Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

FR vom 13. September 2001

Telegener Terror - live

Um 14.48 Uhr mitteleuropäischer Zeit stürzt die erste Passagiermaschine in das World Trade Center. Acht Minuten später sind auf den Nachrichtenkanälen n-tv und N24 die ersten Bilder zu sehen, aufgenommen von CNN. Von Markus Brauck und Ingrid Scheithauer.

"Wir gehen jetzt auf Sendung, und wir bleiben auf Sendung - so lange, bis die Welt untergeht." Ted Turner braucht große Worte, als er sich im Juni 1980 anschickt, mit seinem Nachrichtenkanal die Medienwelt zu verändern. In Manhattan geht am Dienstag ein Stück Welt unter - und CNN sendet. Es dauert nur wenige Minuten, bis die Welt informiert ist. Um 14.48 Uhr mitteleuropäischer Zeit stürzt die erste Passagiermaschine in das World Trade Center. Acht Minuten später sind auf den Nachrichtenkanälen n-tv und N24 die ersten Bilder zu sehen, aufgenommen vom US-Sender CNN. Als um 15.04 das zweite Flugzeug auf die Türme zu rast, können die Fernsehzuschauer live zusehen. Zwischen 15 Uhr und 15.15 Uhr schalten sich die anderen Programme hier zu Lande in die Berichterstattung ein.

Die Welt sieht zu, wie die USA vom Terror heimgesucht werden. Es sind die schockierendsten Live-Bilder, die das Medium Fernsehen je gesendet hat, und das liegt auch daran, dass es fernsehgemäße Bilder sind. Der Terror bietet telegene Bilder. Hollywoods (Alb-)Traumfabrik, von der Wirklichkeit überholt.

Sonst ist das Fernsehen meist nur in der Lage, die Folgen der Katastrophe zu zeigen, und verfügt über keine Bilder vom Ereignis selbst. So wie es keine Fernsehbilder vom Absturz der ersten Passagiermaschine gibt und keine vom Anschlag auf das Pentagon. Doch weil die Sender innerhalb von Minuten das brennende World Trade Center in den Blick der Kameras nehmen, sind sie live dabei, als der zweite Jet im Gebäude explodiert. In diesen Sekunden hat die Terrorwelle ein Bild. Da es bei Terror-Anschlägen auch auf Öffentlichkeit und das Schüren von Angst in der Öffentlichkeit ankommt, steht zu vermuten, dass dieser Medien-Effekt perfide eingeplant wurde. So gesehen dürfte das Sendezentrum in Atlanta der sicherste Platz vor Anschlägen sein.

Es ist die Explosion der US-Raumfähre Challenger im Januar 1986, die CNN auf die internationale Bühne katapultiert. Live werden die schaurig-schönen Bilder vom verglühenden Stolz der Nasa rund um den Globus geschickt. Und exklusiv. Und als Anfang 1991 Bomben auf Bagdad fallen, ist die Welt dabei dank CNN und seiner Reporter. Peter Arnett und Bernhard Shaw berichten vom Dach eines Hotels, wie die Cruise Missiles in der irakischen Hauptstadt einschlagen. Wie "Christbäume" sähen die Raketenanschläge aus. Bei Kriegen, Krisen, Katastrophen spielt CNN seine Stärken aus, ist allen anderen Fernsehsender überlegen.

Auch in dieser Terror-Welle entwickelt sich CNN zum Auge der Welt. Innerhalb von Minuten stellt der US-Sender eine Welt-Öffentlichkeit her und ist in Augenblicken live an allen Schauplätzen: Vor Ort in New York und Washington, bei der Pressekonferenz der Taliban in Kabul, bei jubelnden radikalen Palästinensern, beim Bombenangriff auf Kabul. Dank eines ausgeklügelten Satellitensystems, das CNN sein eigen nennt, ist das Fernsehunternehmen aus Atlanta längst zum Sender des Globalen Dorfes geworden.

Doch was, wenn die Bilder nicht mehr für sich selbst sprechen, wenn die Ereignisse sich nicht nahtlos zusammenfügen? So wie bei dem langen Fernsehabend am Dienstag, als das Medium disparate Bilder lieferte: Einmal Terror, Tod und Entsetzen, dann Jubel, schon wieder neue Ereignisse - wie das Bombardement Kabuls - deren Bedeutung der Zuschauer zu Hause unmöglich einschätzen kann. Und die auch die Fernsehredaktionen verwirren. Dann ist das Fernsehen am Ende seiner Deutungsmöglichkeit.

FR vom 13.09.01

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare