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Demonstrantin in Moskau 2018: Das Unternehmen Telegram hat einen Papierflieger als Logo.

Russland

Telegram setzt sich durch

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Die russische Regierung gibt den Kampf gegen den gut verschlüsselten Messengerdienst auf.

Einerseits blockierten die Staatsorgane „Telegram“, andererseits verwendeten sie den Messenger selbst, erklärte der Parlamentarier Fedot Tumussow gegenüber Radio Business FM als Erklärung, warum er am Dienstag gemeinsam mit seinem Duma-Kollege Dmitri Jonin einen Gesetzentwurf eingebracht hat. Ein Verbot, Internetdienste wie Telegram, die die Behörden zur Informationszwecken nutzen, zu blockieren, schade dem Messengerdienst weniger als dem Prestige der russischen Staatsmacht.

Es ist die erste Gesetzesinitiative für mehr digitale Freiheit in Russland seit Jahren. „Alle anderen Gesetze, die die Duma verabschiedet hat, dienten dazu, das Internet noch mehr zu kontrollieren“, sagt Alexander Isawnin, Analytiker der Moskauer „Gesellschaft zum Schutz des Internets“ der FR. „Eine schmähliche Kapitulation“ des Staats, erklärt Alexander Gorbunow, Autor des populären Telegram-Kanals „Stalingulag“ dem Sender TV Doschd.

Tatsächlich versuchen die russischen Behörden seit April 2018, den Messengerdienst lahmzulegen. Zuvor hatte sich Telegram-Gründer Pawel Durow geweigert, dem Geheimdienst FSB Codes zur Verfügung zu stellen, um die Mitteilungen der Nutzer auch in geheimen Chats zu entschlüsseln. Allerdings ist das nach Ansicht von Experten mit der Technologie von Telegram unmöglich, weil die Codierung auf den Endgeräten der Kunden erfolgt. „Die Forderung des FSB ist so unerfüllbar, wie der Befehl der Prinzessin, ihr zu Neujahr Schneeglöckchen zu pflücken“, spottet Isawnin.

Als ebenso unmöglich erwies sich eine Blockade Telegrams. Die erfolglosen staatlichen Angriffe auf seine IP-Adressen schädigten nur Zehntausende anderer Domänen: Google, das Sozialnetz Odnoklassniki, Versicherungsgesellschaften oder Hochschulen. Schlimmer noch, die Zahl der Nutzer des widerspenstigen Dienstes schnellte in die Höhe. Laut der Zeitung „Nowaja Gaseta“ haben bereits 15 Millionen Russen die Telegram-App heruntergeladen. Auch Topbeamte und Parlamentarier nutzen den Dienst, laut TV Doschd gehören Kremlsprecher Dmitri Peskow dazu, staatliche Corona-Stäbe und das Außenministerium.

Die Obrigkeit wird das Überleben des Messengers verschmerzen. Sie nutzt dessen Möglichkeiten ohnehin schon massiv zu Propagandazwecken. Lautstarke Ideologen des Staatsfernsehens wie Wladimir Solowjow agitieren inzwischen über eigene Telegram-Kanäle ein Millionenpublikum. Auf diesen Kanälen kann jeder, der will, anonym Informationen oder Meinungen verbreiten. Kreml-Leute kaufen sich seit Jahren in populäre Kanäle ein, um ihr regimekritisches Publikum zu beeinflussen. „Für Geld sind deren Autoren bereit, alles Mögliche zu verbreiten“, schreibt das Portal proekt.media. Die größten Kanäle verlangten für Posts von über 100 Wörtern etwa 10 000 Dollar in Bitcoin. Laut der „Nowaja Gaseta“ kontrolliert die Staatsmacht inzwischen 70 Prozent der Telegram-Kanäle.

Die russischen Medien vergleichen Telegram trotzdem gern mit Untergrunddruckereien im Zarenreich oder dem „Samisdat“, dem Umlaufsystem von Schreibmaschinenkopien verbotener Literatur zur Sowjetzeiten. Tatsächlich nutzen Putin-Gegner die Chats des Dienstes ebenso wie Putins Gefolge. „Telegram ist eine erfolgreiche Technologie wie das Internet selbst, weder für noch gegen die Opposition“, sagt Experte Isawnin. Und bei den Beamten sei der Dienst schon immer populär gewesen: „Sie können dort ungestört ihre Korruptionsgeschäfte diskutieren.“

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