden. Der Niedergang des Kohlebergbaus begann vor Jahrzehnten, als die Schwerindustrie in billigere Länder abwanderte. Auch Kohleverbrennung zu Strom- und Energieproduktion verlor an Bedeutung. Um 20 Prozent ist der Anteil von Ökostrom in den USA im vergangenen Jahr gewachsen.

Die Folgen für die glorreiche Industrie sind überall in der Gegend zu besichtigen: Verlassene Häuser, verrammelte Geschäfte, Eisenbahnschienen ins Nichts, weil auf ihnen keine Kohlewaggons mehr fahren. Rostende Industrieruinen. Trump will der alten Industrie neues Leben einhauchen. Aber gelingt das?

Zwölf Meilen nördlich von Somerset, immer geradeaus über abgenutzten Straßenbelag, steht das Restaurant von John und Betty Rhoads. Der dreigeschossige Backsteinbau mit Spitzdach gegenüber der Tankstelle, gleich hinter der zentralen Kreuzung, der einzig größeren im Örtchen Jennerstown mit nicht einmal 700 Einwohnern, ist nicht zu übersehen. Vor dem Parkplatz, steht eine alte Lore, darauf wirbt eine digitale Anzeigetafel für die Gaststätte und Pension „Coal Miner’s Café“. Den Namen dachte sich das Ehepaar vor 38 Jahren aus. Drinnen dunkle Möbel auf braunem Teppich, Pickel und Helme an den Wänden. Auf der Speisekarte: Burger mit Pommes, Omelette und Bacon — schlichte Küche für robuste Kundschaft. Es riecht nach frisch aufgebrühtem Kaffee.

John und Betty Rhoads vor ihrem Café.

John und Betty Rhoads, 72 und 70 Jahre alt, stammen beide aus Familien mit Bergbautradition. Vier Jahre schuftete John Rhoads selbst im Schacht, 1977 bis 1981 war das. Ein „elender“ Job, erinnert er sich. Durch einen 66 Zentimeter hohen Stollen sei er gekrochen, niedriger als ein Tisch. Wenn er durstig war, musste er im Liegen trinken — durch einen Strohhalm. Bald war ihm das zu anstrengend. Seither bewirtet er lieber Kumpel, als selbst einer zu sein.

Arbeiter kommen ins Restaurant, bestellen Sandwiches und füllen die Thermoskannen auf, bevor es zur Arbeit geht. Über die Jahre sind es weniger Männer geworden. Etwas verloren sitzen die wenigen Gäste im hallengroßen Speisesaal. Das liegt aber nicht allein an Angebot und Nachfrage an Kohle, nicht nur daran, ob neue Bergwerke öffnen oder alte schließen. Der technologische Fortschritt, die Automatisierung im Bergwerk, spielt ebenso eine Rolle. Ihr Vater sei noch mit Pickel und Schaufel in den Stollen gestiegen, erzählt Betty Rhoads. Für den Transport der Kohle gab es Esel. Heute lassen sich durch moderne Maschinen Jobs einsparen.

In den fünf Jahren vor Trumps Wahlsieg verschwanden 30 000 Kohlejobs in den USA. 1997 förderten die Nation 73 Millionen Tonnen Kohle. 2016 waren es 45 Millionen, der niedrigste Stand in knapp 30 Jahren. Anfangs, als sie von der Inbetriebnahme der neuen Mine hörten, hatten auch die Rhoads hohe Erwartungen. Aber es änderte sich nichts, sagen sie. „Die Menschen haben Hoffnungen“, sagt Betty Rhodes — „die sollen sie haben.“ 

 Noch etwas ist ihr in letzter Zeit aufgefallen. Nie habe Politik eine große Rolle unter den Kumpeln, gespielt. „Die Arbeiter hat nicht interessiert, wer Präsident, ist.“ Republikaner, Demokraten — Rhoads wusste nie, „welche politische Meinung die Leute haben. Ich kenne die mein ganzes Leben, es ging nie so tief in die Politik wie jetzt.“ Ihr bereitet das Sorgen. „Die Leute radikalisieren sich.“ Sie hält sich raus bei politischen Diskussionen, denn: „Wenn du die Leute verärgerst, verlierst du Kunden.“

Raushalten, das ist nichts für Familie Picklo. Das Politische betrifft sie privat. Mary Jo und Michael Picklo hatten sich ihren Ruhestand anders vorgestellt. Doch nun verändert die Mine ihr Leben. Das Haus der Picklos steht so nahe am Bergwerk wie kein zweites. Von der Veranda blickt das Ehepaar direkt in den Schlund der Mine. Und das Tor zur Unterwelt ist rund um die Uhr geöffnet.

Die Veranda war bis vor Kurzem noch ein gemütlicher Ort: Blick auf sanfte Hügel, Wald und Wiesen vor der Tür. Jetzt klafft quasi in ihrem Vorhof ein dunkles Loch. Über die Straße hören sie Baggerschaufeln kratzen, wenn sie Kohle auf die Trucks hieven. Sie hören Grubenlüfter rauschen, Maschinen brummen. Fiepende Warnsignale sind zur Begleitmusik des Alltags geworden. Sie ertönt wie aus einem Radio ohne Regler: abschalten unmöglich. „Wir können die Türen nicht aufmachen, wegen des Lärms, hören den Fernseher nicht, und wir haben Klimaanlagen in allen Räumen, weil wir die Fenster nicht aufmachen können“, beschwert sich Mary Jo Picklo über den neuen Alltag. An manchen Tagen komme es zu Stromausfällen.

Schlaflos: Mary Jo und Michael Picklo.

„2003 sind wir hierhergezogen, aus der nahen Stadt Johnstown, weil wir auf dem Land leben wollten“, sagt Michael Picklo. „Das ist nicht die Definition von einem Leben auf dem Land“, beendet seine Frau den Satz. – Die Veranda haben die beiden mit Plexiglas geschützt, ohne, dass dies viel helfen könnte. Mary Jo wischt schwarzen Staub vom Geländer. Sobald es dunkel wird, zerschneiden Scheinwerfer die Nacht, leuchten die Veranda aus wie eine Bühne. Mary Jo hat schwere Vorhänge vor die Fenster gehängt, aber fühlt sich dennoch „wie an einem Flughafen“. Am Morgen, gegen vier oder halb fünf, reißt das Knattern und Quietschen der tonnenschweren Trucks die Eheleute aus dem Schlaf. Nur selten schließe die Mine an einem Samstagabend und bleibe bis Sonntag zu, haben sie bemerkt. Ruhe ist selbst dann nicht garantiert. Einmal sei an einem betriebsfreien Morgen die Alarmanlage angesprungen – erst die nächste Schicht am Abend stellte das Warnsignal ab. „Die Arbeiter setzten sich ins Auto, stellen sich unter die Dusche und setzen sich zum Barbecue in den Garten“, klagt Mary Jo. „Wir leben hier wie in einem Gefängnis.“

Die Picklos machen kein Geheimnis daraus, dass sie zur hiesigen Minderheit zählen, die nicht für Trump stimmte. Sie „schämen“ sich für die Wahl, sie halten Trump für „ignorant“ und überlegten sogar kurz, nach Kanada auszuwandern.

Doch was geschieht mit dem Haus, ihrem Eigentum? „Niemand kauft ein Haus mit einer Mine davor“, sagt Mary Jo frustriert. Ein Firmenvertreter habe vor der Eröffnung zwar angeboten, dass gekauft werden könne, doch hätten sie nie wieder von ihm gehört. Die Firma hat stattdessen zwölf kleine Tannen vor die Zufahrt der Picklos gepflanzt. Bis sie die Sicht versperren, werden jedoch Jahre vergehen. Auch auf Anfragen der Frankfurter Rundschau reagiert das Unternehmen nicht.

Mary Jo Picklo, 63, arbeitete 40 Jahre als Lehrerin an einer High School. Zwei Jahre früher als geplant ging sie in Rente. „Ich war ein Wrack“, erzählt sie. „Ich kann nicht am Morgen Schüler unterrichten, wenn ich die Nacht davor nicht schlafen kann.“ Michael Picklo, 64, hat früher selbst von der Kohleindustrie gelebt, er hat Trucks für den Transport montiert. Er kennt das Auf und Ab der Branche. Gerade mag es ein wenig aufwärts gehen, sagt er, doch werde der Aufschwung nicht ewig anhalten. „Einige Jobs kommen zurück, aber ich will sehen, wie es in ein paar Jahren sein wird. Dann sehen wir, ob die Jobs noch immer hier sind.“ Seine Worte klingen identisch mit denen vieler Fachleute: Das Geschäft mag sich erholt haben, vom tiefsten Tal im Jahr 2016 ausgehend. Auch wenn es nun aufwärts geht, sind die besten Zeiten längst Vergangenheit.

Anstatt der Mine würden die Picklos gerne mehr Windräder sehen. Wieso so viele in der Region skeptisch sind, verstehen sie nicht. Andere Länder seien progressiv, wenn es um Umweltschutz geht, sagt das Ehepaar, „wir bewegen uns rückwärts“. Doch es gibt Hoffnung: Knapp 200 Windräder drehen sich bereits in Somerset.

Transparenzhinweis: Die Recherche wurde ermöglicht durch das „Transatlantic Media Fellowship“ der Heinrich-Böll-Stiftung.

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