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Im Wartezimmer sehr erwünscht: die Tugend der Geduld.

Terminservicegesetz in Hessen

Ärzte wollen kein „Terminshopping“

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In Hessen wächst der Widerstand gegen Jens Spahns Pläne.

Bei den Ärzten macht sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit seinem Terminservicegesetz keine Freunde. In Hessen sagte die Landesärztekammer (LÄKH) schon vor einem Jahr unverblümt, was sie von den Plänen des seinerzeit neuen Ministers hält: Ein Affront gegen ihre Profession sei das Vorhaben, die Sprechzeiten zu verlängern. Die meisten Ärzte arbeiteten schon jetzt bis zum Rand der Erschöpfung. Bei der Bevölkerung würden erneut Erwartungen geweckt, die angesichts des Ärztemangels nicht erfüllbar seien. Die Politik riskiere einen „Crash der ambulanten Versorgung“. Die funktioniere am besten ohne staatlichen Eingriff. Sei eine zeitnahe Weiterbehandlung durch einen Facharzt geboten, greife der Hausarzt zum Telefon und besorge dem Patienten einen Termin beim Kollegen.

Für den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH), Frank Dastych, ist die Gesundheitspolitik schizophren. Einerseits fordere der Gesetzgeber, das die Versorgung „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ zu sein habe. Andererseits suggerierten Krankenkassen und Politik die „unbegrenzte Verfügbarkeit medizinischer Leistungen“. Patienten hätten inzwischen eine „Flatrate-Mentalität“ entwickelt, die sich in der weltweit höchsten Zahl von 28 Arztbesuchen pro Jahr widerspiegelt. „Demnächst gibt es 24-Stunden-Terminshopping“, schimpft Dastych.

Auch drei Jahre nach Eröffnung der Terminservicestelle halten die hessischen Kassenärzte den Vermittlungsdienst für Humbug und herausgeschmissenes Geld. Zehn neue Mitarbeiter hatte die KV zum Start eingestellt, weitere zehn standen zum Abruf bereit. Der Start verlief mehr als schleppend. Die Bilanz nach den ersten sechs Monaten: An durchschnittlich 126 Patienten pro Tag wurden 39 Termine vergeben. Mehr als ein Drittel der Anrufer legte ohne Termin wieder auf, weil sie nur wissen wollten, wie die Servicestelle funktioniert, weil ihnen der Weg zum vermittelten Facharzt zu weit war oder weil die dringliche Überweisung vom Hausarzt fehlte.

Inzwischen, zweieinhalb Jahre später, haben sich die Zahlen zwar deutlich erhöht, zeugen nach Meinung der KVH aber immer noch von einem Bedarf, der den Aufwand nicht rechtfertigt: Pro Tag gehen demnach rund 231 Anfragen ein. Die Hälfte davon habe den Anspruch auf Vermittlung – sprich: eine vom Hausarzt ausgestellte, dringend eingestufte Überweisung zu einem Facharzt. Für Augenarzt, Frauenarzt oder das Erstgespräch beim Psychotherapeuten ist die nicht notwendig. Am gefragtesten sind Psychotherapeuten, gefolgt von Neurologen, Radiologen, Orthopäden und Psychiatern. Je nach Fachrichtung müssen die Patienten bis zu einer Stunde fahren. Die durchschnittliche Dauer bis zum Termin pro Vermittlung betrage 16 Kalendertage.

Mangel bei Psychotherapie

Verantwortlich für den Zuwachs an Anfragen ist vor allem die Einführung der so genannten Psychotherapie-Sprechstunde im April 2017. Knapp fünf Wochen dauert es in der Regel, bis die Terminservicestelle Patienten zu einem dieser Erstgespräche verholfen hat. Nicht verkürzt haben sich hingegen die Wartezeiten auf eine Psychotherapie selbst. Sie beträgt laut Psychotherapeutenkammer Hessen knapp 15 Wochen. Besonders schlecht sei die Versorgung in ländlichen Regionen. Die Planungen der Psychotherapie-Praxissitze müssten dringend dem Bedarf angepasst werden.

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