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Strenge Hierarchien und autoritäre Atmosphäre begünstigen sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche.

Kirche und Missbrauch

Teuflische Macht

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Ehrliche Aufarbeitung oder Vertuschungsversuch?

Beim Missbrauchsgipfel in dieser Woche in Rom rücken nun auch die Vergehen an Frauen in den Vordergrund. Die ehemalige Ordensschwester Doris Reisinger hat einen Pater wegen Vergewaltigung angezeigt – und kämpft für eine veränderte Kirche.

Das Bild zeigt eine scheue Frau. Die Haltung gebeugt, der Blick abwartend, duldsam, so steht sie da, in Strickjacke, hochgeschlossener Bluse, langem Rock, schmuckloser Kleidung. Wenn es so etwas wie Willensstärke und Widerstandskraft in dieser Frau gegeben haben sollte, dann sind sie auf diesem Foto tief verborgen. „Ich war das ideale Opfer“, sagt Doris Reisinger heute. Ideal, das heißt: Trainiert, die eigenen Empfindungen zu verleugnen. Weitgehend isoliert vom Rest der Welt. Und bereit, die Ansprüche anderer, Höhergestellter, als Ausdruck einer göttlichen Ordnung zu sehen.

Zu dem Zeitpunkt, an dem das Foto entsteht, im Jahr 2006, ist Doris Reisinger, oder Wagner, wie sie damals noch heißt, 23 Jahre alt. Seit drei Jahren ist sie da Novizin in der Gemeinschaft „Das Werk“, einem Orden mit Sitz im österreichischen Thalbach. Die „Geistliche Familie“, als die sie sich auch bezeichnet, ist nicht Teil der katholischen Kirche, aber eng mit ihr verbunden. Im Jahr 2001 hat sie die päpstliche Anerkennung erhalten, von Johannes Paul II. Die Dankmesse im Petersdom hielt Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst.

Die Frau, die heute in einem Restaurant in einer hessischen Stadt sitzt, hat mit der Frau auf dem Bild äußerlich nicht mehr viel gemein. Vor acht Jahren hat sie den Orden verlassen. Doris Reisinger ist heute 35 Jahre alt, die Haare hat sie zum Pferdeschwanz gebunden, ihr Blick ist offen, sie erzählt selbstbewusst, zugewandt, beredt. Es sind unruhige Zeiten für sie.

Von Donnerstag an findet im Vatikan ein großer „Missbrauchsgipfel“ statt, Papst Franziskus hat die Bischöfe der Welt nach Rom gerufen. Vier Tage lang sollen sie über sexuelle Gewalt in der Kirche diskutieren. Deshalb sind Doris Reisinger und ihre Geschichte nun so gefragt. Täglich erhält sie Medienanfragen, auch aus England, den USA, Italien. Weil sie Opfer war. Und Zeugin ist.

Doris Reisinger wurde als Ordensfrau von einem Priester vergewaltigt.

Beim Rückflug aus Abu Dhabi, vorletzte Woche, hat Franziskus eine bis dahin unerhörte Bemerkung gemacht. „Es stimmt, es ist ein Problem“, sagte er da über den sexuellen Missbrauch von Nonnen. „Ich weiß, dass Priester und Bischöfe das getan haben. Und ich glaube, es wird immer noch getan“, fügte der Papst hinzu. „Für mich war das eine Riesenerleichterung“, sagt Doris Reisinger. Zu hören, dass der Papst anerkannte, was seit langem in vielen Ländern eben auch zur Kirche gehört. Doris Reisinger kämpft selbst seit Jahren dafür, dass das Leid der Frauen zum Thema wird. Sie hat zwei Bücher geschrieben, über ihre eigenen Erfahrungen, sie heißen „Nicht mehr ich“ und „Spiritueller Missbrauch“, sie hält Vorträge, auch in der Kirche, stellt sich Diskussionen. Es geht ihr um die Anerkennung des Leids. Und um Veränderung. „Die Kirche muss so aufgebaut sein, dass Menschen nicht mehr leiden“, sagt sie. Die Frage ist aus ihrer Sicht nur, ob der Gipfel in dieser Woche ein Schritt auf dem Weg zur Veränderung wird. Oder doch eher ein Akt der Beschwichtigung. Sie ist da nicht sicher.

Die Geschichte der jungen Doris Wagner erzählt von den Mechanismen, die den Missbrauch in der Kirche begünstigen. Davon, warum es so oft gelingt, ihn zu vertuschen. Sie handelt aber auch von Rettung. Und davon, was anders werden müsste. Doris Wagner ist 19, als sie in den Orden eintritt, gleich nach dem Abitur. Es scheint ihr ein logischer Schritt. „Ich bin aufgewachsen in einer Familie, in der der Glaube an Gott noch getragen hat“, sagt sie.

Anfangs ist sie angetan von der scheinbaren Fröhlichkeit der Schwestern. „Die konnten sehr charmant sein.“ Doch was sie dann kennenlernt, nachdem Anfangsbegeisterung und Stolz abklingen, ist ein System der Selbstaufgabe. Sie darf, so schildert sie es in ihrem Buch, nicht mehr mit ihren Eltern telefonieren, sie darf keine Musik hören, nicht die Bücher lesen, die sie möchte, kein Handy benutzen. Es gibt einen Schrank der verbotenen Bücher, in dem zum Beispiel die Werke des Theologen Hans Küng stehen. „Schwester Doris, das ist für Sie jetzt nicht dran“, heißt es, wenn sie sich dafür interessiert; das sei „falsche geistliche Nahrung“. Stattdessen arbeitet sie von früh bis zum Abend, schneidet Gemüse in der Küche, putzt den kleinen Fuhrpark. „Zugespitzt könnte man sagen: wie Arbeitslager“, sagt Doris Reisinger heute. Eigenes Denken war eine Gefahr in dieser Welt. In der Studie, die die Deutsche Bischofskonferenz 2018 veröffentlicht hat, nennen die Forscher den Klerikalismus als einen der Faktoren, die den Missbrauch begünstigen. Klerikalismus, das ist die unangefochtene Stellung der Priester, eine autoritäre Atmosphäre. Schon als die Novizin Doris Wagner ins Kloster ging, hätte man es wissen können. Wenige Jahre zuvor hatten Psychologen in den USA sexuellen Missbrauch an Ordensfrauen untersucht. 29 Prozent von 578 Nonnen gaben an, selbst missbraucht worden zu sein. Die amerikanische Ordensfrau Maura O’Donohue sammelte Berichte über Missbrauch und Vergewaltigungen in Afrika, schickte sie entsetzt nach Rom. Doch das alles drang nicht durch. Was Doris Wagner im Jahr 2008 in ihrem Zimmer im Haus der Gemeinschaft in Rom erleidet, davon gibt es unterschiedliche Schilderungen. Die eine ist die des Paters, er beteuert gegenüber der Polizei, dass sich „die sexuellen Handlungen immer im gegenseitigen Einvernehmen“ abgespielt hätten. „Das ist auch der Eindruck, den wir gewonnen haben“, erklärt Georg Gantioler, Sprecher von „Das Werk“.

Dem entgegen steht das, was die einstige Nonne sowohl in ihrem Buch „Nicht mehr ich“ als auch gegenüber der Polizei schildert. Demnach kommt er in ihr Zimmer, schon das eine grobe Überschreitung der Grenzen, und beginnt, sie auszuziehen. „Ich konnte nicht glauben, was der jetzt macht, ich konnte mir das nicht vorstellen“, sagt sie heute.

Sie habe ihm gesagt, er solle aufhören. Der Pater aber habe weitergemacht. „Wie gelähmt“ sei sie gewesen. Wie oft der deutlich ältere Mann zu ihr kam, wisse sie nicht mehr. Aber an „nie gekannte Schmerzen“ erinnert sie sich. Leer habe sie sich dann gefühlt, wie in einem Nebel. „Erst Monate später habe ich realisiert, was passiert ist.“ Nach ihrem Austritt aus dem Orden hat sie den Pater angezeigt. Wegen Vergewaltigung. Die Justiz in Deutschland wie in Österreich hat den Vorwurf zurückgewiesen. Die Schwester habe sich nicht gewehrt, daher habe es sich nicht um eine Vergewaltigung gehandelt.

Doris Reisinger kritisiert diese Entscheidung – weil die Justiz die Bedingungen ignoriere, unter denen Missbrauch in kirchlichen Gemeinschaften stattfindet. Der oder die Einzelne, sie zählen in diesem System nicht viel. So hat es Doris Reisinger erlebt. „Was ein Mensch braucht, ist im Zweifelsfall egal“, sagt sie. „Hauptsache, die Lehre wird berücksichtigt.“ Und das Leiden? Das muss dann im Zweifel auch zurückstehen.

Doris Reisinger lebt heute im Rhein-Main-Gebiet. Sie ist verheiratet mit einem ehemaligen Mitbruder, zusammen haben sie einen kleinen Sohn. Sie arbeitet als Headhunterin, steht kurz vor der Verteidigung ihrer Promotion in Philosophie. „Es geht mir gut“, sagt sie. „Ich hatte einfach wahnsinniges Glück.“

Der Sprecher von „Das Werk“ erklärt, es habe Reformen gegeben. Der Orden sei jetzt „sensibler für die Anliegen Einzelner“. Was das genau bedeutet, erklärt er nicht. Der Pater, den Doris Reisinger beschuldigt, ist weiter bei „Das Werk“. Ein anderer Pater, Hermann G., der sie während der Beichte belästigt haben soll, hat Ende Januar sein Amt als Abteilungsleiter in der Glaubenskongregation niedergelegt. Die kirchenrechtliche Untersuchung gegen ihn läuft noch.

Doris Reisinger geht es darum, dass die Kirche kein Leid mehr produziert. „Missbrauch ist nur möglich in einem Machtungleichgewicht“, sagt sie. „Deswegen muss die Kirche ihre Machtstruktur ändern.“ Demokratischer werden. Gleichberechtigt.

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