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Diese Fotografie von Abe Frajndlich stammt aus seinem Fotoprojekt „Before, During and After 9/11“, entstanden an den Chelsea Piers in Manhattan.
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Diese Fotografie von Abe Frajndlich stammt aus seinem Fotoprojekt „Before, During and After 9/11“, entstanden an den Chelsea Piers in Manhattan.

9/11: Gesellschaft

Dieser verdammte Tag - die Geschichte zweier Zeitzeugen der Anschläge von New York

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
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Helaina Hovitz war zwölf Jahre alt, als der Terror ihr nahekam, Abe Frajndlich dokumentierte den Anschlag als Fotograf: Die Geschichte zweier Menschen, die an den Folgen von 9/11 bis heute leiden – und doch innere Stärke finden.

Jeder Mensch, der am 11. September 2001 in New York war, kann sich genau daran erinnern, was er an diesem Tag, um 8:46 Uhr am Morgen, gerade getan hat. Es war der Augenblick, in dem sich mit einem Donnerschlag alles veränderte: die Stadt, das Land, die ganze Welt.

Helaina Hovitz saß im Klassenzimmer der Intermediate School Nummer 89 an der Chambers Street im unteren Manhattan, keine 100 Meter vom World Trade Center entfernt. Es war die erste Stunde des Schultags und Helaina, zwölf Jahre alt, war schlechter Laune. Sie hatte keinen Schirm dabeigehabt, war in einen Sturzregen geraten, und nun ließen sich ihre Haare nicht mehr bändigen. Darüber hatte sie sich mit ihrer Mutter gestritten. Grimmig und gelangweilt hörte sie ihrem Biologielehrer zu, als plötzlich ein gigantischer Knall das Klassenzimmer erbeben ließ.

Der renommierte Fotograf Abe Frajndlich war zu diesem Zeitpunkt rund drei Kilometer weiter nördlich in seinem Studio. Etwa eine Stunde zuvor hatte er seine Wohnung an der Brooklyn Bridge, rund 300 Meter von Helainas Schule entfernt, verlassen, um seinen Sohn in den Kindergarten zu bringen. Als das erste Flugzeug in das World Trade Center raste, war Abe Frajndlich gerade mit seinem Assistenten damit fertig geworden, das Studio für ein Shooting herzurichten; der Fox-News-Moderator Bill O’Reilly sollte an diesem Morgen für das Wochenendmagazin „Parade“ abgelichtet werden.

Den Knall selbst hörte Abe Frajndlich gar nicht, „ich war in der Toilette und muss genau in diesem Moment gespült haben“. Doch als er wieder ins Studio trat, sah ihn sein Assistent verstört an: „Es ist etwas ganz Eigenartiges passiert.“ Sie drehten das kleine Radio an, aus dem wirre, beängstigende Meldungen kamen: „Es scheint, als ob ein Hubschrauber oder ein Flugzeug das World Trade Center getroffen hat.“

Abe Frajndlich lebte seit Jahrzehnten als Nachrichtenfotograf und Dokumentar in New York, und sein Instinkt drängte ihn nach draußen. Er packte eine Tasche mit einer kleinen Fotoausrüstung, stürmte auf die Straße und schnappte sich ein Taxi, fuhr an den Hudson. Dort, von einem Pier aus, der weit in den Fluss hinaus ragt, hatte er freien Blick auf das untere Manhattan.

Es war nun beinahe neun Uhr, dichte schwarze Wolken quollen aus den oberen Stockwerken eines Turms des World Trade Center. Auf dem Pier hatte sich eine Menschenmenge versammelt, sie starrten, in die strahlende Morgensonne blinzelnd, still und fassungslos in Richtung Süden. Dann dröhnte das Geräusch eines Triebwerks über Manhattan, so laut, so nahe, dass es allen durch Mark und Bein fuhr. Und das Unglaubliche geschah: Die zweite Maschine, eine Boeing 767-200, raste in den zweiten Turm.

An das Bild des Aufpralls erinnert Abe Frajndlich sich kaum, obwohl er genau in dem Moment auf den Auslöser drückte. Was er jedoch noch genau vor sich sieht, ist das Gesicht des Mannes, der vor ihm stand: „Ich habe noch nie Entsetzen in solcher Reinform gesehen. Es war wie aus dem Picasso-Gemälde Guernica.“

Helaina Hovitz saß in der Zwischenzeit mit 500 Mitschülerinnen und -schülern in der Schul-Cafeteria. Keines der Kinder wusste genau, warum sie dort waren oder was draußen, auf der anderen Seite des Westside Highway, vor sich ging. Gerüchte von einer Bombe gingen um. Und dann kamen auf einmal Männer mit großen Helmen und grünen Uniformen herein. Es war zehn nach neun, der zweite Turm war bereits getroffen. Nun brach das Chaos aus. Die Schule sollte sofort evakuiert werden, doch kein Kind durfte alleine nach Hause. Helainas Mutter arbeitete aber im Rockefeller Center, in Midtown, ihr Vater auf der anderen Seite der New Yorker Bucht auf Staten Island. Zum Glück war da Ann, die Mutter ihres Mitschülers Christopher, der wie Helaina in einem Apartmenthaus auf der anderen Seite von Manhattan auf der Fulton Street lebte. Normalerweise dauerte der Fußweg nach Hause keine 15 Minuten. Doch an diesem Tag sollte Helaina Stunden brauchen. Es waren die schlimmsten ihres Lebens.

Beinahe unmittelbar, nachdem sie mit Ann und ihrem Klassenkameraden Christopher auf die Straße getreten war, hörten sie die Geräusche. Helaina erinnert sich, dass sie so klangen, als ob faustgroßer Hagel gegen eine Scheibe hämmert oder ein gigantischer Sack voller Nägel ausgeschüttet wird. Ann packte Helaina, barg deren Kopf unter ihrem Mantel und sagte immer wieder: „Schau nicht hin. Schau nicht hin.“ Die drei standen direkt unter den Türmen. Flammen schlugen aus den oberen Stockwerken. Vielleicht, dachte Helaina, sind das Bomben, die da herunterstürzen, vielleicht bombardieren sie uns.

Abe Frajndlich und seine Familie. Er fotografiert das Leben in New York, auch schon lange vor 9/11.

Dann fiel der erste Turm. Helaina erinnert sich an ein Geräusch wie das Kratzen von 1000 gigantischen Kreidestücken auf einer Tafel am Himmel. Dann rannten alle. Ein paar Arbeiter zogen Helaina, Ann und Christopher in die Eingangshalle eines Gebäudes. Helaina konnte nur daran denken, dass sie sich zuletzt mit ihrer Mutter gestritten hatte. Erst als sie ihr Spiegelbild in einer Fensterscheibe sah, spürte sie, dass sie die ganze Zeit geweint hatte.

Als Ann und die beiden Kinder wieder auf die Straße traten, war nichts zu erkennen, was sie auch nur im Entferntesten an die Stadt erinnerte hätte, die sie kannten. Der Himmel war schwarz. Alles war mit einer dicken Schicht grauen Staubs überzogen. Verwirrte, verstörte Menschen irrten umher. Polizisten bellten verzweifelt sinnlose Befehle durch die Straßen. Das Leben der Stadt war jäh gestoppt, und Helaina war sicher, dass sie alle sterben würden.

Abe Frajndlich hatte inzwischen Kontakt zu seiner Frau Cynthia aufgenommen, die in einem Büro in Midtown arbeitete. Ihr Sohn war sicher bei einem Schulkameraden zu Hause, sie vereinbarten, sich bei einem befreundeten Paar an der Houston Street zu treffen, nördlich der Zone, die schnell zum Sperrgebiet erklärt worden war. Noch am selben Abend gelangten Cynthia und Abe durch die Straßensperren bis zum City Hall Park.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schafften sie es zu ihrem Apartmentgebäude, das noch stand. Doch der Anblick, der sich ihnen bot, als sie ihre Wohnungstür öffneten, ließ sie erschaudern. Alles war unter einer zentimeterdicken Kruste von Asche begraben. „Es sah aus wie eines jener Häuser in einem Horrorfilm, das 50 Jahre lang niemand mehr betreten hatte“, sagt Abe.

In Helainas Zuhause sah es ähnlich aus. „Als ich mein Bett gesehen habe, konnte ich nur denken, wessen Asche wohl darauf liegt? Wer hat in meinem Bett wohl seine letzte Ruhe gefunden?“ Doch alle waren wohlauf, die Familie hatte überlebt.

Am nächsten Tag begann Abe Frajndlich zu fotografieren und zu dokumentieren, was sich tat an dem Ort, der bald Ground Zero genannt wurde. Er nahm die qualmenden, schwelenden Trümmer auf, die verlassenen Geschäfte und Restaurants, die Vermisstenanzeigen, die überall hingen, die Arbeiter, die verzweifelt nach Überlebenden suchten.

Auf einem seiner Streifzüge traf er zwei Männer mit Schutzanzügen und Gasmasken – Wissenschaftler, die die Luftqualität überprüften. Als er ihnen erzählte, dass seine Frau gerade dabei sei, ihre Wohnung zu putzen und von Staub und Asche zu befreien, befahlen sie ihm, sie unverzüglich dort herauszuholen, der Staub sei giftig und gefährlich. Abe rannte zurück zu ihrer Wohnung und warnte auch die Menschen in der Nachbarschaft.

Helaina Hovitz, Journalistin, schriebt auch über ihr Leben nach 9/11.

Helaina und ihre Familie richteten sich unterdessen in der sogenannten Todeszone ein. Die Gegend unmittelbar um Ground Zero war zwar evakuiert worden, doch aus irgendeinem Grund hatte man das Apartmenthaus vergessen, in dem die Familie Hovitz wohnte. So begannen für sie Wochen, die sich ähnlich angefühlt haben müssen, wie das Leben in den Trümmern einer deutschen Stadt im Jahr 1945.

Ein Tagebucheintrag von Helaina: „Der Supermarkt an der Smith Street ist offen, aber es gibt nichts mehr. Also mussten wir zur John Street laufen. Als wir unterwegs waren, brach auf einmal eine Panik aus, und alle begannen zu rennen. Jemand hatte gesagt, dass die Nummer 1 Liberty Street einstürzt. Ich kriege noch einen Herzinfarkt, wenn das so weitergeht. Im Altenheim St. Marys ist der Strom ausgefallen. Was wohl aus den Leuten dort wird? Vor unserem Haus stehen jetzt Soldaten. Bedeutet das, dass es jetzt sicherer ist? Unsere Schulpsychologin hat eine E-Mail geschickt. Sie glaubt, dass sie daran Schuld hat, was wir alles erleben mussten.“

In den kommenden Monaten sollte im unteren Manhattan langsam wieder so etwas wie Normalität einkehren. Die Geschäfte, Büros und Restaurants öffneten wieder, die Kinder gingen wieder zur Schule. Ground Zero wurde mit einem Bauzaun umringt, der rund zehn Jahre dort stehen sollte. New York ließ den 11. September hinter sich, schneller als die meisten Menschen im Land. Viele sahen es so wie Abe Frajndlich: „Es bringt nichts, lange darüber zu grübeln. Man muss nach vorne schauen.“

Doch Helaina spürte bald, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Die U-Bahn-Fahrten zu ihrer neuen Schule waren unerträglich. Sie bekam Panikattacken. Jede Durchsage konnte bedeuten, dass es wieder losgeht, in jeder Tasche vermutete sie eine Bombe: „Für mich war es nie die Frage, ob das noch einmal passiert. Nur wann.“

Unter anderen Jugendlichen, die 9/11 nicht so hautnah erlebt hatten, fühlte Helaina sich isoliert. Und schon sehr früh fand sie Zuflucht im Alkohol. Sie begann mit Therapien. „Ich bekam tausend verschiedene Diagnosen und zig Medikamente. Aber nichts davon hat geholfen. Ich habe mich dadurch nur noch einsamer gefühlt“. Als Helaina mit 18 aufs College kam, war sie vollkommen haltlos, ihr Alkohol- und Drogenkonsum außer Kontrolle geraten.

Cynthia wiederum war wie besessen von dem Tag des Grauens. Sie sah jeden Film über 9/11, las jedes Buch und jeden Artikel. Immer wieder. „Sie konnte nicht loslassen, das Ereignis hat sie zutiefst verändert“, sagt Abe Frajndlich. Gut fünf Jahre später wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. Die Ärzte wollten sich nicht auf einen Zusammenhang mit dem Staub aus den Türmen festlegen, ihn aber auch nicht ausschließen. Bevor Cynthia im Jahr 2007 dem Krebs erlag, war sie fest davon überzeugt, dass es der 11. September war, der sie zerstört hat. Körperlich und psychisch.

Helaina Hovitz hingegen fand rund zehn Jahre nach den Anschlägen endlich einen Therapeuten, der bei ihr die richtige Diagnose stellte. Als sie hörte, dass sie unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet, wurden ihr endlich ihre Symptome verständlich. Sie begann nach undn nach, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Hörte auf zu trinken, baute sich eine Karriere als Journalistin auf und heiratete im Jahr 2018.

Gleichzeitig etablierte sie ein Netzwerk für die Kinder des 11. September: „Es gibt noch immer, 20 Jahre später, so viele von uns, denen es schlecht geht und die nicht wissen, was mit ihnen los ist.“ Nachrichten aber meidet sie bis heute. Ereignisse wie den Sturm auf das Kapitol in Washington im Januar 2021 oder kürzlich den Zusammenbruch Afghanistans will sie nicht an sich heranlassen. „Wenn es etwas gibt, was ich wissen muss, dann sagt mir das schon mein Mann.“ Als Journalistin konzentriert sie sich auf positive Nachrichten, auf „Geschichten, die inspirieren“.

Abe Frajndlich, heute 75 Jahre alt, hat New York verlassen. Das untere Manhattan, dass er vor 2001 geliebt hat und in dem sein Sohn aufgewachsen ist, hat sich dramatisch verändert: „Ich erkenne es nicht wieder.“ Was er mit der Stadt nach dem 11. September in Verbindung bringt, ist schmerzhaft.

Er ist nach Cleveland zurückgekehrt, wo er aufgewachsen ist. Noch erfreut er sich einer bemerkenswerten Lebensenergie. Doch in ihm tickt eine Zeitbombe. Auch er hat Krebs und dieser ist noch viel eindeutiger auf den Staub von Ground Zero zurückzuführen als der seiner Frau. „Irgendwann wird es hässlich werden“.

Doch Abe Frajndlich hält es damit, wie er es immer gehalten hat: „Was soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen.“ Er macht aus jedem Tag das Beste, er lebt, so gut es geht, im Jetzt. Zu dem, was in der Welt vorgeht, hat er eine beinahe philosophische Einstellung: „Es scheint so, als ob sie immer verrückter wird, je älter ich werde“, sagt er unter dem Eindruck der Nachrichten aus Afghanistan. Dabei klingt er gelassen. Sich über Dinge aufzuregen, die er nicht ändern kann, hat er schon lange aufgegeben.

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