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Im Norden von Mosambik kämpfen islamistische Rebellen gegen Regierungstruppen – und die Bevölkerung leidet.

Afrika

Terror in Mosambik

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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In Südostafrika dreht sich die Spirale der Gewalt immer schneller. Wieder spielen Bodenschätze eine verhängnisvolle Rolle.

Ein verwackeltes Handy-Video zeigt fünf Uniformierte, die einer Frau folgen. Die Frau ist nackt. Als die Soldaten sie eingeholt haben, schlägt einer ihrer Verfolger mit einem Holzstock auf sie ein: Zwölf Hiebe, auf die Beine, auf den Rücken, ins Gesicht. Die Frau schreit, versucht, zu rennen, stolpert, einer der Uniformierten schießt mit seiner Kalaschnikow in ihre Brust, sie taumelt, weitere Schüsse folgen, die Frau fällt, mehr Schüsse, sie bewegt sich nicht mehr. Doch die Schüsse gehen weiter. Die Uniformierten entleeren ihre Magazine in den Körper der Toten. Der filmende Soldat macht noch schnell ein Selfie von sich mit Siegeszeichen, er lächelt.

Das Video wurde im Norden des südostafrikanischen Staates Mosambik aufgenommen, nahe des Dorfs Awassi, das beim Kampf des mosambikanischen Militärs gegen islamistische Rebellen als strategisch wichtig gilt. Den portugiesischen Gesprächsfetzen der Uniformierten ist zu entnehmen, dass sie die Frau für eine Sympathisantin der Rebellen halten, deshalb musste sie sterben. Selbst die mosambikanische Armeeführung zeigt sich über das im Internet verbreitete Video entsetzt: „Wir heißen keine barbarischen Akte gut“, heißt es in einer ersten Erklärung. Allerdings sei der Beweis nicht erbracht, dass es sich um Soldaten handele. Auch die Rebellen pflegten mosambikanische Uniformen zu tragen, um den Gegner zu verwirren. Man kündigt eine Untersuchung an.

Amnesty International berichtete bereits Anfang des Jahres von schweren Menschenrechtsverletzungen der mosambikanischen Armee. Der Organisation liegen offenbar Videos vor: Sie zeigen eine versuchte Enthauptung, Folterungen und Exekutionen angeblicher Kämpfer der Islamistengruppe Ahlu Sunnah Wa-Jamo (ASWJ). Mosambiks Sicherheitskräfte betrachteten „ihre Gegner offenbar nicht als Menschen“, sagt Pierd Pigou von der Internationalen Krisengruppe (ICG). Bestraft wurde deshalb noch niemand.

In dem seit drei Jahren anhaltenden Konflikt in der nordmosambikanischen Provinz Cabo Delgado liegen die Nerven blank. Den Truppen der Armee und der Spezialpolizei gelingt es nicht, die Aufständischen in den Griff zu bekommen, die sich selbst wie in Somalia „al-Schabab“ (arabisch: die Jungs) nennen. Anfang August gelang es den „Jungs“ ein zweites Mal, das Hafenstädtchen Mocimboa da Praia einzunehmen: Von dort aus werden die Vorbereitungen zur Ausbeutung eines der größten Gasfelder des Kontinents vor der Küste des Indischen Ozeans versorgt. Internationale Ölkonzerne wie Exxon Mobil und Total werden dort über 50 Milliarden US-Dollar investieren, das derzeit größte Wirtschaftsprojekt Afrikas.

Der Aufstand der „Jungs“ ist eine Folge des Mega-Vorhabens: Die überwiegend muslimische Bevölkerung Cabo Delgados sieht sich von der mehrheitlich christlichen Regierungselite im Süden über den Tisch gezogen. Der Norden Mosambiks gilt schon seit Jahrzehnten als Hinterhof des Landes: Hier wurden höchstens illegale Geschäfte gemacht, Rauschgift-, Waffen- oder Wildtierhandel. Die Bevölkerung der Provinz will jetzt endlich vom Rohstoffsegen vor ihrer Küste profitieren – oder andernfalls das Vorhaben stoppen. Und die „Jungs“ wussten sich an die Spitze des Unmuts zu stellen.

Mussten sie bei ihrer ersten Einnahme des Hafenstädtchens schon nach wenigen Tagen wieder das Feld räumen, so gelang es al-Schabab diesmal Mocimboa da Praias zu halten. Mosambiks Sicherheitskräfte zeigten sich außerstande, das Städtchen zurückzuerobern. Inzwischen nutzen die „Jungs“ Mocimboa als Stützpunkt für weitere Geländegewinne: Mit zwei von der fliehenden Armee zurückgelassenen Schnellbooten nehmen sie derzeit eine Insel nach der anderen ein. Das peinliche Versagen der Sicherheitskräfte rief bereits den südafrikanischen Staatenbund SADC auf den Plan: Für Südafrika, Tansania oder Simbabwe wäre ein Scheitern des Megaprojekts genauso katastrophal wie die Etablierung eines islamistischen Emirats in ihrem Hinterhof. Die Al-Schabab-Miliz erklärte im vergangenen Jahr ihre Loyalität zum „Islamischen Staat“ (IS).

Noch scheuen die SADC-Mitglieder eine militärische Intervention in Nordmosambik. In Zeiten von Corona und der Kernschmelze seiner Wirtschaft steht in Südafrika keinem der Sinn nach Militäreinsätzen. Derweil leuchten bei Exxon Mobil und Total die Warnlampen auf: Plötzlich sieht es so aus, als ob „die Jungs“ das Projekt tatsächlich zum Erliegen bringen könnten. Deshalb wollen sie sich an der Sicherung ihres Gasfeldes beteiligen: Private internationale Sicherheitsgesellschaften, früher Söldner genannt, reiben sich bereits die Hände. In Mosambik bahnt sich ein neuer Schauplatz des „Fluchs der Bodenschätze“ an, dem schon zahlreiche andere afrikanischen Staaten zum Opfer fielen.

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