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Flüchtlingsgruppen werden nach IS-Kämpfern durchsucht.

Mossul

"Terror kann man nicht einfach wegbomben"

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Publizist Jürgen Todenhöfer ist mit seinem Sohn in die umkämpfte irakische Stadt Mossul gereist. Ein Gespräch mit ihm über die Macht des IS und den Westen. Er fordert Fairness gegenüber der muslimischen Welt.

Herr Todenhöfer, Sie kommen aus der schwer umkämpften Stadt Mossul im Irak. Eine Art Vorhölle, wie man von Menschenrechts-Organisationen hört.
In dieser Vorhölle lebt die Bevölkerung schon länger. Über zwei Jahre lang hat der IS die Menschen gequält. Nun nennt man es Befreiung, wenn man die Häuser der Zivilbevölkerung bombardiert und ganze Stadtviertel platt macht.
 
Was haben Sie vor Ort gesehen? Gibt es unter Präsident Trump eine Rambo-Strategie?
In West-Mossul finden brutale Kämpfe statt. Das war vor Trump so und ist unter ihm nicht anders. Getötete IS-Kämpfer verwesen in zerbombten Ruinen. Aber es sterben viel mehr Zivilisten als Terroristen. Als mein Sohn Frederic und ich letzte Woche in Mossul waren, wurden gerade die Leichen von 200 Zivilisten aus den Trümmern ihrer Häuser geborgen. Opfer eines US-Bombardements. Sicherheitskräfte sperrten den Bereich ab, um weitere Fotos zu verhindern. West-Mossul erinnert an die Trümmerlandschaft, die einmal das syrische Ost-Aleppo war.

Was wäre die Alternative zu einer militärischen Befreiung?
Es gab ein Angebot der sunnitischen Opposition an das Weiße Haus: „Lasst uns den angeblich sunnitischen IS selbst ausschalten; von uns Sunniten besiegt, wäre er ideologisch erledigt.“ Im Gegenzug wollten die Sunniten der schiitischen Bevölkerungsmehrheit gleichgestellt werden. Rechtlich und auch im Alltag. Darauf sind die USA nicht eingegangen. Heute sind fast alle sunnitischen Städte im Irak zerstört und unzählige Unschuldige gestorben. Die explosive konfessionelle Spaltung des Landes wurde dadurch verschärft.
 
Aber die IS-Terroristen sind geschlagen?
Der sogenannte Islamische Staat geht in der Tat als Staat gerade unter. Aber als Terrororganisation wird er weiterleben. In Mossul kämpfen zur Zeit etwa 2000 IS-Kämpfer gegen eine US-geführte Koalition aus 68 Nationen und mehr als 100.000 Mann. Hier entstehen neue Legenden, wie nur ein solcher Krieg sie schaffen kann. Wer diesem Stahlgewitter entkommt, stilisiert sich als Heldengestalt. David gegen Goliath. Der Terrorismus wird wieder attraktiv für junge Leute, die durch Bombenangriffe alles verloren haben. Sie wollen Rache nehmen und schließen sich den Terroristen an.

Treffen die Bombenangriffe die Falschen?
Fast immer und das weiß jeder. Stellen Sie sich vor, im Kampf gegen die deutschen RAF-Terroristen der frühen 70er Jahre hätte man ganze Stadtviertel angegriffen. Wer das vorgeschlagen hätte, wäre ins Irrenhaus gekommen.

Gelingt es vielen IS-Terroristen zu entkommen?
In den meisten bombardierten sunnitischen Städten ist ein hoher Prozentsatz des IS entkommen. Aus dem völlig zertrümmerten Ramadi über 80 Prozent. Auch in Mossul werden Kämpfer entkommen. Viele haben schon jetzt in den Vorstädten als Schläfer Unterschlupf gefunden. Ihre Anführer versammeln sich überwiegend in der Wüste. Es gibt dort zahlreiche unterirdische Unterkünfte und Tunnelsysteme, die schwer zu bekämpfen sind.

Werden diese Menschen wieder in den Kampf ziehen?
Sicher! Vielleicht unter neuen Namen. Terror ist nicht an bestimmte urbane Strukturen, an Häuser und Straßen gebunden. Er wird noch viele Jahre weiter wüten. Mit neuen teuflischen Strategien. Terror kann man nicht einfach wegbomben.

Was ist Ihr Rat?
Kriege sind der falsche Weg. Wir sollten es mal mit Fairness gegenüber der muslimischen Welt versuchen, anstatt sie alle paar Jahre zu überfallen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatten wir es mit einigen Hundert international gefährlichen Terroristen zu tun. Heute sind es über hunderttausend. Diese Terroristen sind durch unsere Kriege herangezüchtet worden. Durch die Bombardierung Afghanistans, des Irak, Libyens usw. Die Bomben haben Hunderttausende Unschuldige getroffen und heimatlos gemacht. Bomben werfen ist unmenschlich und kontraproduktiv.
 
Sie haben Mossul mehrmals besucht. Vor gut zwei Jahren, als der IS dort herrschte, und jetzt wieder.
Und unmittelbar vor dem Irakkrieg 2003 – zu Saddam Husseins Zeiten. Damals lebten die Menschen in Mossul zwar in Armut, aber friedlich zusammen. Die USA haben nach der Invasion das Land konfessionell gespalten. Als 2014 der IS kam, begannen zusätzlich grauenvolle Vertreibungen und Terror. Jetzt wird Mossul bombardiert, Tausende Zivilisten werden getötet. Für die Bewohner Mossuls ist alles immer nur schlimmer geworden.

 Konnten Sie sich bei Ihrem jetzigen Aufenthalt frei bewegen?
Ja, aber nahe der Front aus Sicherheitsgründen nur mit irakischen Sondereinheiten. Sie haben uns dort hingefahren, wo wir hin wollten. Mehrfach bis auf 100 Meter an die Stellungen des IS heran. Wir gerieten auch immer wieder in Feuergefechte und Straßenkämpfe und wurden von Scharfschützen beschossen. Aber wir bekamen einen recht guten Überblick über die Kampfhandlungen.

Was war am schlimmsten?
Die Kriegskrankenhäuser. Dort zeigt der Konflikt sein wahres Gesicht. Ich stand neben einem völlig verzweifelten Vater. Seine kleine Tochter, mit der er eben noch etwas zu essen besorgen wollte, wurde von Splittern durchsiebt. Ein Selbstmordattentäter des IS hatte sich im angeblich befreiten Ost-Mossul neben ihnen in die Luft gesprengt. Und auf der Intensivstation lag ein schwer verletzter Junge. Opfer eines US-Bombenangriffs. Ich sah nur Elend. Wir müssen lernen, dass dieser angebliche Krieg gegen den Terror den Terror nur größer macht.

Wie geht es weiter?
Mossul wird in ein paar Monaten vom IS gesäubert sein. Uns werden Bilder jubelnder Menschen gezeigt werden. Die haben ja auch einen Grund zu jubeln. Es fallen keine Bomben mehr. In einem armseligen Flüchtlingslager sagte mir ein kleines Mädchen, es wolle immer hier bleiben, weil in dem Lager keine Bomben fielen. Glaubt irgendein vernünftiger Mensch, man könne Terror so besiegen?

Interview: Peter Pauls

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