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Funktionierende Testkits sind nicht nur in Los Angeles Mangelware.

„Sargnagel“

Die USA im Testchaos

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Kein Material, fehlerhafte Verfahren: Die amerikanischen Labors mit den Corona-Tests kommen kaum hinterher. Der US-Präsident weist die Schuld von sich, doch er erntet Widerspruch.

Die Liste wirkte eindrucksvoll. Auf Wunsch des Präsidenten hatten dessen Mitarbeiter penibel alle 5000 Labors aufgelistet, die in den USA auf das Coronavirus testen. „Wir haben einen tollen Job gemacht“, lobte sich Donald Trump und wedelte vor laufenden Kameras stolz mit dem Papierstapel. Das sehen viele Amerikaner anders, die trotz eindeutiger Symptome von den Notaufnahmen immer noch ohne Test nach Hause geschickt werden. Selbst im Umfeld des Präsidenten wird das Problem inzwischen eingestanden: Die fehlenden Tests könnten zum „Sargnagel“ werden, zitiert die Nachrichtenseite „Politico“ einen namentlich nicht genannten republikanischen Spitzenpolitiker.

Tatsächlich sind die Zahlen ernüchternd. Etwa 500 000 bis 700 000 Tests müssten nach einer Studie der renommierten Harvard-Universität täglich in den USA durchgeführt werden, um die Mehrheit der Infizierten identifizieren und isolieren zu können. Tatsächlich sind es täglich gerade einmal 150 000 – und die Zahl stagniert seit zwei Wochen. Anderthalb Monate nach dem Lockdown sind im Land nach den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität rund vier Millionen Menschen überprüft worden. Das ist gut ein Prozent der Bevölkerung. In Deutschland ist die Rate doppelt so hoch.

In einer bemerkenswerten Titelgeschichte stellte das konservative „Wall Street Journal“ der Trump-Regierung jetzt ein verheerendes Zeugnis aus: „Ein Dickicht aus Lieferengpässen, weit verbreiteten Rückstaus, unerwarteten Pannen und unzuverlässigen Ergebnissen vergrößert die nationale Krise“, schreibt das Blatt. Tatsächlich herrscht bei den Tests ein regelrechtes Chaos. Erst lehnten die USA die von der Weltgesundheitsorganisation angebotenen Komponenten ab, weil ihre Seuchenbekämpfungsbehörde Center for Disease Control ein eigenes Verfahren entwickelt hatte. Diese Tests erwiesen sich im Februar dann aber als fehlerhaft. Zudem war das Labor, in dem sie entwickelt wurden, verunreinigt.

Trump weist Schuld von sich

Nach wochenlangem Zögern erlaubte die Trump-Regierung Ende Februar dann auch privaten Labors, in das Geschäft einzusteigen. Diese nutzen jedoch ganz unterschiedliche Materialien und Methoden, die nicht kompatibel sind. Am 6. März behauptete Trump wahrheitswidrig: „Jeder, der es will, kann getestet werden.“ Ende März präsentierte er bei einer Pressekonferenz ein angebliches Wunder-Testgerät des Herstellers Abbott. Doch dieser Apparat war nie für den Masseneinsatz geplant, und die erforderlichen Kartuschen sind nicht ausreichend verfügbar. Lieferengpässe bei Abstrichstäbchen, Reagenzgläsern und Chemikalien bremsen allerorten die Untersuchungen. „Ich habe 300 Labors in meinem Bundesstaat“, klagt Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York: „Aber wir können die Tests nicht bekommen.“

Über die Parteigrenzen hinweg wehren sich die Gouverneure daher gegen Trumps Versuch, ihnen die Verantwortung für das Debakel zuzuschieben. „Das ist eine lokale Angelegenheit“, behauptet der Präsident bei jeder Gelegenheit. Schließlich gebe es genügend Labors.

„Jeder Gouverneur in Amerika drängt und kämpft“, widerspricht etwa Larry Hogan, der republikanische Gouverneur von Maryland. Mit Hilfe seiner aus Südkorea eingewanderten Ehefrau hat er das Problem nun selbst in die Hand genommen und in Südkorea 500 000 Test-Kits organisiert, die mit einer Korean-Air-Maschine in Baltimore landeten. Das ärgerte den America-First-Apologeten im 50 Kilometer entfernten Weißen Haus mächtig: „Der Gouverneur von Maryland hätte sich das Geld sparen können“, giftete Trump: „Er hätte sich nur schlaumachen müssen, wo in seinem Staat Labors sind.“

Hogan bedankte sich vorgeblich höflich für den Tipp: Genau dort würden seine Tests nun nämlich eingesetzt.

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