Terroristen in Zagreb gefaßt

Jugoslawien wünscht Austausch gegen 'Ustascha'-Leute

Von unseren Korrespondenten

wd/kk BONN/FRANKFURT A. M. Die vier mutmaßlichen deutschen Terroristen Brigitte Mohnhaupt, Rolf-Clemens Wagner, Peter Boock und Sieglinde Hofmann sind in Jugoslawien festgenommen worden. Der Sprecher des Bundesjustizministeriums, Sepp Binder, sagte am Montag in Bonn, die Bundesregierung habe bereits 'um den 20. Mai herum' ein Auslieferungsersuchen an Jugoslawien gerichtet. Binder bestätigte gleichzeitig, daß auch Jugoslawien von der Bundesrepublik die Auslieferung einiger Personen beantragt hat, bei denen es sich um Exilkroaten handeln soll. Es handele sich aber um kein 'Tauschgeschäft'. Um wen es sich bei den von Jugoslawien angeforderten Personen handelt, wollte Binder jedoch nicht bekanntgeben Er sagte lediglich, daß einige dieser Personen festgenommen, andere aber auf freiem Fuß seien, und daß es deshalb unzweckmäßig sei, diese Namen öffentlich zu machen oder mitzuteilen, zu welchem Kreis von Personen sie zu rechnen seien.

Binder bestritt, daß irgendeine Art von 'Tauschgeschäft' geplant sei. Es handele sich um zwei Auslieferungsbegehren, 'die völlig unabhängig voneinander' liefen, sagte er. Nach dem deutsch-jugoslawischen Auslieferungsvertrag von 1974 hätten auf beiden Seiten Richter über die Auslieferung zu entscheiden und nicht die Regierungen, so daß eine Verbindung schon daher nicht gegeben sei. Als einen Grund dafür, warum die Bundesregierung die Festnahmen in Jugoslawien noch nicht bekanntgegeben habe, nannte Binder die Hoffnung, unter Umständen noch andere Terroristen dingfest machen zu können.

Über die genauen Umstände der Festnahmen in Jugoslawien wollte oder konnte Binder nichts sagen. Er sagte, daß er bei der Bekanntgabe, so wie sie jetzt erfolgt sei, keinen Schritt gemacht habe, der nicht mit dem Generalbundesanwalt abgestimmt worden sei.

Noch am Montagvormittag hatten die Staatssekretäre der beteiligten Bonner Ressorts beschlossen, vorläufig keine offizielle Mitteilung über die Verhaftungen in Jugoslawien zu verbreiten. Erst eine Anfrage der 'Frankfurter Rundschau', die am Wochenende durch einen anonymen Telefonanruf einen Hinweis über die Verhaftungen erhalten hatte, führte dann offensichtlich zur Aufhebung der Bonner Nachrichtensperre.

Im Hintergrund des amtlichen Schweigens, so verlautete aus gut unterrichteten Kreisen, steht die Sorge Bonns vor politisch-diplomatischen Schwierigkeiten mit der Regierung in Belgrad. Durch ihren Bonner Botschafter hatte nämlich die Belgrader Regierung angeblich wissen lassen, daß sie einer Auslieferung der vier gesuchten Deutschen nur dann zustimmen werde, wenn Bonn dafür, gewissermaßen im 'Gegengeschäft', eine Anzahl von Mitgliedern der rechtsradikalen, kroatischen Exilbewegung 'Ustascha' an Jugoslawien ausliefern werde. Dabei handelt es sich, so heißt es, überwiegend um Personen, die frei in der Bundesrepublik leben, gegen die also keine Strafverfahren oder gar Verurteilungen vorliegen.

Die vier gesuchten mutmaßlichen Terroristen, die verdächtigt werden, an der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer beteiligt gewesen zu sein, wurden bereits am 10. Mai in Zagreb verhaftet. Am selben Tage wurde auf dem Pariser Flughafen Orly der ebenfalls steckbrieflich gesuchte mutmaßliche Terrorist Stefan Wisniewski festgenommen. Wisniewski wollte damals zu einem Flug nach Zagreb starten, wo er, wie Recherchen der bundesdeutschen Fahnder ergaben, mit Wagner und den anderen ein Treffen vereinbart hatte.

Die Fahndungserfolge Anfang Mai in Paris und Belgrad sind - wie verlautet - das Ergebnis einer intensiv und wissenschaftlich betriebenen Ermittlung. Schon nach der Schleyer-Entführung hatten die deutschen Ermittler herausgefunden, daß die Flugkarte für den Schleyer-Sohn Hanns-Eberhard, der ein Lösegeld über Paris nach Algier transportieren sollte, in Paris unter einem Liechtensteiner Namen gekauft worden war. Der Paß, den der unbekannte Ticketkäufer vorzeigte, war Monate zuvor in Liechtenstein aus einem Auto gestohlen worden. Spätere Nachforschungen ergaben, daß der gesuchte Rolf-Clemens Wagner mit diesem Paß häufig in osteuropäische Hauptstädte flog. In diesem Zusammenhang erscheint bemerkenswert, daß die arabischen Entführer der in Mogadischu befreiten Lufthansamaschine, die Entführer des Wiener Millionärs Palmer und die in der Schweiz verhafteten Deutschen Gabriele Kröcher-Tiedemann und Christian Möller polnische Makarow-Pistolen besaßen. Untersuchungen ergaben, daß die Magazine dieser Pistolen vertauscht waren, ein sicherer Hinweis dafür, daß ein organisatorischer Zusammenhang zwischen diesen unterschiedlichen Gruppen bestanden hat.

Dem Vernehmen nach wurden die jugoslawischen Auslieferungsanträge erst nach der Festnahme der mutmaßlichen Terroristen in Zagreb gestellt. Es bestehe ein 'zeitlicher Zusammenhang', hieß es.

FR vom 30. Mai 1978

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