+
Die Mosambikaner müssen Armut, Klimawandel, Corona und Terror erdulden. 

Mosambik

Terror „für das Seelenheil“

Islamisten bedrohen den Norden Mosambiks, vertreiben die Menschen dort und gefährden die geplante Erdgasförderung in dem südostafrikanischen Armenhaus.

Oft kommen sie frühmorgens, noch im Schutz der Dunkelheit. Sie schießen um sich, morden, brennen Hütten nieder, rauben. Dann ziehen sich die Terroristen zurück. Hunderte Menschen sind in dem Konflikt im Norden von Mosambik seit 2017 getötet worden, es könnten auch mehr als 1000 sein. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Hunderte Gebäude wurden zerstört, die nun fehlen für Überlebende des Zyklons „Kenneth“ von 2019, für zu erwartende Corona-Kranke und für Menschen, die vor dem Terror flohen.

Ende März eroberten Islamisten in der nordmosambikanischen Provinz Cabo Delgado erstmals zwei Distrikthauptstädte und konnten sie mehrere Stunden lang halten. In Mocimboa da Praia und Quissanga wurden bis zu 30 Soldaten und Polizisten nach unbestätigten Angaben getötet. Tausende Menschen flüchteten. Wie sollen sie sich in Camps oder in den überfüllten Häusern von Verwandten vor Corona schützen? Inzwischen, sagen Landeskenner, sei durch den Terror sogar die Erdgasförderung gefährdet, das milliardenschwere Zukunftsprojekt des südostafrikanischen Landes, das zu den ärmsten der Welt gehört. Mocimboa da Praia ist nur 80 Kilometer entfernt.

Die Lage vieler Menschen ist verzweifelt. Mitarbeiter von Hilfswerken und UN haben kaum mehr Zugang zu den Krisenorten in Cabo Delgado, weil es zu gefährlich sei, sagte Marc Nosbach, Mosambik-Landesdirektor von Care International, dem Evangelischen Pressedienst: „Es ist schwierig, Lieferungen in die Gebiete zu bringen. Die Arbeit der Helfer kollabiert.“

Durch die Aktionen der Islamisten wurden nach Regierungsangaben seit 2017 schon mehr als 150 000 Menschen in die Flucht geschlagen. Viele Staatsbedienstete, darunter Beamte der Gesundheitsbehörden, haben sich in die Provinzhauptstadt Pemba gerettet. Das erschwere die Vorbereitung auf die Pandemie in Cabo Delgado, warnt die lokale Menschenrechtsorganisation CDD.

Seit 1. April gilt in Mosambik der Notstand. Bis Donnerstag wurden landesweit zehn Corona-Fälle bestätigt, die Dunkelziffer ist unbekannt. Ohne Nahrung, Wasser und Obdach seien die Überlebenden der Terrorangriffe allen möglichen Krankheiten schutzlos ausgeliefert, kritisiert CDD. Auch versuchten viele, übers Meer auf Inseln zu fliehen, und bezahlten das mit dem Leben. Doch niemand nehme das Elend der Terroropfer wahr, weil alle mit der Corona-Abwehr beschäftigt seien.

Seit Oktober 2017 greifen Bewaffnete Dörfer und Städte in Cabo Delgado an, meist, ohne auf Gegenwehr zu stoßen. Die Regierung nennt sie „Aufständische“ und hat zu ihrer Bekämpfung zusätzlich ausländische Söldner wie die russische „Grupo Wagner“ angeheuert. Die Bevölkerung nennt die Islamisten „Al Shabab“ nach der in Somalia operierenden Terrormiliz. Sie selbst nennen sich „Ahlu Sunna Wa-Jamah“ – übersetzt: Jünger der Tradition des Propheten.

Ihre Anführer sind nicht bekannt. Erst in einem bislang nicht verifizierten Internetvideo, das nach der Eroberung von Quissanga auftauchte, stellten sie überhaupt eine Forderung: „Wir wollen das Gesetz des Korans.“ Offenbar wollen sie als Ableger des „Islamischer Staates“ gesehen werden. So berichteten es jedenfalls einige Medien.

Der Londoner Afrikaexperte Alex Vines befürchtet weitere Angriffe. Denn die Aufständischen hätten ihre Strategie geändert: „Es scheint, als wollten sie es vermeiden, die Zivilisten zu verletzen und statt dessen ,ihre Herzen gewinnen‘, indem sie gestohlene Lebensmittel, Medikamente und Kraftstoff an loyale Einwohner austeilen“, schrieb er in einem Beitrag für die südafrikanische Zeitung „Mail & Guardian“. Ihre Angriffe richteten sich verstärkt gegen den Staat und dessen Symbole.

Die muslimisch geprägte und bitterarme Provinz Cabo Delgado spielt wegen der geplanten Erdgasförderung für Mosambik eine zentrale Rolle, auch wenn dort nur 2,5 Millionen der 30 Millionen Mosambikaner leben. Doch um Erdgas und die Erlöse daraus gehe es nicht, heißt es in dem Video der Islamisten. Man kämpfe nicht für Reichtümer, sondern „für das Seelenheil“.

Um schnell Jobs in Cabo Delgado zu schaffen, hat die Regierung nun eine Agentur gegründet. Dies wohl auch, um eine Radikalisierung weiterer junger Männer für den sogenannten Heiligen Krieg zu verhindern. Und Verteidigungsminister Jaime Neto widerspricht vehement der Ansicht, die Streitkräfte seien machtlos: „Wir sind nicht gescheitert in Cabo Delgado. Wären wir gescheitert, dann wären die Angreifer schon in einer anderen Provinz.“ (Stefan Ehlert, epd)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion