Terror-Diskussion: Die Uni entdeckt sich neu

Die Hochschule - ein Sympathisanten-Sumpf? 1500 Studenten und Wissenschaftler diskutierten in Frankfurt

Von unserer Mitarbeiterin Gabi Schwall

Die Diskussion über den politischen Terrorismus ist eigentlich eine Ablenkungsstrategie von den Problemen der Hochschule.' Die meisten der rund 1500 Studenten, die am Donnerstagnachmittag in der Universität zu einer Veranstaltung über 'Die Universität - ein Sympathisantensumpf' kamen, stimmten dieser Aussage des Frankfurter Politikwissenschaftlers Joachim Hirsch zu. So wurden auf der Podiumsdiskussion nicht ausschließlich mögliche Ursachen und politische Hintergründe des Terrorismus referiert, sondern auch die möglichen Hintergründe dieser neuen 'Wendung zur Hochschule' (Soziologieprofessor Eike Henning) und der Aufforderung zum 'gemeinsamen rationalen Diskurs' (Universitätspräsident Hans Jürgen Krupp). Anlaß zu dieser teilweise hitzigen, jedenfalls aber engagierten Veranstaltung war zunehmender 'Druck von außen' auf die Universitäten (Theologieprofessor Dieter Stoodt), die Verdächtigungen von Politikern aller Couleur: 'Die Hochschulen sind Brutstätten für Terroristen', engerer Gegenstand war die 'Berliner Erklärung zum Terrorismus', die auch eine Reihe von Frankfurter Hochschullehrern unterzeichnet hatte; Joachim Hirsch, der wie alle mitdebattierenden Professoren die Erklärung

unterschrieben hatte, erklärte, die Universitäten hätten nichts mit den Anschlägen der RAF zu tun

Die 'politische Desorientierung der Studenten' aber hätte ihre Ursache sowohl in der 'alltäglichen Gewalt der Gesellschaft' wie auch in der falschen Politik der RAF. Hirsch sieht überdies in der mangelnden theoretischen Fundierung der politischen Diskussion ein 'starkes studentisches Defizit'.

Die Studentenbewegung der 60er Jahre sei unter dem Postulat angetreten, 'über die politischen Konsequenzen seines Handels nachzudenken', erinnerte Universitätspräsident Krupp. Dieses Nachdenken vermisse er heute bei den Studenten. Anspielend auf den umstrittenen Buback-Nachruf, kritisierte er die Unfähigkeit der Studenten, sich bei der Bevölkerung verständlich zu machen. Er forderte die Studenten auf, in dieser Situation nun gemeinsam mit allen Mitgliedern der Hochschule nachzudenken, wie die Universität sich wieder verständlich machen könne.

Im Gegensatz zu Hirsch und den meisten der anderen Redner ging Krupp sehr stark auf die lautstarken und teilweise unsachlichen Zwischenrufe der Vertreter des Kommunistischen Bundes Westdeutschland ein, was ihm den Appell eines Studenten einbrachte, doch bitte zur Sache und nicht zum KBW zu sprechen.

Egbert Jahn, Dekan des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften, führte aus, daß man die Ursachen des Terrorismus nicht 'individuell-psychologisch oder ideengeschichtlich' erfassen könne, sondern als 'eine Form der Reaktion auf gesellschaftliche Gewaltverhältnisse'. Der Politik der RAF liefere die 'Legitimation für den Ausbau der staatlichen Gewalt', sei jedoch nicht Ursache derselben. Der Buback-Nachruf sei nach seiner Meinung von der Intention her eindeutig antiterroristisch, von seiner Ausdrucksweise her jedoch mißverständlich ('ein schlechter Text'). Ein Vertreter der SHI (Sozialistische Hochschulinitiative) betonte die Existenz zweier 'Kulturen' an der Universität, die nichts miteinander zu tun hätten.

Er ging mehr auf den zweiten Anlaß zu dieser Diskussionsveranstaltung ein: Vor einigen Wochen sei in der Universität ein Büchertisch geräumt worden, wo der unkommentierte Buback-Nachruf verkauft wurde. Offiziell aus 'feuerpolizeilichen Gründen'. Er sprach von einer 'Doppelmoral' der politischen Auseinandersetzung. Zum Vorwurf der Anti-Intellektualität der Studenten führte er aus, daß die Ursachen dafür in den Erfahrungen an der Universität lägen, wo jahrelang in Gremien und Seminaren politische Diskussionen konsequent abgewürgt worden seien.

Die stellvertretende AStA-Vorsitzende Heidi Renk wies in scharfer Form die 'zweifelhaften Lorbeeren' des Universitätspräsidenten für den AStA zurück. Der AStA habe sich nie von Gewalt distanziert, sondern sich vielmehr um eine offene und ehrliche Diskussion über Gewalt und deren Ursachen bemüht. Frank Wolf, ehemaliger Frankfurter SDS-Vorsitzender, kritisierte daß Auseinandersetzungen über Gewalt in der Bundesrepublik 'nie ernsthaft' erwünscht würden.

In der anschließenden offenen Diskussion ging es vorwiegend darum, warum erst jetzt (kurz vor den Landtagswahlen, wie ein Teilnehmer bemerkte) zu rationaler Diskussion an der Universität aufgerufen würde, wo in den vergangenen Jahren Gesellschaftswissenschaften und politische Diskussionen als 'unnütz' angesehen wurden.

FR vom 25. November 1977

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion