Debatte

Terrorismus und Islamismus entstehen in Deutschland nicht erst in Moscheen

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Terrorismus und Islamismus entstehen in Deutschland nicht erst in Moscheen und sind nicht alleinige Schuld von Imamen. Zeit, etwas Licht in eine verworrene Debatte zu bringen.

  • In Deutschland lebende Muslime werden zu häufig mit Terrorismus und Islamismus in Verbindung gebracht.
  • Der Dialog des Staates Deutschland mit der muslimischen Gemeinschaft darf nicht als Anti-Terrorismus-Kampagne missbraucht werden.
  • Die derzeitige Strategie begünstigt viel mehr islamistischen Terrorismus in Deutschland.

Deutschland – In Deutschland ausgebildete Imame für Deutschlands Musliminnen und Muslime – das Projekt, dem sich die Islamkonferenz (DIK) verschrieben hat und an dem einige Moscheeverbände und Hochschulen längst arbeiten, hätte Besseres verdient, als von der aktuellen Extremismusdebatte an den Aufmerksamkeitsrand verdrängt zu werden. Die Parallelität am gestrigen Dienstag war mehr als bedauerlich: Während Bundesinnenminister Horst Seehofer mit Vertreter:innen der muslimischen Community über die Imamausbildung sprach, beriet Angela Merkel mit europäischen Spitzenpolitiker:innen über den Kampf gegen islamistischen Terror. Beides muss unbedingt auseinandergehalten werden.

Sonst droht, was nicht passieren darf: Der Dialog des Staates mit der muslimischen Gemeinschaft wird als Anti-Terror-Strategie missbraucht. Das darf aber nicht seine Intention sein. Denn bei den Projekten der DIK, seien es die Imamausbildung, der islamische Religionsunterricht oder der Kampf gegen Muslimfeindlichkeit, geht es seit Jahren darum, ein bedeutsames integratives Signal an die 4,5 Millionen Muslim:innen auszusenden: Ihr gehört zu uns. Wir packen Probleme und offene Fragen gemeinsam an.

Und wir unterstützen euch auf dem Weg zu einem Islam, dem die hier verwurzelten Menschen mit muslimischem Hintergrund sein Gesicht geben. Hier ist schon viel vorangebracht worden: Es gibt Lehrstühle für islamische Theologie, von denen noch wichtige Impulse für einen hier beheimateten Islam ausgehen werden; die Sozialarbeit von Moscheegemeinden wird hier und da gefördert, und es sind, so betont auch Horst Seehofer, über die Jahre gute persönliche Kontakte entstanden, die dem Prozess Bestand geben. Viel ist natürlich noch zu tun, vor allem brauchen die Gemeinden mehr finanzielle Unterstützung, um besser arbeiten zu können.

Bei der Imamausbildung darf es nicht nur um den Kampf gegen Islamismus und Terrorismus in Deutschland gehen

Wenn aber, wie es gestern in manchen politischen Statements anlässlich der Islamkonferenz anklang, jetzt die wichtige Förderung der Imamausbildung vor allem in den Kontext des Kampfs gegen den Extremismus gestellt wird, dann ist das der falsche Weg. Radikalisierung findet in den wenigsten Fällen innerhalb der Moscheegemeinden statt. Sie hat viel mehr mit Diskriminierungserfahrungen, Bildungsgefälle, Entfremdungsprozessen und anderem zu tun. Wer den Gemeinden dennoch die Verantwortung zuschiebt, spielt gerade den Hardlinern in den Verbänden und Moscheen in die Hand, die auf Abschottung zielen.

Eine andere Erkenntnis gehört stattdessen ins Zentrum der Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus: Musliminnen und Muslime sind gleich in mehrfacher und herausragender Weise die Opfer der Gewalttäter, die sich fälschlicherweise auf die gleiche Religion berufen. Kaum registriert wurde zum Beispiel, dass eines der vier Todesopfer von Wien ein junger Österreicher mit albanischen Wurzeln war, dessen Familie aus Nordmazedonien stammte – genau wie der Attentäter selbst.

Der Täter allerdings und seine Radikalisierung waren in aller Munde. Die Regierung Kurz und die Behörden demonstrieren Härte, eine Razzia bei mutmaßlichen Islamisten jagt die andere – aber die Ursachenforschung, was den österreichischen Extremisten im Lauf seines Lebens ins Abseits gedrängt hat, fehlt. Und die Konsequenzen daraus erst recht.

Tag der offenen Tür in der Frankfurter Nuur-Moschee. Michael Schick

Die breite Mehrheit gemäßigter Muslime leidet unter Islamismus und Terrorismus in Deutschland

Die breite Mehrheit gemäßigter Musliminnen und Muslime muss zugleich damit leben, sich immer wieder von islamistischem Terror distanzieren zu müssen - egal ob der Extremismus in Nizza, Dresden oder Wien Tote gefordert hat. Dabei haben der Müllmann mit afghanischen Wurzeln oder die türkischstämmige Wissenschaftlerin bei uns genauso wenig mit dem Wiener Islamisten zu tun wie der biodeutsche Bäcker um die Ecke – sie alle sind vielmehr verbunden durch das Entsetzen und die Angst, so etwas könne sich auch hier wiederholen.

Hierbei geht es um mehr als ein Missverständnis. Wer Muslim:innen hier zur Rede stellt wegen Terrortaten irgendwo, der begeht vielmehr eine gefährliche Grenzüberschreitung. Maram Stern, Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses (WJC) Europa, hat es soeben auf den Punkt gebracht: Eine „Wir gegen sie“-Stimmung ist nicht angebracht, vielmehr müsse Europa den islamistischen Terror als Herausforderung begreifen, die „nur mit den Muslimen, nicht gegen sie“ bewältigt werden kann.

Muslime dürfen in Deutschland nicht wegen Islamismus und Terrorismus zur Rede gestellt werden

Stern warnt zurecht davor, den „Agitatoren in die Falle zu gehen“ und sich von den Attentätern einen Kulturkampf gegen „den Islam“ aufzwingen zu lassen. Den Impuls sollten auch die Verantwortlichen in Deutschland sehr ernst nehmen, sonst stehen die vielen Fortschritte bei der Integration des Islam hierzulande auf dem Spiel. (Ursula Rüssmann)

Rubriklistenbild: © Michael Schick

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