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Einsam in der Wiege des Jazz: Musiker Lloyd Robinson spielt unter einer Brücke in New Orleans.

USA

„The Big Easy“ in Trauer

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Mit New Orleans trifft das Virus eine der ärmsten US-Städte. Die Kliniken sind überfordert.

Normalerweise hätte es für Ellis Marsalis eine jener Jazz-Beerdigungen gegeben, für die New Orleans berühmt ist, bei der eine Kapelle mit Trauermusik dem Sarg zum Friedhof folgt, um auf dem Heimweg mit heiterem Dixie das Leben zu feiern. Doch in Zeiten des Coronavirus blieb einer der großen Jazz-Legenden der Stadt diese Ehre versagt. Ellis Marsalis, der vor fünf Tagen am Coronavirus verstarb, war der Patriarch der größten Jazz-Dynastie der USA, vier seiner fünf Söhne sind weltberühmte Musiker. Sein Tod und die Tatsache, dass die Stadt ihn nicht feiern durfte, war ein bitteres Symbol dafür, was New Orleans derzeit durchmacht.

Der Staat Louisiana, dessen Herz die Hafenmetropole bildet, hat nach New York die höchste Covid-19-Sterblichkeitsrate in den USA. Bis Dienstagfrüh wurden hier 4500 Infizierte gezählt, mehr als 500 Menschen starben. Die Stadt hat seit Hurrikan Katrina nur noch eine Bevölkerung von knapp 400 000. Von denjenigen, die in Kliniken eingeliefert wurden, starben 22 Prozent, in New York sind es 15 Prozent.

Die extrem hohe Sterblichkeitsrate wird darauf zurückgeführt, dass die Bevölkerung von New Orleans im Durchschnitt ungesünder ist als im Rest des Landes. Die Menschen hier haben weitaus häufiger Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dies ist jedoch an die soziale Situation geknüpft: Rund 60 Prozent der Menschen sind Afroamerikaner, beinahe 20 Prozent von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze.

Damit einher geht eine dramatische Unterversorgung im Gesundheitsbereich. Bis zum Inkrafttreten der Gesundheitsreform durch Präsident Barack Obama lag der Prozentsatz der Unversicherten in Louisiana bei mehr als 20 Prozent. Die Reform hatte eine deutliche Besserung gebracht. Doch die Trump-Regierung hat den Deckungsgrad durch die staatlich subventionierte Krankenversicherung wieder zurückgefahren.

Karneval als Verhängnis

So ist die arme schwarze Bevölkerung wieder am härtesten getroffen – wie schon bei Hurrikan Katrina, der letzten Katastrophe, die die Stadt heimsuchte. Dabei sind die Wunden von damals nicht verheilt. Viele der zerstörten Wohnbezirke sind noch immer nicht wiederaufgebaut. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen von schwarzen Familien ist um beinahe 20 Prozent gesunken.

Und: Die Tradition der Karnevalsaison könnte jetzt der Stadt zum Verhängnis geworden sein. Als die Feiern Mitte Februar begannen, dachte noch niemand an das Virus. Es gab in Louisiana noch keine bestätigten Fälle, niemand sah einen Grund, die Paraden abzusagen. Drei Wochen später stellten Ärzte fest, dass das Virus sich schon in der ganzen Bevölkerung ausgebreitet hatte. Nun kämpft New Orleans mit denselben Problemen wie andere Städte. Die Kliniken werden überrannt, dem Personal mangelt es oft am Notwendigsten. Die Stadt steht erneut am Abgrund.

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