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Terror im Vakuum

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Das Muster terroristischer Gewalt nimmt in Irak neue Formen an. Wo Anschläge auf klassische Ziele wie "Besatzer" und "Ungläubige" nicht mehr genügen, rücken

Von Rolf Paasch

Das Muster terroristischer Gewalt nimmt in Irak neue Formen an. Wo Anschläge auf klassische Ziele wie "Besatzer" und "Ungläubige" nicht mehr genügen, rücken zunehmend "weiche" Ziele in das Visier der Täter: die jordanische Botschaft mit arabischem Personal; das Hauptquartier der Vereinten Nationen mit internationalen Bediensteten; das Mausoleum Imam Alis mit gläubigen Schiiten. Die Anschläge des vergangenen Monats suggerieren Indifferenz oder gar Beliebigkeit in der Planung. Bei genauerem Hinsehen aber ist ihre Logik so präzise wie infam. Die Bombe gegen die jordanische Botschaft war ein Signal an die gemäßigten arabischen Regierungen, nicht mit den USA zu "kollaborieren". Das Selbstmordattentat auf das UN-Hauptquartier sollte die Partner der USA abschrecken, die daran denken, Helfer oder Soldaten zum Wiederaufbau des Landes zu entsenden. Und der Massenmord von Nadschaf gefährdet den bisher einzigen Erfolg der Kriegskoalition in Irak: die prekäre Einbindung der schiitischen Führung in das Projekt des Staatsaufbaus.

Noch ist unklar, wer Ayatollah Mohammed Bakir al-Hakim mitsamt vielen gläubigen Schiiten vor dem Heiligtum von Nadschaf in die Luft sprengen ließ. Doch Abfolge und Machart der drei jüngsten Bombenattentate in Irak deutet auf ein Zusammenwirken von einheimischen Loyalisten des gestürzten Regimes und fremden Dschihadisten aus dem Umfeld von Al Qaeda. Damit droht die umstrittene Politik des präventiven Regimewechsels genau das hervor zu bringen, was sie zu verhindern vorgab: eine Allianz zwischen dem säkularen Totalitarismus des Saddam Hussein und dem religiösen Faschismus des Osama bin Laden.

Mit dieser Gefahr tritt die Besatzung Iraks durch die amerikanisch-britische Kriegskoalition in eine neue Phase. Es geht nicht mehr um den konstruktiven Aufbau einer Demokratie in Irak mit positiven Folgewirkungen für den Nahen Osten. Es geht um die Verhinderung einer gewalttätigen Implosion des Landes mit Sogwirkung für alle Terroristen dieser Welt. "Die Amerikaner", so hatte der ermordete Ayatollah al-Hakim noch vor kurzem die Kriegskoalition kritisiert, "haben das Vakuum nicht besetzt und auch den irakischen Parteien nicht erlaubt, es zu füllen".

Doch selbst wenn die Verwalter in Zukunft an Kompetenz gewinnen und Bereitschaft zur Arbeitsteilung zeigen, bleibt der Staatsaufbau eine komplexe Aufgabe. Gerade die jüngsten Anschläge verdeutlichen die Dilemmata. Als die US-Soldaten zu Kriegsende in den Straßen um die heiligen Stätten patrouillierten, wurde ihnen mangelnde Sensibilität vorgeworfen; jetzt beschweren sich die Schiiten über den mangelnden Schutz. Aber auch die Übertragung von Polizeiaufgaben an eine Art "irakischer Carabinieri" (Ahmed Chalabi) oder an religiöse Milizen werfen neue Probleme auf. Zum einen können Anhänger des alten Baath-Regimes jede irakische Polizei unterwandern und - wie vermutlich bei dem Anschlag auf die UN - den Widerstand aus dem Inneren des neuen Apparates vorbereiten. Zum anderen droht hier ein Kleinkrieg zwischen rivalisierenden schiitischen Milizen um die Macht.

Wie schwer es sein wird, die Verantwortung auf irakische Institutionen zu verlagern, zeigt die innere Zerstrittenheit des irakischen Regierungsrats. Dieses Organ von Washingtons Gnaden hat es fast fünf Monate nach dem Sturz des Saddam-Regimes noch nicht geschafft, sich auf die Verteilung der Posten im Kabinett zu einigen.

Der doppelt motivierte Terror im Vakuum der US-amerikanischen Besatzung verlangt von der Regierung Bush eine grundsätzliche Revision ihrer bisher so fahrlässigen Irak-Politik. Indirekt haben dies hohe US-Beamte schon eingeklagt: "Vize-König" Paul Bremer mit seinem Zugeständnis, dass Irak "mehrere zehn Milliarden Dollar" benötige; und der stellvertretende Außenminister Richard Armitage mit seinem Vorschlag, den Vereinten Nationen den Staatsaufbau Iraks zu überantworten. Für die Gegner des Irak-Kriegs in Europa und anderswo heißt dies, die beginnende Debatte über ein UN-Mandat jetzt offensiv zu führen; und zwar mit dem Ziel einer mitdefinierten Beteiligung und nicht in der naiven Hoffnung, sich den enormen Herausforderungen in Irak entziehen zu können.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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