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Kinderarbeit für einen Bäcker  in Ghana.
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Kinderarbeit für einen Bäcker in Ghana.

Indien

Im Teufelskreis der Armut

  • Christine Möllhoff
    VonChristine Möllhoff
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In keinem anderen Land der Welt müssen so viele Kinder arbeiten wie in Indien. Sie sind die billigsten und am wenigsten geschützten Arbeitskräfte. Von Christine Möllhoff

Neu Delhi. Santosh ist erst zehn Jahre alt, als ihn seine Eltern in die große Stadt, ins rund 1000 Kilometer weit entfernte Delhi, schicken - damit er Geld verdient. Der Junge stammt aus dem östlichen Bihar, einem der ärmsten und rückständigsten Staaten Indiens. Seine verzweifelten Eltern sehen keine anderen Ausweg mehr, als den Ältesten aus dem Haus zu werfen. Sie schaffen es nicht, ihn und seine Geschwister durchzufüttern. Sie hoffen, dass Santosh es in Delhi auf eigene Faust schafft.

Allein und auf sich gestellt findet sich der gerade einmal zehn Jahre alte Junge in der 16-Millionen-Metropole wieder, von der bis dato nur gehört hatte. Er landet auf der Straße, schlägt sich für 20 bis 30 Rupien - weniger als 50 Cent - am Tag als Kellner und Tellerwäscher in den Straßenrestaurants, den Dhabas, durch und schläft nachts auf Bahnsteigen.

Sein Schicksal ist nur eines von Millionen. In keinem anderen Land müssen so viele Kinder arbeiten wie in Indien. Gesicherte Zahlen gibt es nicht - die Schätzungen schwanken je nach Quelle zwischen 13 und 100 Millionen.

Per Gesetz ist Kinderarbeit zwar schon seit 20 Jahren verboten. Doch die Realität ist eine andere. Kinderarbeit ist Alltag in der aufstrebenden Wirtschaftsnation. Schon frühmorgens sieht man verdreckte, zerlumpte Jungen und Mädchen in den Straßen Müll aufpicken. Kinder malochen in stickigen Textil- und Teppichfabriken, schuften in Steinbrüchen und auf Baustellen, riskieren ihr Leben, um Streichhölzer und Feuerwerk zu fertigen. Oder sie stehen den ganzen Tag in der brennenden Sonne an der Straße, um Luxusmagazine, Bücher oder andere Waren zu verkaufen.

Sie sind die billigsten Arbeiter Indiens. Und die schutzlosesten. Viele werden geschlagen, misshandelt oder vergewaltigt. Vor allem das Millionenheer der kindlichen Haushaltssklaven ist ihren Arbeitgebern ausgeliefert. Zwar hat Indien vor wenigen Jahren gesetzlich verboten, Kinder unter 14 Jahren im Haushalt zu beschäftigten. Doch in der Praxis wird das Verbot kaum kontrolliert. Und oft fehlt es auch an Unrechtsbewusstsein. Viele Kinderarbeiter stammen aus Muslim- oder Dalit-Familien, wie die Unberührbaren heute heißen. Ihr Leid kümmert wenig.

Die zwölfjährige Payal hat es nur einer aufmerksamen Nachbarin zu verdanken, dass ihr Martyrium hinter verschlossenen Türen endete. Ihr Vater, ein mittelloser Bauer aus West-Bengalen, hatte sie über eine Jobagentur als "Dienstmädchen" an einem Privathaushalt in Delhi vermittelt. Man lässt sie nicht nur zehn bis zwölf Stunden am Tag arbeiten, obendrein verweigern die Dienstherren ihr den Lohn und schlagen sie brutal. Über sieben Monate hört die Nachbarin die Schreie des Mädchens, bis es ihr gelingt, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Die Nachbarin holt die Polizei.

Das ist eher die löbliche Ausnahme. Die Schicksale sind oft erschreckend. Doch Rufe nach einem Verbot klingen zwar wohlmeinend, helfen aber wenig, weil sie nichts an den Problemen ändern. Wichtigste Ursache ist die Massenarmut. Jeder dritte Inder lebt unterhalb der Armutsgrenze. Vielen Familien bleibt nichts anderes übrig, als ihre Kinder zum Arbeiten zu schicken. Das ist immer noch besser, als sie verhungern zu lassen. Andere müssen ihre Kinder verpfänden oder verkaufen, um Schulden zu bezahlen. Doch Kinderarbeit zementiert auch die soziale Ungleichheit und Armut. Weil die Kinder selten zur Schule gehen, lernen sie weder lesen noch schreiben. Die Ärmsten der Armen landen in einem Teufelskreis.

Viele Helfer verfolgen daher pragmatischere Ansätze. Die Organisation Butterflies - Schmetterlinge - für "Straßen- und arbeitende Kinder" etwa versucht nicht, die Kinder generell von der Arbeit wegzuholen. Sie bemüht sich vielmehr, ihnen eine Ausbildung und medizinische Versorgung zu bieten. Auch Santosh, der Junge aus Bihar, hörte eines Tages von Butterflies. Er geht wieder zur Schule, sitzt begeistert am Computer und möchte eines Tages einen Computerladen eröffnen.

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