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Frankreich

Terroranschläge in Paris: Der historische Bataclan-Prozess beginnt

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Bei den Terroranschlägen in Paris im November 2015 starben 130 Menschen, im Bataclan und an anderen Orten. Zum Prozessauftakt bekennt sich der Hauptangeklagte zum IS.

Paris – Es ist derzeit sonnig in Paris – genau wie am 13. November 2015, als in der Stadt an mehreren Orten Bomben hochgingen und im Konzertlokal Bataclan und anderen Orten 130 Menschen starben. An diesem Mittwoch beginnt im Justizpalast der Prozess gegen 20 Komplizen und Drahtzieher des schlimmsten Terroranschlags Europas. Es sei schon vom Umfang, aber auch von der Intensität her ein „historischer“ Prozess, sagt Gerichtspräsident Jean-Louis Périès zum Auftakt. Mehrere Hundert Zivilkläger:innen, Anwält:innen sowie ein paar Presseleute sitzen in einem Saal, der eigens für den Anlass gezimmert wurde.

Es ist angenehm kühl in dem langgezogenen Raum. In seinem hinteren Teil sehen die überlebenden Opfer die Angeklagten gar nicht hinter den spiegelnden Plexiglasscheiben. 14 Täter sind anwesend, sechs auf der Flucht oder tot. Allen werden terroristische Machenschaften vorgeworfen, worauf eine lebenslängliche Strafe steht. Einige sind kahlgeschoren, andere haben in der Haft Haare und Bart wachsen lassen.

Auch Salah Abdeslam, der Hauptangeklagte, der einzige Überlebende des Bataclan-Kommandos. Der heute 31-jährige Franzose marokkanischer Abstammung soll im Verlauf des fast neunmonatigen Prozess erläutern, ob er seinen Selbstmordgürtel mit Absicht nicht gezündet hat oder ob dieser wegen eines Defektes nicht losgegangen ist. Das könnte das Strafmaß beeinflussen. Doch wird Abdeslam bei seinem für November angesetzten Verhör überhaupt aussagen?

Terroranschläge in Paris: Der Hauptangeklagte verbreitet vor Gericht IS-Ideologie

Der Auftakt der Verhandlung lässt daran zweifeln. Abdeslam steht zwar wie geheißen auf, um dem Gericht seine Personalien anzugeben. Aber nur, um dann zu deklarieren: „Ich bezeuge hier, dass es keine andere Gottheit als Allah gibt.“ Er gibt zwar seinen Namen an, aber nicht den seiner Eltern: „Die haben hier nichts zu tun“, sagt der bärtige Mann, von dem die Menschen in Frankreich nur das Fahndungsfoto mit einem glatt rasierten Bubengesicht kennen.

Der Gerichtspräsident schluckt und fragt weiter, doch Abdeslam schweigt. Erst auf die Frage nach seinem Beruf erklärt er einstudiert: „Ich habe meinen Beruf aufgeben, um ein Kämpfer des Islamischen Staates zu werden.“

In Paris hat unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Frankreichs größter Prozess begonnen.

Das einzige Mal an diesem Nachmittag geht ein Raunen durch den Saal. Abdeslam distanziert sich nicht von seinen früheren Auftraggebern in Syrien, er bekennt sich zur Terrormiliz. Fachleute behaupten, das tue er nur, weil er in seinen Kreisen als Feigling gelte, der nicht zum Selbstmordattentat fähig sei. Der Kriminologe Alain Bauer hatte vor Prozessbeginn erklärt, es bestehe das Risiko, dass Abdeslam das Gericht als Tribüne zur Selbstrechtfertigung missbrauchen werde.

Terroranschläge in Paris: Überlebende Opfer nehmen am Prozess teil, um zu „verstehen“

Das wäre ein neuer Schlag für die vielen überlebenden Bataclan- und anderen Opfer, die im Vorfeld erklärt hatten, sie kämen zu den Gerichtsverhandlungen, um zu „verstehen“. Doch was gibt es da zu verstehen? In den Vortagen hatten die französische Fernsehsender erschütternde Porträts von Opfern gebracht: Eine Frau musste im Bataclan stundenlang über ihrem erschossenen Ehemann ausharren; einer anderen wurde ein Teil der unteren Gesichtshälfte weggeschossen, was bislang 40 Operationen erforderlich gemacht hat. Die meisten Überlebenden hegen Schuldgefühle, weil sie überlebt haben, und leiden auch sechs Jahre später noch unter posttraumatischen Symptomen.

Und sie, diese unschuldigen Zivilistinnen und Zivilisten, sollen jetzt monatelang die IS-Parolen eines radikalisierten Kleinkriminellen anhören? Die Zeitung „Le Monde“ verteidigt den Prozess als „Antwort der Demokratie“ auf den Terror. Auch der damalige Präsident François Hollande zieht den Rechtsstaat einem französischen „Guantánamo“ vor, wie er laut eigener Angabe bei seiner Einvernahme vor Gericht aussagen wird.

Gerichtspräsident Périès bittet alle Beteiligten, während des Prozesses „die Würde zu wahren“. Die 14 anwesenden Angeklagten ruft er einzeln auf, nur auf die Fragen zu antworten – und sonst zu schweigen. Der Hauptangeklagte Abdeslam schaut nur ins Leere, als ginge ihn das alles nichts an. (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © dpa

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