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Therapien für Afrika

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Dr. Tessa Lennemann ist Ärztin am HIV-CENTER des Frankfurter Universitätsklinikums.
Dr. Tessa Lennemann ist Ärztin am HIV-CENTER des Frankfurter Universitätsklinikums. © Uni Frankfurt

Die Aids-Forscherin Tessa Lennemann fordert medizinische Zentren

Frau Dr. Lennemann, was sind die Hauptgründe dafür, dass Afrika besonders stark von der Aids-Epidemie betroffen ist?Dafür gibt es mehrere Ursachen. Zum einen ist das Virus sehr viel stärker als bei uns in die heterosexuelle Gesellschaft eingedrungen. Ursachen sind mangelnde Hygiene beim Impfen, Bluttransfusionen sowie kulturelle und finanzielle Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Sexualpartnern. Das erschwert vor allem für Frauen die Durchsetzung präventiven Sexualverhaltens. Bei uns in Deutschland konnten wir besonders betroffene Gruppen wie die Homosexuellen intensiv über die Gefahren dieser sexuell übertragbaren Krankheit informieren. So war das Coming-out junger Schwuler fast zwangsläufig damit verbunden, dass sie sich mit HIV befassten.

Was ist in Afrika anders?Die dort betroffenen Menschen definieren sich nicht über ihre Sexualität, das macht es schwierig. Auch unsere Vorstellung von Infektionen durch Viren und Bakterien gibt es meist nicht, was die Vermittlung des Krankheitsverlaufs schwierig macht. Da es meistens keine Medikamente zur Behandlung gibt, hat der einzelne auch keinen Nutzen von einem HIV-Test. Im Gegenteil, mit HIV infizierte Menschen werden oft stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Deshalb gehen HIV-Infizierte nicht zum Test und stecken nichtwissend andere an.

Was konnte in den vergangenen Jahren in Afrika erreicht werden?Es gibt Länder wie Kenia und Uganda, die durch intensive Aufklärung eine fallende Rate von Neuinfektionen haben. Die Politiker haben sich dort für Aufklärung und Prävention eingesetzt. Man spricht in diesen Ländern inzwischen sehr offen über die Probleme und die Menschen achten darauf, dass sie sich nicht infizieren oder das Virus weitergeben.

Der Papst und die US-Regierung verdammen weiterhin die Benutzung von Kondomen. Aus ihrer Erfahrung in Afrika - was halten Sie davon?

Der Nutzen von Kondomen in der Prävention ist eindeutig bewiesen. Kondome schützen nicht nur vor HIV, sondern auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Tripper oder Syphilis. Viele Frauen infizieren sich ja innerhalb der Partnerschaft oder Ehe - und nicht in einer promisken Beziehung. Zu glauben, die Kondome würden Promiskuität befördern, geht an der Realität vorbei.

Vor zehn Jahren forderte der damalige US-Präsident Bill Clinton die Wissenschaftler auf, einen Impfstoff gegen Aids zu entwickeln. Darauf warten wir noch immer. Warum ist es so schwierig?

Das Virus verändert sich ständig so stark, so dass es extrem schwierig ist, einen Impfstoff zu entwickeln. Allerdings gibt es inzwischen Therapien, die die Auswirkungen des Virus auf das Immunsystem kontrollieren können. Unter diesen Therapien überleben die Menschen, das Immunsystem erholt sich. Zumindest in Deutschland können wir damit inzwischen auf eine fast normale Lebenserwartung für HIV-Infizierte hoffen. Auch für die Behandlung von HIV in Afrika sollte man nicht auf eine Impfung warten, sondern den Menschen die vorhandenen Therapien und das Wissen über ihren sicheren Einsatz zur Verfügung stellen.

Die verschiedenen Schritte vom Test bis hin zur sorgfältigen Therapie sind in Afrika schwerer umzusetzen. Wie gehen Sie vor?Die Vorbehalte gegen die HIV-Therapie in Afrika sind im Grunde widerlegt. Es wurde behauptet, die Leute würden die Tabletten nicht regelmäßig nehmen. Das Gegenteil ist richtig. Dort, wo Programme zur Verfügung gestellt werden, finden wir eine sehr große Therapietreue. Die Ergebnisse in Afrika sind durchaus vergleichbar mit Deutschland. Die oft schlechte Infrastruktur kann also kein Grund sein, sich nicht für eine gute Therapie einzusetzen. Es gibt jedoch noch Verbesserungsmöglichkeiten. Zusammen mit unseren Partnerkrankenhäusern in Lesotho und Südafrika arbeiten wir in einem Internationalen Forschungsnetzwerk zusammen, um diese Fragen zu lösen, unsere langjährige Erfahrung in der HIV-Therapie weiterzugeben und so die HIV-Therapie in Afrika zu verbessern.

Was müsste denn in Ländern geschehen, die noch keine Infrastruktur aufgebaut haben?

Jedes Land benötigt neben der Basisversorgung der HIV-infizierten Patienten nach den Richtlinien der WHO ein oder zwei Expertenzentren für die HIV-Therapie. Diese müssen genug medizinisches Wissen und Erfahrung haben, um weiterführende Aufgaben zu übernehmen. Diese Aufgaben sind neben der Behandlung der Patienten die Beratung von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen. Hinzu kommt eine eigenständige klinische Forschung nach internationalen Standards, durch die sie in Zusammenarbeit in einem internationalen Netzwerk einen Beitrag zur langfristigen Bekämpfung von HIV/AIDS auf ihrem Kontinent leisten. So ein Zentrum versuchen wir durch unsere Partnerschaft mit der Karabong-Klinik in Lesotho aufzubauen. Man kann etwas gegen HIV tun, wenn man international und interdisziplinär zusammenarbeitet. Das ist die Botschaft.

Interview: Karl-Heinz Karisch

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