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Belarus

Der Fall Roman Protassewitsch: Stalins Terror à la Lukaschenko

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Das „Geständnis“ des Bloggers Roman Protassewitsch aus Belarus im Staatsfernsehen erinnert fatal an einstige sowjetische Praxis. Das Regime in Minsk hat damit offensichtlich gar kein Problem.

Minsk - Zwei Männer sitzen auf einer dunklen Bühne, der eine stellt kurze Fragen, der andere antwortet ausführlich, gefilmt von mehreren Kameras, mal lächelt er, mal ist er den Tränen nahe, seine Stimme zittert. „Meine Schuld an der Organisation nicht genehmigter Massenaktionen habe ich sofort und völlig gestanden… Ich will alles tun, um meine Fehler wiedergutzumachen…“ Am Ende verbirgt er sein Gesicht in den Händen, deren Gelenke aufgeschürft sind – offenbar von Handschellen.

Am Donnerstagabend veröffentlichte das belorussische Staatsfernsehen ein 90-minütiges „Interview“ mit dem Oppositionsblogger Roman Protassewitsch, der bei der erzwungenen Landung eines Ryanair-Passagierflugzeugs auf dem Minsker Flughafen vor knapp zwei Wochen in die Hände der Staatsorgane fiel. Sein Fernsehauftritt wirkte wie eine Theateraufführung über Stalins Schauprozesse in den 30er Jahren.

Der Fall Roman Protassewitsch in Belarus: Interview im Staatsfernsehen

Protassewitsch hatte im Herbst 2020 als Redakteur des aus Warschau arbeitenden Telegramkanals „Nexta“ die friedlichen Massenproteste in Belarus gegen den diktatorisch regierenden Staatschef Alexander Lukaschenko mit koordiniert. Jetzt versichert er, er respektiere Lukaschenko bedingungslos, der habe eiserne Nerven. Der eigenen Seite aber unterstellt er, dort gebe es nur „Experten im Geldwaschen“.

Er sagt, Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja sei sich bewusst, dass die von ihr angestrebten Wirtschaftssanktionen gegen Belarus für ihre Landsleute Hunger bedeuten würden. Und Pawel Latuschko, der Leiter der „Antikrisenverwaltung“ der Opposition, wohne in Warschau in einer Wohnung, die 3000 Euro im Monat koste. In Oppositionskreisen scherze man, Latuschko habe wieder eine Finanzierungskampagne gestartet, um sich wegen seiner Alkoholprobleme eine neue Leber einpflanzen zu lassen.

Das vom belarussischen ONT-Kanal gezeigte Videostandbild des Blogger Roman Protassewitsch zeigt Fesselspuren an einem Handgelenk.

Außerdem behauptet der 26-jährige Blogger, er selbst hätte bei einem im Mai geplanten Militärumsturz mit dem Ziel, Lukaschenko zu töten, der „Verbindungsmann“ zwischen den Verschwörern und Tichanowskaja sein sollen. Abstruse Selbstbezichtigungen und Schuldzuweisungen an andere „Verräter“, die ganz typisch sind für die Verhörprotokolle, die von Stalins „Großem Terror“ 1936 bis 1938 erhalten geblieben sind. „Stalin wollte, dass seine Gegner sich öffentlich mit Lügen selbst anklagten und dann erniedrigt in den Tod gingen“, erklärt der Moskauer Historiker Nikita Petrow diese Strategie. Lukaschenko agiere mindestens ebenso zynisch.

Belarus: Vater von Blogger Roman Protassewitsch vermutet erzwungenes „Geständnis“

Protassewitschs Vater Dmitri erklärte dem russischen Kanal „TV Doschd“, er sei sicher, dass sein Sohn zu jenen Aussagen gezwungen wurde. „Sie können ihn mit allem Möglichen erpressen, mit seinem eigenen Leben oder damit, dass in einer Nachbarzelle sein Mädchen sitzt“. Pratasewitschs Freundin Sonja Sapega war mit ihm zusammen verhaftet worden.

Roman Protassewitsch
Geboren5. Mai 1995
Geburtsort Minsk, Belarus
BerufJournalist, Blogger, Aktivist, Mitbegründer von Nexta\"

Swetlana Tichanowskaja sagte der Agentur Reuters, das Video sei mit Hilfe von Folter entstanden, die Aussagen des Opfers deshalb ohne jede Bedeutung. „Die Aufgabe eines politischen Häftlings ist es, zu überleben.“ Das Interview endet mit einem weinenden Protassewitsch, die Kamera weidet sich eine Minute an seinen Tränen. Dann verkündet Moderator Marat Markow, tatsächlich habe man vier Stunden geredet, viele Namen und Fakten könne man erst nach dem Ende der Ermittlungen bekannt geben. Laut Protassewitschs Vater hat der Sohn weiterhin keinen anwaltlichen Beistand.

Justiz in Belarus übt Druck auf Gefangene aus

Welchen Druck Lukaschenkos Justiz auf ihre Gefangenen ausübt, demonstrierte am Dienstag (1. Juni 2021) auch Stepan Latypow, dem in Minsk als angeblichem Organisator von „Massenunruhen“ der Prozess gemacht wird. Er rammte sich im Gerichtssaal einen Kugelschreiber in den Hals und wurde ins Krankenhaus gebracht. Vor seinem Suizidversuch rief er seinem Vater zu, der als Zeuge vernommen wurde, man habe ihm mit Strafverfahren und einem „Presshaus“ für Verwandte und Nachbarn gedroht, einer Zelle mit gewalttätigen Psychopathen. „Ich sitze schon 51 Tagen im ,Presshaus‘!“

Historiker Petrow sagt, auch Protassewitschs Auftritt zeige, wie Lukaschenkos Regime Menschen unter Druck setzt und zerbricht. (Stefan Scholl)

Rubriklistenbild: © dpa

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