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Bei der Wahl zum Thüringer Ministerpräsidenten hat die FDP-Fraktion für den dritten und entscheidenden Wahlgang ihren Chef Thomas Kemmerich als zusätzlichen Kandidaten aufgestellt.

Thomas Kemmerich

Thomas Kemmerich: Alles, nur nicht „blass und indifferent“

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Der neue Ministerpräsident von Thüringen hat seine FDP knapp über die Fünf-Prozent-Hürde gehievt - und sich dann mit den Stimmen der AfD ins Amt wählen lassen. Ein Porträt.

Und plötzlich: Ministerpräsident! Thomas Kemmerich – der Spitzenkandidat, mit dem die FDP es hauchdünn in den Thüringer Landtag geschafft hat – ist im Landtag im dritten Wahlgang zum Regierungschef gewählt worden. Ganz offenkundig mit den Stimmen seiner eigenen Partei, der CDU und der AfD.

Der FDP-Politiker hatte seine Kandidatur für den dritten Wahlgang angekündigt für den Fall, dass auch die AfD einen Kandidaten aufstellt. Genau das hatte die AfD getan – deren Abgeordneten stimmten aber für Kemmerich. Wer ist der Mann, der nun zum Ministerpräsidenten gewählt worden ist? Und der sichtlich tief durchgeatmet hat, bevor er am Mittwochmittag im Thüringer Landtag aufgestanden ist – und sagte: „Ich nehme die Wahl an.“

Kemmerich – seit vier Jahren Landesvorsitzender der FDP – hat eine ungewöhnliche Biografie. Als die Mauer fiel und viele Menschen vom Osten in den Westen gingen, da zog es den gebürtigen Aachener nach Thüringen. Der damals 24-Jährige hatte gerade sein erstes Staatsexamen in Jura abgeschlossen und ein paar Kurse in Betriebswirtschaft an der Uni besucht. In Erfurt machte er sich als Unternehmensberater selbstständig und beriet landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen aus dem Handwerk. Dann baute der Mann, dessen Glatze heute eines seiner Markenzeichen ist, eine Friseurkette in Thüringen auf. Er ist Vater von sechs Kindern.

Im Thüringer Wahlkampf setzte sich der Unternehmer gern als unkonventioneller Macher in Szene. Er inszenierte sich in Cowboystiefel, einer seiner Wahlkampfslogans lautete: „Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat.“ Mit diesen Plakaten, für die Kemmerich seinen kahlen Kopf von hinten fotografieren ließ, warb er um Aufmerksamkeit für seine Partei, die in ganz Thüringen etwa 1300 Mitglieder hat.

Den Slogan dürfte ihm noch mancher vorhalten – jetzt, da er auch mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Kemmerich war nie einer, der Angst hatte, anzuecken – übrigens auch nicht gegen Parteichef Christian Lindner. „Häufig zu blass und indifferent – das sind die Attribute, die der FDP in den aktuellen politischen Debatten von der Bevölkerung zugeschrieben werden“, mahnte er nach den verlorenen Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen in einem Schreiben an Lindner. Es las sich damals, als wolle er den Parteichef wachrütteln.

Kemmerich findet, das hat er damals deutlich gemacht, die FDP müsse den Fokus auf Kernthemen wie die Wirtschaftspolitik legen. In der Migrationspolitik gab er sich als Law-and-Order-Mann. Zudem trat er für bessere Beziehungen zu Russland ein. Das war ein Portfolio, das auf die Wähler in Ostdeutschland zugeschnitten war. Und so hievte er die Partei als Spitzenkandidat knapp über die Fünf-Prozent-Hürde – mit nur 73 Stimmen mehr als notwendig. Für die FDP war es ein Riesenerfolg, dass sie es überhaupt mal wieder in einem ostdeutschen Bundesland in ein Parlament schaffte.

„Wenn die FDP ins Parlament kommt, haben Rot-Rot-Grün und Ramelow definitiv keine Mehrheit mehr“, hatte Kemmerich im Wahlkampf angekündigt. „Dann werden wir aus der Mitte Mehrheiten finden für unsere politischen Ansätze.“ Eine Zusammenarbeit mit der AfD schloss er jedoch aus. Auch nach der Landtagswahl betonte er: Man halte an dem Entschluss fest, „mit Herrn Höcke und seiner Partei keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit einzugehen“. Dem damals regierenden Ministerpräsidenten warf Kemmerich im Wahlkampf vor: „Bodo Ramelow ist ein Ministerpräsident, der sich mit allen Mitteln an sein Amt klammert.“

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