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Erinnerungen an die Opfer vom April 2017.

Schweden

Terror in der Drottningsgatan

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In Schweden beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Terroristen Rachmat Akilow. Er soll fünf Passanten überfahren haben.

Schon vor Beginn des Prozesses wegen Mordes an fünf Passanten während einer Amokfahrt durch Stockholms Fußgängerzone 2017 hat die Staatsanwaltschaft Beweise für terroristische Absichten vorgelegt – und wird darin von Rachmat Akilow ausdrücklich bestärkt. „Er wollte Schweden dafür bestrafen, dass wir an der globalen Koalition gegen den IS beteiligt sind“, sagte Ankläger Hans Ihrman am Dienstag.

Auf den 9000 Seiten Anklageschrift gegen den Usbeken Rachmat Akilow findet sich überraschend starkes Beweismaterial dafür, dass der 39-Jährige, seit 2016 als abgewiesener Asylbewerber illegal in Schweden, das Verbrechen über Monate vorbereitet hatte. Sein Anwalt Johan Eriksson gab an, dass Akilow die Tat wie auch die terroristische Absicht gesteht: „Er wollte Schweden dazu bringen, sich nicht mehr an der Koalition gegen den IS zu beteiligen.“ Auch der Tathergang sei in der Anklageschrift präzise wiedergegeben. Unter anderem hieß es darin, dass der Täter vorab in 21 Onlinechats mit „Treueeiden“ für den IS als Motiv ausdrücklich angegeben habe, dass „Schweden die Nato unterstützt, Bombentechniker in den Irak schickt und Kurden ausbildet“.

Der Usbeke war am Nachmittag des 7. April 2017, eine Woche vor Ostern, mit einem gestohlenen Lkw durch die Drottningsgatan gerast, Stockholms belebtester Einkaufsmeile. Nach 500 Metern steuerte er den Wagen in den Haupteingang des Kaufhauses Åhlens und floh von dort aus zu Fuß. Fünf Stunden später ließ er sich nördlich der Hauptstadt an einer Tankstelle festnehmen. Zu den fünf Toten seiner Fahrt gehörten ein elfjähriges schwedisches Mädchen, zwei weitere Schwedinnen sowie ein Brite und eine Belgierin. 15 Menschen wurden schwer verletzt.

Während der unter starker Geheimhaltung geführten Ermittlungen galt bis zu der jetzt veröffentlichten Anklageschrift als vollkommen unklar, wie spontan, mit welchem Motiv und mit wessen Unterstützung der Mann sein Verbrechen ausgeführt hatte: vielleicht kein Terror, sondern „nur“ Massenmord durch einen Wahnsinnigen?

Was Staatsanwaltschaft, Polizei und der Geheimdienst Säpo nun kurz vor dem Auftakt des auf drei Monate angesetzten Prozesses präsentierten, sprach deutlich für eine andere Version: Der Täter habe im Lkw auch mit einem selbst gebastelten Sprengsatz gezündelt. Kurz vor der Amokfahrt soll er ein Video mit „islamistischer Botschaft“ und der Ankündigung „Zeit zum Töten“ auf seinem Handy eingespielt haben.

Die populäre und fast immer dicht mit Passanten gefüllte Drottningsgatan als Tatort hatte er laut Staatsanwaltschaft über Monate vorher ausgekundschaftet und nicht zuletzt wegen ihres „hohen symbolischen Wertes“ ausgewählt. Auch dieses Detail lenkt den Blick auf Parallelen zum Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016. Während der dortige Attentäter Anis Amri angeblich vom „Islamischen Staat“ angeworben wurde, haben die schwedischen Ermittler keine aktive Steuerung von außen nachweisen können. Es fällt auch auf, dass der IS zu Stockholm schwieg, obwohl er sonst nach jedwedem Anschlag, egal wo, schnell und gern die Urheberschaft für sich beansprucht.

Die Staatsanwaltschaft sieht keine Indizien für eine aktive Unterstützung für Akilow durch andere. Für die Einordnung als Terrortat sei das auch ohne Belang, sagte Ankläger Ihrman: „Ob er nun vom IS dirigiert wurde oder nicht – der Effekt war derselbe.“ Nämlich neben Angst in der Bevölkerung die versuchte Erpressung des Staates, einen militärischen Einsatz abzubrechen. Dass der Prozess mit der Verurteilung zur lebenslänglichen Haft enden wird, gilt als sicher. Rachmat Akilow gilt als zurechnungs- und also auch voll schuldfähig.

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