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THW-Landeschef: „Das Ausmaß der Zerstörung war enorm“

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Von: Pitt v. Bebenburg

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„Von 4200 Gebäuden entlang der Ahr sind geschätzt mehr als 3000 beschädigt worden“, berichtet THW-Landeschef Marcus Hantsche. Foto: Imago images.
„Von 4200 Gebäuden entlang der Ahr sind geschätzt mehr als 3000 beschädigt worden“, berichtet THW-Landeschef Marcus Hantsche. Foto: Imago images. © imago images/Future Image

Marcus Hantsche, Landeschef des Technischen Hilfswerks, über den Großeinsatz im Ahrtal und die Lehren daraus – wie stellen sich Katastrophenschützer auf den Klimawandel ein?

Die Flut im Sommer 2021 hat das Technische Hilfswerk (THW) enorm gefordert. Marcus Hantsche, der THW-Landesbeauftragte für Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland, berichtet über den Kampf gegen die Wassermassen und den fortlaufenden Einsatz. Der gebürtige Frankfurter ist Jurist. Vor seiner Tätigkeit beim THW war er unter anderem als Justitiar am Frankfurter Uniklinikum, als Syndikus bei der Mainzer Universitätsmedizin und als Landesgeschäftsführer des Sozialverbands VdK Hessen-Thüringen tätig.

Herr Hantsche, wie konnte das THW im Ahrtal helfen?

Helferinnen und Helfer des THW haben unverzüglich geholfen und von Tag eins an mit allen Mitteln gegen die Wassermassen gekämpft. Bergungsgruppen haben Menschen aus ihren Wohnungen gerettet, Fachkräfte die Trinkwasserversorgung gesichert, THW-Kräfte Häuser mit Spezialgerät stabilisiert. Bereits in der ersten Woche waren über 3600 THW-Kräfte aus dem gesamten Bundesgebiet im Einsatz gegen das Hochwasser.

Wie ging es weiter?

Nach der akuten Notlage haben die Einsatzkräfte Straßen geräumt und Schäden an Gebäuden begutachtet. Gemeinsam mit den Anwohnerinnen und Anwohnern haben sie gegen den Schlamm gekämpft und unzählige Keller ausgepumpt. Andere Kräfte haben die örtlichen Stromversorger unterstützt, die Orte wieder ans Stromnetz anzuschließen. Um Ortschaften miteinander zu verbinden, haben Einsatzkräfte Ende Juli 2021 die erste Behelfsbrücke eröffnet. Bei alldem haben wir von Anfang an Hand in Hand mit anderen Rettungs- und Hilfsorganisationen gearbeitet, etwa mit der Feuerwehr oder dem Deutschen Roten Kreuz.

Was war die größte Herausforderung?

Das Ausmaß der Zerstörung war enorm. Von den rund 56 000 Menschen im Landkreis Ahrweiler sind rund 42 000 direkt betroffen. Davon haben mindestens 17 000 unmittelbar Hab und Gut verloren oder stehen vor erheblichen Schäden. Von 4200 Gebäuden entlang der Ahr sind geschätzt mehr als 3000 beschädigt worden. Fast 500 Gebäude wurden völlig zerstört. Mehr als 80 Brücken wurden an der Ahr in Mitleidenschaft gezogen. Zudem waren viele Einsatzkräfte selbst von der Schadenslage betroffen und waren somit gleich doppelt belastet. Der Einsatz nach der Flutkatastrophe war außerdem auch ein Umwelt-Einsatz. Das Wasser hatte in vielen Häusern die Heizungsanlagen zerstört, so dass das Öl an vielen Stellen austrat und drohte, die Umwelt zu belasten.

Wo wird die Hilfe des THW bis heute gebraucht?

THW-Kräfte warten regelmäßig die bereits errichteten Brücken. Es sind zudem noch weitere Brücken in Planung. Die mobilen Hochwasserpegel werden weiterhin einmal in der Woche kontrolliert. Mit einem vom THW entwickelten Messsystem können die Landesämter die aktuellen Pegelstände abrufen. Eine Warnung vor steigenden Pegelständen bei stärkeren Regenfällen ist also jederzeit gewährleistet. Ferner sind Helferinnen und Helfer aus den nahegelegenen Ortsverbänden Ansprechpartner bei Transportfahrten und anderen logistischen Aufgaben.

Was sollte beim nächsten Unglück dieser Art besser laufen?

Die Selbstauswertung des Großeinsatzes ist noch nicht vollständig abgeschlossen. Allerdings gibt es bereits jetzt ein paar Punkte, die genauer betrachtet und im Anschluss angepasst werden müssen. So kann sich das THW als Katastrophenschutzorganisation stetig weiterentwickeln, um noch besser auf kommende Großeinsätze vorbereitet zu sein. Da sich im Starkregen-Einsatz gezeigt hat, dass geländegängige Fahrzeuge die Arbeit der Einsatzkräfte in vielen Situationen erleichtern, ist im Bundeshaushalt für das Jahr 2022 die Beschaffung von 66 geländegängigen Einsatzfahrzeugen für das THW vorgesehen. Somit wird zukünftig jeder Regionalstellenbereich über mindestens ein geländegängiges Fahrzeug verfügen.

Wo müssen im Katastrophenschutz künftig Prioritäten gesetzt werden?

Aufgrund des Klimawandels sagen Fachleute voraus, dass Extremwetterereignisse wie Starkregen und Hochwasser häufiger auftreten könnten. Schon in den vergangenen Jahren gab es vermehrt Einsätze, die in Zusammenhang mit dem Klimawandel zu sehen sind. Die Auswirkungen des Klimawandels und die Klimafolgen sind auch ein wichtiges Thema innerhalb der Bundesanstalt THW. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, einen substantiellen Beitrag zur Minderung der Klimafolgen zu leisten und bis 2030 als Bundesbehörde klimaneutral zu sein.

Interview: Pitt von Bebenburg

Marcus Hantsche. Foto: THW.
Marcus Hantsche. Foto: THW. © Michael Walsdorf

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