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Thailand: 15 Jahre Haft für einen Witz über den Rama

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Von: Felix Lill

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In Rot fordern viele Thai das Ende der Monarchie.
In Rot fordern viele Thai das Ende der Monarchie. © Varuth Pongsapipatt/Imago

In Thailand wächst der Unmut der Bevölkerung auf den amtierenden König weiter. Hoffnung wird in einer Demokratisierung des Landes gesehen.

Bangkok – Wir schauen nach Bangkok: Immer wieder protestieren Zehntausende gegen Königshaus und Militärregierung, die langjährigen Konflikte zwischen den „Gelben“ und „Roten“ sind keineswegs überwunden. Wer dieser Tage durch die Straßen von Bangkok spaziert, könnte eine harmonische Gesellschaft vermuten.

An praktisch jeder Straßenkreuzung blickt einem ein stolzer Mann entgegen, gerahmt in Gold und garniert mit Umhang, Orden, Krone oder anderem Schmuck, der seinen Rang betont. Beschmiert und besprayt sind diese allgegenwärtigen Bilder des Königs von Thailand nie. Solange man es nicht besser weiß, müsste man denken: Dieser Mann wird von seinem Volk verehrt.

Thailand: Propaganda im Kino und wie die Menschen reagieren

Selbst bei Kinobesuchen drängt sich dieser Eindruck auf. Bevor ein Film beginnt, läuft immer ein zweiminütiges Propaganda-Video mit visionären Bildern des Oberhaupts: Es zeigt, wie der König die Infrastruktur im Land vorantreibt, sich für die Bildung der Bevölkerung einsetzt und sich der Verteidigung der Nation verpflichtet. Die Musik strotzt vor Stolz, die Bilder zeichnen ein staatsmännisches Idyll. „Lang lebe seine Majestät“, prangt am Ende auf der Kinoleinwand.

Aber wer auch schon vor ein paar Jahren mal in Bangkok war, wird einen Unterschied erkennen. Als statt dem seit 2016 amtierenden Maha Vajiralongkorn noch dessen Vater Bhumibol Adulyadej auf dem Thron saß, erhoben sich im Kino alle Besucher:innen wie erbeten von ihren Plätzen. Heute ist darauf kein Verlass mehr. Einige essen unbeirrt Popcorn, schauen aufs Handy, andere kichern. Und im südostasiatischen Thailand könnte dies schon ein rechtliches Vergehen sein. Gerade heute.

Thailand: Protest gegen die Monarchie wird hart unterdrückt

Das Land, in dem 70 Millionen Menschen leben, hat einige der weltweit strengsten Gesetze. Wer das Staatsoberhaupt beleidigt, riskiert eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren. Und seit der im Land umstrittene Maha Vajiralongkorn das Zepter in der Hand hält, wird diese Vorschrift verstärkt angewandt. Seit 2020 wurden in rund 200 Fällen Strafen verhängt, mehrmals auch Gefängnis. Ein Grund für das harte Vorgehen gegen Kritiker:innen ist: Ihre Zahl hat empfindlich zugenommen.

Seit Jahrzehnten war der Missmut gegenüber dem Königshaus nicht mehr so groß wie heute. Und in der Ablehnung von Maha Vajiralongkorn, der viel Zeit seines Jahres in Bayern verbringt und in der Heimat von vielen als egoistischer Hedonist gesehen wird, offenbart sich ein noch größerer, derzeit schwelender Konflikt: „Wir wollen echte Demokratie“, sagt eine Studentin aus Bangkok, die ihren Namen aus Angst vor einer Strafe für Majestätsbeleidigung nicht nennen will. „Nur mit dem Ende der Monarchie könnten wir endlich unser Land reformieren.“

In Gelb tragen Unterstützerinnen das Königspaar auf Händen.
In Gelb tragen Unterstützerinnen das Königspaar auf Händen. © Lillian Suwanrumpha/afp

Seit Jahrzehnten wird die Politik in Thailand von einem Grundsatzstreit über die passende Staatsform dominiert. Auf öffentlichen Protesten, die nicht selten gewaltsam enden, geben sich die Lager in je gelben und roten Farben zu erkennen: In Gelb kleideten sich die Unterstützer:innen der Monarchie in ihrer aktuellen Form, mit einem starken König, wie es traditionell die wohlhabenderen Schichten in den Städten befürwortet haben. In roten Hemden kennt man die Landbevölkerung sowie eine gebildete Mittelschicht, die mehr Umverteilung sowie Ausgaben für Bildung und Gesundheit fordern.

Maha Vajiralongkorn: Thailands König greift nach der absoluten Monarchie

Bei Parlamentswahlen haben die Kandidat:innen der Roten zwar immer wieder gewonnen – wurden aber früher oder später mit neuen Vorwürfen vom Militär abgesetzt, das sich dann an die Macht putschte. Gegen die seit einem Staatsstreich im Jahr 2014 amtierende Regierung wurde in der Pandemie wiederholt protestiert. Zehntausende forderten nicht nur eine schnelle Antwort auf Covid-19, sondern auch eine Reform der Monarchie – einige sogar deren Abschaffung.

Die Reizfigur: Der Monarch von Thailand

Maha Vajiralongkorn macht in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck eines typischen Königs. Den omnipräsenten goldgerahmten Portraits in Bangkoks Straßenbild stehen Fotos des 70-Jährigen von dessen Lebensalltag entgegen, der unter anderem in Bayern stattfindet. Des Öfteren hat er sich bauchfrei gezeigt, was Traditionalist:innen erzürnt. Auf Pornoseiten kursiert ein Video von einer Geburtstagsparty, an der eine seiner Ex-Partnerinnen praktisch nackt teilnehmen sollte.

Auch in hochoffizieller Funktion erregt er Aufsehen. Untergebene müssen vor ihm krabbeln, offenbar um Ehre zu erweisen. Diese Erscheinungen, und die vielen Trennungen, auf die öffentliche Demütigungen der Ex-Frauen folgten, brachten dem König das Image eines kalten Playboys ein. Während dessen 2016 verstorbener Vater Bhumibol Adulyadej es noch schaffte, durch seine persönliche Popularität Thailands zerstrittene Lager aus Royalist:innen und Demokrat:innen einigermaßen zusammenzuhalten, geling dies dem Sohn kaum.

Sogar unter Militärs gilt Vajiralongkorn mittlerweile als unbeliebt. Ein Grund hierfür ist sein ausschweifender Lebensstil, der die Monarchie in einem fragwürdigen Licht erscheinen lässt und damit auch den politischen Einfluss infrage stellt. Hinzu kommen teils Schritte des Königs, die darauf hindeuten, dass er eine absolute Monarchie errichten will. So hat er nicht nur die Kontrolle über das Vermögen des Hofs an sich gerissen, sondern auch Kontrolle über die Streitkräfte. lil

Die Regierung hat darauf nicht etwa mit Konzessionen reagiert. Kritiker:innen sehen Beschränkungen öffentlicher Versammlungen, die offiziell als Gesundheitspolitik inmitten der Pandemie dargestellt wurden, als gezielten Schritt zur Unterdrückung der Opposition.

Dass derzeit kaum Straßenproteste zu sehen sind, hat Phil Robertson, stellvertretender Asien-Direktor der NGO Human Rights Watch, gegenüber Medien mit einem „Klima der Angst“ erklärt. Demonstrant:innen würden verfolgt, mehr als 1600 Fälle angeblicher Straftaten seien registriert worden. Kritik an Regierung und Monarchie breitet sich im virtuellen Raum aus.

Thailand: Am Tag der Verschwundenen wird der durch staatliche Gewalt verschwundenen Personen gedacht

Die wohl beliebteste Facebookgruppe im Land hat 2,3 Millionen Mitglieder, heißt „Königlicher Marktplatz“ und dient dem Spott über den König und dessen Entourage. „Wir haben keine Meinungsfreiheit, wenn es um die Monarchie geht“, sagt der Gruppengründer Pavin Chachavalpongpun, der sein Heimatland aus entsprechenden Gründen verlassen musste und heute Politikprofessor an der japanischen Universität Kyoto ist. „Witze dienen als intellektuelle Erkundung. So können wir uns heiklen Themen nähern!“

Wir schauen nach Bangkok.
Wir schauen nach Bangkok. © DPA/Bearbeitung FR

Ende August, am Tag der Verschwundenen, der dem Andenken an durch staatliche Gewalt verschwundene Personen gilt, postete ein Gruppenmitglied ein Foto des Königs und schrieb: „Geben Sie den Namen Koi ein, die Magd im Ruheraum. Enter.“ Koi, einst die Partnerin des Königs, verlor im Jahr 2019 ihre königlichen Titel und verschwand bald aus der Öffentlichkeit. Ein älterer Post in der Gruppe witzelt über den Hund des Königs, der den Militärrang eines Marschalls erhalten hat: Ein User bot ihm eine militärtypische Rasur an. „Bei schneller Terminbuchung 20 Prozent Rabatt.“

Zwischen Monarchie und Militärregime: Thailands demokratische Proteste in Gefahr

Für viele Thai ist dies lustig. Mehrere sind aber auch dafür schon in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Unterdessen mischt sich die Unzufriedenheit über den König mit solcher an der Regierung, die zu kritisieren wiederum nicht verboten ist. So ging Ende August ein Raunen durchs Land, als der Verfassungsgerichtshof einer Petition der eher demokratisch gesinnten Opposition stattgab, die die sofortige Absetzung des seit 2014 regierenden pensionierten Generals Prayut Chan-ocha forderte.

Hintergrund ist eine in die seit 2017 gültige Verfassung eingeschriebene Amtsbeschränkung für Premiers von acht Jahren. Sollte diese Regel in Prayuts Fall seit dessen Amtsantritt gelten und nicht erst seit Inkrafttreten der Verfassung, darf er nicht weiterregieren – was derzeit vom Verfassungsgerichtshof untersucht wird. Doch was ein seltener Sieg für die von Rothemden geprägte Opposition ist, könnte auch den alten Konflikt neu einheizen.

Zur Serie

Die vergessenen Konflikte: In dieser Serie lenken wir den Blick auf Regionen und Länder, die im Schatten stehen, in denen Mächtige gezielt unter dem Radar agieren und für sich ausnutzen, dass der Fokus der Weltöffentlichkeit auf dem Krieg in der Ukraine liegt.

Sie treiben Krisen voran, schüren Missstände, schränken Menschenrechte ein. Diese Folge der Serie ist die letzte im gewohnten Erscheinungstakt an jedem Montag und Donnerstag. Weil aber die Krisen und Konflikte nicht einfach verschwinden, werden wir unsere Reihe in loser Folge fortsetzen. Alle bereits erschienenen Texte finden sich online gesammelt auf der Themenseite.

Im Frühjahr 2023 soll Thailand wählen. Der bei der Mehrheit der Menschen unbeliebte Prayut würde gerne weiterregieren, andere Führungskräfte der bisherigen, vom Militär geprägten Regierung wollen wohl übernehmen. Die Rothemden, die bei der anstehenden Wahl erneut zu den Favoriten zählen, würden im Fall eines Wahlsiegs diesmal auch gern im Amt bleiben. Hierzu allerdings müssten sie sich gegen Putschversuche durch das Militär wappnen.

Diejenigen, die die vergangenen Jahre auf der Straße für mehr Demokratie demonstriert haben, hätten die Rothemden wohl auf ihrer Seite. (Felix Lill)

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