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Bürgermeister greift Journalisten an: Finstere Zeiten im Thüringer Wald

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Von: Silvia Bielert

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Das Rathaus der rund 6000-Einwohner-Stadt.
Das Rathaus der rund 6000-Einwohner-Stadt Bad Lobenstein. © Silvia Bielert

Die Entgleisung des Bürgermeisters steht symptomatisch für einen beunruhigenden Wandel. Silvia Bielert hat sich in ihrer alten Heimat umgeschaut.

Bad Lobenstein – Nach dreieinhalb Stunden Fahrt weicht die Anspannung. Endlich runter von der Autobahn. Gleich erreiche ich den geliebten Wald. Die scharfen Kurven der B90 zwischen dicht stehenden Kiefern und Fichten kenne ich auswendig. Am Ortseingang bremse ich ab. Bad Lobenstein, Ortsteil Saaldorf. Thüringer Schiefergebirge. Mein Blick fällt auf das Wasser des Saale-Stausees. Heimat.

Die Saale entspringt nicht weit von hier, jenseits der thüringischen Landesgrenze in Oberfranken. Vattenfall erzeugt wenige Kilometer flussabwärts an der Talsperre 80 Megawatt Leistung durch Wasserkraft. Doch hier ist der Saale ihre Naturgewalt nicht anzusehen. Das dunkelbraune, fast schwarze Wasser liegt ruhig, gespickt von einzelnen Farbtupfern: Ruder- und Paddelboote. Am Ufer steigen wuchtige Felsen senkrecht in die Höhe. Ein paar Kilometer nördlich beginnt der Rennsteig, der an Bad Lobenstein vorbei nach Westen in Richtung Oberhof verläuft.

So sieht sie aus, die Heimat. Sie riecht nach Wald, Märchenwald.

Deutschlandkarte auf der Bad Lobenstein verortet wird.
Bad Lobenstein: tief im Thüringer Wald. © FR

Bad Lobenstein in Thüringen: Das Gezeter der Menschen über „die da oben“

Doch wie im Märchen geschieht etwas in diesem Wald. Seit ein paar Jahren sorgen Dürren für braune Flecken im satten Grün, heftige Stürme reißen Löcher hinein, bis der sandige Boden der Sonne schutzlos ausgeliefert ist. Und zugleich verändern sich die Menschen in meiner Heimat. Auf meine Vorfreude legt sich seit ein paar Jahren ein dunkles Gefühl, wie ein Schleier.

Ein AfD-Bierdeckel, der wie selbstverständlich auf dem Gartentisch von Bekannten liegt. Ein Nachbar, der ein selbstgemaltes Bild an den Gartenzaun hängt: Putin und Baerbock mit Teufelshörnern. Angeblich beide Kriegstreiber. Dann die, die sich, auf der Parkbank sitzend, über „Frauen mit Kopftüchern“ und deren Kinder auslassen, die sich am Ententeich in einer anderen Sprache unterhalten. Und auf dem Supermarktparkplatz, in der Therme, im Park – permanent höre ich das Gezeter der Menschen über „die da oben“ und „die Sozialschmarotzer“ da unten, über „Systemmedien“ und darüber, dass man sich von diesem Staat nichts vorschreiben lasse. Die DDR sei schließlich vorbei.

Permanent höre ich das Gezeter der Menschen über „die da oben“ und „die Sozialschmarotzer“ da unten, über „Systemmedien“ und darüber, dass man sich von diesem Staat nichts vorschreiben lasse.

Silvia Bielert, Autorin

Das ist nicht nur meine Beobachtung, auch Freunde erleben das so. Simone und Ingo zum Beispiel. Vor sechs Jahren sind sie in die Heimat zurückgekehrt, der Großeltern wegen und weil es jetzt hier auch Arbeit für gut ausgebildete Menschen wie sie gibt. „Ständig servieren uns andere ihre Meinung ungefragt“, erzählen die beiden. Sie hören rassistische Bemerkungen oder dass „alles nur von oben“ gesteuert und manipuliert werde – auch die Presse. Der Respekt Minderheiten gegenüber lasse zu wünschen übrig. Klimawandel? Das ist doch alles nur Panikmache! „Du wirst im Gespräch kalt erwischt“, beschreibt Simone ihr alltägliches Dilemma. „Wenn ich widerspreche, weil ich eine andere Meinung habe, werde ich beschimpft.“ Dann falle absurderweise der Begriff „Meinungsdiktatur“. Haltung zu wahren, Werte wie Toleranz und Offenheit zu leben, ist für meine Freundin und ihren Mann täglicher Hochleistungssport. Mittlerweile denken sie ernsthaft darüber nach zu gehen.

Im August gab es einen Vorfall, in dem sich all das verdichtete. Bad Lobensteins Bürgermeister Thomas Weigelt (parteilos) greift auf dem Marktfest den Lokaljournalisten Peter Hagen an. Hagen arbeitet für die Ostthüringer Zeitung (OTZ). Der Angriff – das ist auf dem Video zu sehen, das Hagen währenddessen filmt – soll dazu dienen, die Aufnahmen des Journalisten im öffentlichen Raum zu unterbinden, während einer öffentlichen Veranstaltung. Der Bürgermeister steht mit dem AfD-Landtagsabgeordneten Uwe Thrum und einem bekannten „Reichsbürger“ aus dem regionalen Adelsgeschlecht der Reußen zusammen.

Bürgermeister Thomas Weigelt (links) wird beim Angriff auf den Journalisten Peter Hagen von diesem gefilmt. Funke Medien Thüringen
Bürgermeister Thomas Weigelt (links) wird beim Angriff auf den Journalisten Peter Hagen von diesem gefilmt. © Funke Medien Thüringen

Bad Lobenstein im Thüringer Wald: Bürgermeister greift Journalisten an

Hagen fällt hin und wird verletzt, ist nach dem Angriff wochenlang krankgeschrieben. Viele Menschen schicken solidarische Nachrichten und verurteilen die Attacke in Kommentaren. Andere hingegen klatschen dem Bürgermeister Beifall. Der Journalist habe es nicht anders verdient. Der Rest ist Hass.

Einer, der mitklatscht, ist der Betreiber der Online-Plattform HalloOberland.de, André Hopfe. Für viele Menschen im Saale-Orla-Kreis (SOK) ist die Webseite eine Alternative zu den sogenannten Mainstream-Medien. Auf der Plattform finden sich Polizeimeldungen und Veranstaltungstipps. Und alles, was „die Leser“ schicken. Dazu gehören AfD-Mann Thrum sowie einige Kommunal- und Kreistagspolitiker:innen, darunter Corona-Spaziergänger:innen, die ihre politischen Statements ohne Einordnung veröffentlichen können. Auch der „Bürgertisch Bad Lobenstein und Umgebung“ findet hier seine Leserschaft. Die Gruppe soll aus den Corona-Demonstrationen hervorgegangen sein. Sie wird von örtlichen Unternehmern und einem Lehrer angeführt, lädt Bürger:innen zu „Informationsveranstaltungen“ über Corona-Maßnahmen, Impfpflicht, den vermeintlich drohenden großen Blackout ein. Lehrer Axel Hirmer fungiert als Pressesprecher, möchte mit der Presse aber nicht reden.

Der „Bürgertisch“ steht stramm auf der Seite des Bürgermeisters, Referent:innen zeichnen sich nicht unbedingt durch echte Fachkompetenz aus. Zum Thema Impfen etwa war der Radiologe Gerd Reuther eingeladen – einst ein angesehener Medizin-Kritiker, der nun unsinnige Thesen zur Covid-19-Pandemie und zu Viren im Allgemeinen verbreitet. Zitat: „Es gibt keine Pandemie und keine biologische Bedrohung, sondern nur die Gefahr einer Diktatur im Namen des Profits.“

Stadtpolitik

Peter Oppel (SPD) wird nach der Wende in Bad Lobenstein drei Mal zum Bürgermeister gewählt: 1994, 2000 und 2006, kein Gegenkandidat von der Lobensteiner Bürgerliste (LBL) oder der FWG kann ihm den Sieg streitig machen. Und das, obwohl ihm viele Bürger:innen zunehmend Alleingänge und politische wie wirtschaftliche Stagnation vorwerfen. Politikverdrossenheit machte sich breit.

Dann kommt Thomas Weigelt (parteilos, ehemals CDU). 2012 unterliegt er Peter Oppel in der Bürgermeisterwahl (Wahlbeteiligung 59 Prozent) zwar mit 29,1 Prozent der Stimmen, macht dann aber in der Stichwahl (Wahlbeteiligung 56 Prozent) das Rennen mit 52,2 Prozent.

2018 wird Weigelt wiedergewählt. Er siegt mit 68,2 Prozent der Stimmen vor seinem Mitkandidaten von der Lobensteiner Bürgerliste. Die Wahlbeteiligung liegt nur noch bei 51 Prozent.

Im Bad Lobensteiner Stadtrat sitzen seit der Kommunalwahl im Mai 2019 (Wahlbeteiligung 54 Prozent): Die Linke (20,7 Prozent), CDU (11,1), FDP (10,3 ), Lobensteiner Bürgerliste (LBL, 30,9), AUF! – Aktiv, Unabhängig, Fair (17,4), Bürger für Bad Lobenstein (BfL, 12). bil

HalloOberland-Betreiber und Montagsspaziergänger Hopfe ist wenig auskunftsfreudig gegenüber der FR. In den Texten, die unter dem Autorennamen „Redaktion“ erscheinen, finden sich vor allem unbelegte Spekulationen, ergänzt durch Videos, auch vom einst als rechten Verschwörungserzähler bekannten Martin Lejeune. Mittlerweile distanziert er sich von der Szene.

Der Journalist Peter Hagen, der seit vielen Jahren auch über „Reichsbürger“, die AfD und Verfehlungen des Bürgermeisters kritisch berichtet, wird mit Häme überzogen und „zu einer treibenden Kraft hinter dem Amtsenthebungsverfahren gegen den Bürgermeister“ gemacht, das wenige Wochen vor dem Angriff auf ihn gescheitert war. Trotz mehrerer Nachfragen will Hopfe nicht begründen, wie sein Medium zu solchen Aussagen kommt. „Unsere Leser aus der Region wissen großteils, dass wir keine Qualitäts-Journalisten sind und das Ganze nebenbei machen“, schreibt er der FR. So einfach ist das.

Bad Lobenstein in Thüringen: Weigelts Anwalt hat auch Markus H. im Lübcke-Prozess vertreten

Hagen erhielt bereits „ein anonymes Drohschreiben in den privaten Briefkasten“, wie die OTZ auf Anfrage mitteilt. Zudem gebe es „Beleidigungen und Bedrohungen (gegen ihn) in sozialen Netzwerken“.

Auch Bürgermeister Weigelt ist für die FR trotz mehrmaliger Anfragen nicht zu sprechen. Und der Anwalt, der ihn vertreten soll, reagiert nicht. Laut übereinstimmenden Medienberichten ist dies Björn Clemens aus Düsseldorf – Mitglied der Partei Die Republikaner und Rechtsbeistand des Mitangeklagten Markus H. im Lübcke-Prozess. In seiner Freizeit schreibt Clemens „Justizromane“ über „jugendliche Intensivtäter mit Migrationshintergrund“.

Die Feinde der Demokratie geben sich heute als vermeintlich kritische Bürger aus. Sie schlagen nicht gleich zu, sie graben erstmal Löcher ins Fundament. Unterminieren mit  falschen Behauptungen das Vertrauen vieler Menschen in Staat, Presse, Gesellschaft.

Silvia Bielert, Autorin

Am Tag nach dem Angriff auf Hagen soll eine Frau, die zur Bundestagswahl 2021 für die Querdenker-Partei Die Basis antrat, für Bürgermeister Weigelt eine Pressemitteilung mit seiner Sicht auf das Geschehene geschrieben haben. Hagens Kollegen der OTZ haben das aufgedeckt. Der OTZ sagt Weigelt, er werde nicht zurücktreten, er habe den Journalisten nicht angefasst, dieser sei durch einen „blöden Umstand“ selbst gestürzt. Und: „70 Prozent der Lobensteiner sind bei mir“, behauptet er.

Auch im Deutschlandfunk verbreitet Weigelt das Narrativ, er sei das Opfer. Er habe sich bedroht gefühlt, der Journalist habe „einen regelrechten Feldzug gegen mich gestartet, hat mich in unzähligen Artikeln niedergeschrieben“. Dass es die Aufgabe der Presse ist, kritisch nachzufragen und Missstände aufzudecken, lässt er unter den Tisch fallen.

Nach dem Angriff entlässt die Rechtsaufsicht des Landkreises Weigelt „vorläufig aus dem Dienst“. Aufgrund der Fülle an Verfehlungen nimmt die Behörde kein „Augenblicksversagen oder versehentliches Fehlverhalten“ mehr an. Neben der körperlichen Attacke stehen unter anderem „Diffamierung von Verfassungsorganen“ und „finanzielle Schädigung der Stadt Bad Lobenstein“ im Raum. Im Fall einer Disziplinarklage müsste das Verwaltungsgericht Meiningen über Schuld oder Unschuld Weigelts entscheiden.

Die Liste der Verfehlungen ist lang – auch die Berührungspunkte mit „Reichsbürgern“ und anderen reaktionären Kräften gehören dazu. Im Jahr 2017 etwa soll Weigelt „Reichsbürgern“ ein ehemaliges Gemeindeamt für eine Veranstaltung überlassen haben. Dort wurde Interessierten erklärt, warum der Ortsteil Unterlemnitz aufgrund seiner Grenzen von 1914 staatenloser Grund und Boden sei. Weigelt verharmloste die Veranstalter als „Kasperköpfe“, als Peter Hagen nachfragte.

Der trockene Wald im Thüringer Schiefergebirge ist eine Problemzone – die Demokratie auch. Imago Images
Der trockene Wald im Thüringer Schiefergebirge ist eine Problemzone – die Demokratie auch. © Andreas Vitting/Imago

Bad Lobenstein im Thüringer Wald: Auch mehr als 30 Jahre nach der Wende maximal ein Geheimtipp

Spätestens mit der Corona-Pandemie kommt Weigelt richtig in Fahrt. Im Jahr 2021 solidarisiert er sich immer wieder mit Querdenker:innen, Corona-Leugner:innen, Impfgegner:innen. Kurz vor Weihnachten, nachdem die Polizei zum x-ten Mal versucht hatte, bei einem nicht angemeldeten Corona-Spaziergang Hygieneregeln durchzusetzen, wettert Weigelt über eine „Einkesselung der Spaziergänger durch die Polizei“. Er gibt Lejeune ein Interview und sagt: „Momentan bewegen (wir) uns in Deutschland in schwer diktatorischen Bereichen, die mir als Bürgermeister insgesamt auch Sorge bereiten.“ Er behauptet, das Grundgesetz sei außer Kraft gesetzt.

Weggefährt:innen und politisch interessierten Bürger:innen fällt der Bürgermeister immer wieder negativ auf. Sein eigenes Verhalten soll – zumindest in Teilen – dem eines Diktators nicht unähnlich sein. Zeug:innen berichten von emotionalen Überreaktionen, davon, dass Weigelt Fragen, selbst von Stadträt:innen, als Provokation auffasst, statt sie zu beantworten oder an die Verwaltung weiterzugeben. Seine Ehefrau holt Weigelt erst ins Rathaus und später organisatorisch in seinen Zuständigkeitsbereich. Für die Stelle, sagt Weigelt der OTZ, sei sie nun einmal „geeignet“ gewesen.

Systematisch verschießt der Parteilose das Vertrauen, das viele Bürger:innen bei seinem Amtsantritt 2012 in ihn gesetzt hatten. Bad Lobensteiner schwärmen noch heute von der Aufbruchstimmung. „Plötzlich ging vieles voran, was davor lang liegen blieb“, erzählt der Stadtratsvorsitzende Frank Weidermann. Dessen Wählergemeinschaft AUF (Aktiv, unabhängig, fair) hatte sich 2014 gegründet, um den damaligen Pragmatiker Weigelt im Rathaus zu unterstützen.

Erst im vergangenen April fasste Peter Hagen Weigelts Verdienste in einem Kommentar zusammen: „Die erste Wahlperiode von Thomas Weigelt als Bürgermeister hat Bad Lobenstein ganz gut getan. Abriss des alten Moorbad-Sanatoriums, Neubau des Busbahnhofes, Umstellung der kompletten Straßenbeleuchtung auf LED, ... Radwegbau ... – es waren wichtige Schritte bei der Kurortentwicklung.“ Die „Hemdsärmeligkeit“ des neuen Stadtoberhauptes sei „mit dem Nachweis eingelöster Wahlversprechen entschuldbar“ gewesen.

Für den Stadtrat wird die Zusammenarbeit mit Weigelt im Laufe der Zeit jedoch immer schwieriger. Keine gute Grundlage, um die vielen Probleme im ländlichen Raum zu lösen. Der Tourismus muss dringend weiterentwickelt, das Radwegenetz ausgebaut werden. Auch mehr als 30 Jahre nach der Wende ist der östliche Thüringer Wald als Urlaubsziel maximal ein Geheimtipp. Es gibt zu wenige Betten, die Wanderwege sind schlecht ausgeschildert. Eine Bahnverbindung über die Landesgrenze gibt es immer noch nicht. Wer in Bayern arbeitet, muss das Auto nehmen.

Wahlergebnisse

Bei der Bundestagswahl 1990, ein Jahr nach dem Mauerfall, gehen im Wahlkreis 305, zu dem damals neben Lobenstein auch die Bezirke Saalfeld, Pößneck, Schleiz und Zeulenroda gehören, 2329 Zweitstimmen an die rechten Parteien NPD und Republikaner (REP).

2013, 24 Jahre nach dem Mauerfall, erhalten AfD und NPD im Wahlkreis 196, zu dem der Saale-Orla-Kreis (SOK) damals mit Saalfeld-Rudolstadt und Sonneberg gehört, zusammen rund 15.100 Zweitstimmen. Davon entfallen knapp 3000 Stimmen auf die AfD.

2017 bekommt die AfD rund 44.400 Stimmen.

Bei der Bundestagswahl 2021 gewinnt der AfD-Politiker Michael Kaufmann mit etwas mehr als 48.000 Erststimmen (29,3 Prozent) den Wahlkreis 195, zu dem neben dem SOK auch der Saale-Holzland-Kreis und der Kreis Saalfeld-Rudolstadt gehören. Die AfD erhält 28,2 Prozent der Zweitstimmen; das heißt, von rund 218.500 Wahlberechtigten haben etwas mehr als knapp 46.400 für die AfD gestimmt. Die Wahlbeteiligung liegt bei knapp 76 Prozent. bil

Die Haushaltslage ist angespannt, der Kurbadstatus und der Status als Mittelzentrum gefährdet, die Ardesia-Therme ein Zuschussgeschäft. Es fehlt an Kinder- und Fachärzt:innen. „Wir wollten hier alt werden, aber wie soll das werden?“, fragt meine Freundin Simone. „Und wer soll freiwillig hierherziehen?“

Tatsächlich schrumpft die Einwohner:innenzahl Bad Lobensteins seit Jahren. 1997 lebten in der Kleinstadt 7455 Menschen, 2021 sind es nur noch 5745. Laut einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung verdienten im Saale-Orla-Kreis bis 30. September 40 Prozent der Beschäftigten weniger als zwölf Euro die Stunde. Er steht damit deutschlandweit an dritter Stelle bei den Geringstverdienenden. Ob der Anstieg auf zwölf Euro Mindestlohn den Menschen bei rasant steigenden Preisen weiterhilft? Sprit, Lebensmittel, Dienstleistungen sind hier so teuer wie überall.

Bad Lobenstein in Thüringen: Der Bürgermeister stilisiert sich im Stadtrat zum Opfer

„Ich glaube, das erklärt auch, warum hier so viele unzufrieden sind und leider auch AfD wählen“, sagt meine Freundin Annett und schließt an, dass viele knapp über der Einkommensgrenze liegen und anders als Empfänger:innen von Sozialleistungen keinen Anspruch auf Wohngeld oder Zuschuss zur Mittagsverpflegung für ihre Kinder haben. „Mit Sozialneid nach unten“, wirft meine Freundin Kristin ein, „ist auch keinem geholfen“.

Beide haben recht, finde ich. Die AfD holte im Kreis bei der letzten Bundestagswahl 29,3 Prozent der Stimmen und das Direktmandat. Doch die AfD-Abgeordneten selbst gehören, schaut man auf ihre Doktortitel und überwiegend akademischen Berufe, wohl nicht zur Unterschicht.

Zum Showdown zwischen Stadtrat und Bürgermeister kommt es im vergangenen Mai. Der Stadtrat stimmt für ein Abwahlverfahren. Es ist die wohl schwierigste und am besten besuchte Sitzung seiner Geschichte. Laut Besucher:innen sind vor allem auswärtige Gäste vor Ort, darunter ein Vertreter der rechten Partei „Bürger für Thüringen“. Auf dem Parkplatz stehen Autos mit BRD-GmbH-Aufklebern. AfD-Leute und Corona-Demonstrant:innen sind im Publikum. Es gibt Buhrufe, der Journalist Peter Hagen wird verbal angegriffen. Zeug:innen berichten, dass sie Angst gehabt hätten. Draußen stehen Mannschaftswagen der Polizei. Bürgermeister Weigelt richtet sich an „sein“ Publikum und stilisiert sich erneut zum Opfer von „zweifelhafter Moral, seelischer Folter und Fehlinformationen“, schreibt Hagen am nächsten Tag.

Fundstück am Gartenzaun: Putin und Baerbock in derselben Rolle.
Fundstück am Gartenzaun: Putin und Baerbock in derselben Rolle. © Silvia Bielert

14 Stadträt:innen sprechen sich in geheimer Abstimmung für das Abwahlverfahren aus, sechs sind dagegen. Wenige Wochen später votieren 1118 Bürger:innen für Weigelts Absetzung. 977 wollen den Bürgermeister im Amt behalten. Doch ist die Wahlbeteiligung mit 43,5 Prozent insgesamt zu niedrig. 1453 Bürger:innen, nämlich 30 Prozent aller 4852 Wahlberechtigten, hätten für die Abwahl stimmen müssen.

Ein Bürgermeister, der die Grundsätze der Demokratie und die Pressefreiheit nicht achtet. Menschen, die sich treffen, um Stimmung zu machen gegen Andersdenkende und vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Probleme bieten. Ein Onlineportal, das sich mit Corona-Leugner:innenen gemein macht und Medienschelte betreibt. Reaktionäre Ansichten. Das Schwelgen in der Vergangenheit. All das finde ich in meiner Heimat.

Die Recherche verstärkt das dunkle Gefühl in mir. Ich kenne es aus meiner Jugend in den 1990er Jahren. Es hat sich manchmal eingestellt, wenn ich mit Freunden feiern war, auf irgendwelchen Dörfern, im Festzelt mit einer Cover-Band oder bei Konzerten „für Zivilcourage und Toleranz“ im Jugendtreff. Irgendwann tauchten sie auf. Jugendliche und junge Männer, dazwischen ein paar ältere. Bomberjacke, Springerstiefel, weiße Schnürsenkel, mit und ohne Glatze. Das ganze Klischee. Abgefüllt mit Bier und Pfefferminzlikör. Auf Krawall gebürstet. Jede:r hier konnte ihr Opfer werden. Für uns hieß das: Schnell ducken und weg.

Wo ist der Unterschied zwischen damals und heute? Die Feinde der Demokratie geben sich heute als vermeintlich kritische Bürger aus. Sie schlagen nicht gleich zu, sie graben erstmal Löcher ins Fundament. Unterminieren mit falschen Behauptungen das Vertrauen vieler Menschen in Staat, Presse, Gesellschaft. Dann müssen sie später – wie sie offenbar hoffen – nur noch schubsen, damit das „System“ zusammenbricht.

Bad Lobenstein in Thüringer Wald: Den „Lauten“ zu viel Gewicht beizumessen, wäre ein Fehler

Nach der langen Sommerdürre erholt sich die Natur langsam. Und nach meinem letzten Besuch zu Hause und ein paar Telefonaten keimt ein kleines bisschen Hoffnung in mir. Simone und Ingo sind der Grund dafür. Sie erzählen vom Engagement so vieler für die Stadt, die kein Aufsehen erregen: Freiwillige betreiben die Kleiderkammer und die Tafel. Stadträte spenden ihre Aufwandsentschädigung für Frühlingsblüher auf öffentlichen Beeten, ein neues Leitsystem für wandernde Kurgäste oder um Werbung fürs Waldbad zu machen. Der neue Spielplatz im Stadtteil Saaldorf? Nur durch den mehrjährigen Einsatz von Bürger:innen und vielen privaten und gewerblichen Spender:innen möglich. Meine Freunde waren da federführend dabei. Der Saaldorfer Ortsplan, damit Paketdienste die wild verstreuten Hausnummern finden? Privates Geld, private Initiative. Die Stadt hilft, hat aber für so etwas kein Geld.

Simone und Ingo stecken immer in irgendeinem ehrenamtlichen Projekt. In Social-Media-Kanälen äußern sie sich nicht mehr – aus Angst, beschimpft zu werden. „Diese Menschen ersticken die Energie der Engagierten“, sagt Simone. Um dann hinzuzufügen: „Wenn wir in Not kämen, wenn der Strom ausfällt, das Gas ausbleibt, dann würden wir doch zusammenhalten? Daran glaube ich ganz fest.“ Die Solidarität im Ahrtal, wie Nachbar:innen zusammen Keller um Keller und Haus um Haus von Schlamm und Schutt befreiten, hat meine Freundin begeistert.

Nach der langen Sommerdürre erholt sich die Natur langsam. Und nach meinem letzten Besuch zu Hause und ein paar Telefonaten keimt ein kleines bisschen Hoffnung in mir.  Simone und Ingo sind der Grund dafür.

Silvia Bielert, Autorin

„Weitermachen!“, antwortet der Stadtratsvorsitzende Frank Weidermann auf die Frage, was jetzt zu tun ist in Bad Lobenstein. Die Themen lägen auf dem Tisch, die Ideen, sie anzugehen, auch. Es brauche noch mehr Ehrenamtliche. „Die halten den Laden am Laufen.“ Den „Lauten“ zu viel Gewicht beizumessen, wäre ein Fehler, sagt Weidermann. Der Stadtrat weiß das aus seiner Zeit in der Freiwilligen Feuerwehr. „Am Unfallort kümmere ich mich zuerst um die, die nicht zu hören sind. Denen geht es schlecht. Wer laut schreit, der atmet noch, der ist am Leben.“ Er denkt an die Ärmsten, die wegen der Energiekrise und der hohen Inflation zuerst in Schwierigkeiten geraten – und leise leiden.

Kommunalpolitiker:innen im Saale-Orla-Kreis suchen das Gespräch mit Bürger:innen bei Veranstaltungen – oder, wie der Stadtrat von Bad Lobenstein, auch mit einer Sprechstunde auf dem Markt. Die Wirtshausthemen, die durch Corona an den „Stammtischen“ von Telegram und Whatsapp gelandet sind, müssten zurück ins reale Leben, sagt Weidermann.

Auf dem Rückweg ins Rhein-Main-Gebiet fühle ich mich etwas besser. Ich weiß jetzt, in meiner Heimat arbeiten Menschen jeden Tag hart dafür, dass die Region vorankommt, dass Versäumnisse der Nachwendezeit aufgeholt werden. Zuversicht und Nachbarschaft – es gibt sie noch. (Silvia Bielert)

Transparenzhinweise: In einer vorigen Version hatten wir im letzten Absatz der Infobox die Wörter „Erststimmen“ und „Zweitstimmen“ vertauscht. Michael Kaufmann gewann den Wahlkreis mit seinen Erststimmen, die AfD erhielt die Zweitstimmen. In einer früheren Fassung hieß es ferner, Markus H. habe im Fall Lübcke dem Täter Stefan Ernst die Waffe beschafft. Das ist falsch. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.

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